Die Hälfte kann nicht zu Hause arbeiten

Vielen Beschäftigten droht eine Corona-Infektion am Arbeitsplatz, weil für sie Homeoffice nicht möglich ist

  • Von Simon Poelchau
  • Lesedauer: 4 Min.

Nachdem nun weitere Kontaktbeschränkungen zur Bekämpfung von Covid-19 in Kraft getreten sind, steht das soziale Leben weitestgehend still. Doch ein Bereich ist fast gänzlich von den Maßnahmen ausgeschlossen: die Arbeitswelt. Die Arbeitgeber seien »dringend gebeten, großzügige Homeoffice-Möglichkeiten zu schaffen«, hieß es wachsweich im Beschluss von Bund und Ländern vergangene Woche. Und auch am Montag beließ es Bundesarbeitsminister Hubertus Heil bei Appellen. »Willkürlich Homeoffice zu verweigern, wäre jetzt unverantwortlich«, sagte zwar der SPD-Politiker im NDR, gleichzeitig betonte er aber, dass es darum gehe, »dass unsere Wirtschaft, wo immer es geht, am Laufen gehalten wird«.

Dabei ist in weiten Teilen der Wirtschaft der Gang ins Homeoffice gar nicht möglich, weil die Hälfte der Bevölkerung keine Büroarbeit leistet, die zur Not auch von zu Hause gemacht werden könnte. Laut der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion, die »nd.derTag« vorliegt, gingen im Jahr 2018 53,7 Prozent der Beschäftigten keiner Bürotätigkeit nach. Während bei den Banken und Versicherungen neun von zehn Angestellten am Schreibtisch arbeiten, ist es zum Beispiel im Baugewerbe (22,6 Prozent) und in der Land- und Forstwirtschaft (19,8 Prozent) nur jeder fünfte Beschäftigte. Auch im verarbeitenden Gewerbe haben mit 42,3 Prozent weniger als die Hälfte einen Bürojob.

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow brachte vergangene Woche deswegen einen harten Lockdown - auch für die Wirtschaft - ins Spiel. »Der Fehler, den wir in ganz Deutschland gemacht haben, war, dass wir den Dezember nicht genutzt haben, um tatsächlich auch die allgemeine Wirtschaft in eine Pause zu schicken«, sagte der Linke-Politiker dem MDR. »Alles, was nicht lebensnotwendig ist oder systemisch nicht abgestellt werden kann, hätte vier Wochen lang angehalten werden müssen.«

Bei den Arbeitgebern will man davon nichts wissen. »Das ist doch absurd. Sie können doch nicht alle Betriebe schließen«, sagte Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger im Interview mit der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung«, auf die Idee einer zweiwöchigen Schließung aller Betriebe angesprochen. Die Menschen müssten weiterhin versorgt und das Land am Laufen gehalten werden.

Stattdessen schiebt der Chef der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) in Sachen Infektionsgeschehen den Schwarzen Peter den Angestellten zu: »Heute beobachte ich bei meinen Mitarbeitern, die einer Bürotätigkeit nachgehen, zumindest einen Trend, dass man nach einer langen Phase daheim gerne mal wieder in den Betrieb kommt, um auch mal wieder die Kollegen zu sehen - zwar nur mit Abstand, aber immerhin«, so Dulger weiter.

Jutta Krellmann machen solche Sätze wütend. »Arbeitsschutz ist Arbeitgeberpflicht, ob im Betrieb oder im Homeoffice. Arbeitgeberpräsident Dulger hat doch nicht mehr alle Tassen im Schrank, wenn er die Verantwortung auf die Beschäftigten abwälzt«, sagt die Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag für Mitbestimmung und Arbeit gegenüber »nd«. Die Mehrheit der Beschäftigten könne gar nicht von zu Hause aus arbeiten. Auch sie habe in der Coronakrise ein Recht auf sichere Arbeitsbedingungen. »Wir brauchen Schutzmaßnahmen an jedem Arbeitsplatz, um auch dort mögliche Infektionsketten zu durchbrechen. Betriebe die fahrlässig die Gesundheit ihrer Mitarbeiter gefährden, müssen konsequent dichtgemacht werden«, erklärt Krellmann weiter.

Die Arbeitgeber mehr in die Pflicht nehmen will auch Verdi-Chef Frank Werneke. Statt nur an die Unternehmen zu appellieren, könne die Bundesregierung »mit einer verbindlicheren Formulierung der Arbeitgeberseite eine eindeutige Regelung auferlegen, die im Sinne der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ist«, sprach sich der Gewerkschafter Ende vergangener Woche gegenüber dem Magazin »Stern« für eine Pflicht für Arbeitgeber aus, ihren Beschäftigten in der Coronavirus-Pandemie das Arbeiten von zu Hause aus zu ermögliche. Dabei warnte Werneke aber auch vor Problemen beim Homeoffice: »Viele Menschen, die mobil arbeiten, müssen stark improvisieren, haben vielleicht nicht einmal genug Platz für einen Schreibtisch. Das funktioniert mitunter mehr schlecht als recht.«

So sieht es auch Linke-Politikerin Krellmann: »Wer im Homeoffice arbeitet, ist zwar sicher vor Corona, macht sich im Zweifel aber den Rücken kaputt.« Schon jetzt verursachen Muskel-Skelett-Erkrankungen, also häufig durch zu langes Sitzen verursachte Leiden, mit 23,4 Prozent mit Abstand die meisten Krankentage. Dieses Problem kann sich noch verstärken, wenn die Beschäftigten zu Hause keine richtigen Büromöbel haben. »Statt Arbeiten am Küchentisch brauchen wir ordentliche Arbeitsplätze auch zu Hause«, sagt Krellmann. »Die Arbeitgeber müssen für die entsprechende Ausstattung sorgen.«

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