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  • Gedenkstätte »Runde Ecke«

Eine Stasi-Gedenkstätte als Erbhof

Bürgerkomitee Leipzig lehnt Mitgliedsanträge ab / Anhaltende Kritik an Ausstellung in der »Runden Ecke«

  • Von Hendrik Lasch
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Entscheidung reifte satte 16 Monate und wurde ohne nähere Begründung verkündet. Der Bürgerkomitee Leipzig e.V., so erfuhr Gisela Kallenbach kurz vor Silvester aus einem neun Zeilen kurzen Brief, will sie nicht als Mitglied. Ihren entsprechenden Antrag vom Herbst 2019 habe der Vorstand »nach gründlicher Erwägung« abgelehnt. Eine Erklärung hielt man nicht für nötig. Neun weitere Interessenten wurden ebenso kühl abgewiesen.

Der Vorgang ist ein Politikum. Der Verein »Bürgerkomitee« betreibt in Leipzig die Gedenkstätte »Runde Ecke«, die seit 30 Jahren in der früheren örtlichen Stasi-Zentrale an die unseligen Machenschaften des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR erinnert. Vor allem mit einer Ausstellung am authentischen Ort wolle man die »Erinnerung an die Diktatur« bewahren und den »Wert von Freiheit und Selbstbestimmung« verdeutlichen, postuliert der Verein. Diese Arbeit ist der öffentlichen Hand viel wert. Bund, Land und Stadt überwiesen zuletzt mehr als eine halbe Million Euro Förderung im Jahr.

An der Arbeit des Vereins gibt es aber anhaltende Kritik. Sie bezieht sich vor allem auf die Ausstellung, die seit 30 Jahren kaum verändert wurde und modernen gedenkstättenpädagogischen Anforderungen nicht gerecht wird. Mitarbeiter, die Gruppen durch die Exposition führen, bezeichneten sie in einem offenen Brief vom September 2019 als »inhaltlich, didaktisch und vom Zustand veraltet und restlos überholt«. Schon ein von der Stadt Leipzig im Jahr 2016 in Auftrag gegebenes Gutachten kam zu ähnlichen Schlüssen. Gutachter Rainer Eckert, Ex-Direktor des Zeitgenössischen Forums Leipzig, nannte die Schau »angesichts ihres Zustandes für gefährdet«. In der deutschen Erinnerungslandschaft genießt die »Runde Ecke« wenig Renommee. Ein Gedenkstättenchef aus Erfurt sprach im »Deutschlandfunk« despektierlich von einer »Heimatstube der Revolution«.

Die Kritik fruchtet nichts. Eckert stellte im Interview mit dem Stadtmagazin »Kreuzer« im Juni 2020 fest, es habe sich »vier Jahre lang nichts geändert«. Im Brief der Mitarbeiter ist von ergebnislosen Gesprächen, Frust und Resignation die Rede. Vorwürfe richten sich vor allem gegen Tobias Hollitzer, jahrelang Leiter des Museums und zugleich Vorstandsmitglied im Trägerverein. Er führe das Haus »allein und auf sehr autoritäre Weise«.

Die zehn Bürger, die im Herbst 2019 Anträge auf Mitgliedschaft stellten, begründen das mit »Besorgnis über diese Situation« und der »Überzeugung, dass die Gedenkstätte ein unverzichtbares Zeugnis der Friedlichen Revolution ist und bleiben muss«. »Wir wollen konstruktiv mitarbeiten«, sagte Kallenbach, die ab Herbst 1989 an der Auflösung des MfS in Leipzig beteiligt war und später für die Grünen im Europaparlament saß, dem »nd«. Weitere Anträge kamen unter anderem von Gesine Oltmanns, Mitglied im Vorstand der »Stiftung Friedliche Revolution«, und Monika Lazar, Bundestagsabgeordnete der Grünen und Stiftungsratmitglied in der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Das Bürgerkomitee hat allerdings kein Interesse an ihrer Mitarbeit. In einer Presseerklärung, deren Umfang in augenfälligem Gegensatz zu den knappen Ablehnungsbriefen steht, wird das mit der Sorge vor einem »Versuch einseitiger politischer Einflussnahme« begründet. Es handle sich um eine »konzertierte« Aktion aus dem Umfeld der Grünen. Weil der Verein laut Satzung parteipolitisch unabhängig arbeite, habe man die Angelegenheit »sehr grundsätzlich und über den Einzelfall hinaus abwägen« müssen - mit dem Ergebnis der Ablehnung. Laut Satzung entscheidet der Vorstand, wer Mitglied im Verein wird. Grundsätzlich ausgeschlossen ist das freilich nur für Ex-Mitarbeiter des MfS - sowie in Analogie für Angehörige anderer »Organisationen, die ihre Macht zum politischen oder persönlichen Schaden anderer ausüben«.

Kallenbach weist den Vorwurf der Parteipolitik zurück; nur vier der zehn Antragsteller seien Mitglied der Grünen. Sie habe »den Eindruck: Man möchte bestehende Strukturen zementieren«. Andere Abgelehnte werfen dem Verein Abschottung und Intransparenz vor und stellen die Frage, ob das mit dessen Gemeinnützigkeit vereinbar sei. Es gehe »nicht um eine Causa Hollitzer«, betont Kallenbach. Wenn aber in einer derart wichtigen Gedenkstätte einige wenige die »Deutungshoheit vereinnahmen«, dann »sollten die Geldgeber sich das genauer ansehen.«

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