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Akademische Tagelöhnerei

Prekär beschäftigte Volkshochschullehrer fordern im Koalitionsvertrag festgelegte Verbesserungen ein

  • Von Claudia Krieg
  • Lesedauer: 3 Min.

»Ich kann in meinem Traumberuf nicht arbeiten, denn ich sehe keine Möglichkeit, dass ich als selbstständige VHS-Dozentin meine Bafög-Schulden zurückzahlen oder eine Familie gründen kann«, erklärt eine junge Pädagogin, die an der Technischen Universität das Studium Deutsch als Fremd- und Zweitsprache absolviert hat. Ihre enttäuschten Schilderungen verliest Ulrike Schätte am Montagnachmittag in einer Online-Pressekonferenz, zu der die Gewerkschaft Verdi eingeladen hatte. Schätte arbeitet seit 23 Jahren in ein- und derselben Berliner Volkshochschule, mit 25 Stunden pro Woche, 20 Stunden davon sind Unterricht. Seit Ende August konnte die gelernte Germanistin aufgrund der Corona-Pandemie insgesamt nur 75 Unterrichtseinheiten anbieten und verdiente damit als Freiberuflerin nur 500 Euro im Monat. Viel zu wenig zum Überleben.

So wie ihr geht es vielen Volkshochschuldozent*innen. Schätte berichtet von einer anderen Kollegin, die sich Anfang vergangenen Jahres nicht getraut habe, wegen eines gebrochenen Arms an einer Reha-Maßnahme teilzunehmen: Sie hatte Angst, dann keine Kurse mehr geben zu dürfen, weil VHS-Dozent*innen immer nur Kurzzeitverträge über vier bis sechs Wochen erhalten. Nach einem Arztbesuch wegen neuerlicher Beschwerden wurde klar: Für eine Reha war es zu spät, der Arm muss noch einmal operiert werden. In der Pandemie gilt ein solcher Eingriff zurzeit allerdings als verschiebbare Operation und wird nicht durchgeführt. Ihr Arm erlaube es nun nicht mehr, Fahrrad oder Auto zu fahren, erklärt die Lehrerin: »Mit über 65 Jahren gezwungen zu sein, dieses Risiko auf mich zu nehmen, empfinde ich als unwürdig für einen Sozialstaat, für den ich lange und viel gearbeitet habe«, zeigt sie sich verbittert.

Beispiele wie diese gebe es sehr viele, erklärt André Pollmann von der Gewerkschaft Verdi. Mehr als 500 Kolleg*innen der insgesamt 4000 Berliner VHS-Dozent*innen habe man nach ihren persönlichen Erfahrungen gefragt, um deutlich zu machen, in welcher prekären Lage sie stecken: »Lehrer*innen an Volkshochschulen stemmen einen Großteil der außerschulischen und nachschulischen Bildung. Angemessen entlohnt oder abgesichert werden sie dafür nicht«, so Pollmann. 840 000 Unterrichtseinheiten in 20 500 Kursen und 80 Fächern werden von den Beschäftigten angeboten.

Dem Gewerkschafter geht es insbesondere um die rund 1000 arbeitnehmerähnlich Lehrenden, die von dieser Arbeit leben und etwa zwei Drittel des VHS-Unterrichts geben. »Sie leisten einen wichtigen Betrag zur Integration von Zugewanderten und in anderen Bereichen der Erwachsenenbildung wie beruflicher Bildung und Grundbildung, Fremdsprachen und Alphabetisierung«, heißt es in einer Verdi-Erklärung. Sie erhalten nur kurzfristige Wochenverträge, müssen aber andersherum für Monate im Voraus zusichern, dass sie Kurse anbieten. Eine Ausgleichszahlung, falls diese nicht zustande kommen, gibt es nicht, genauso wenig wie Arbeitslosengeld - Planbarkeit, Mutterschutz, Krankengeld: alles Fehlanzeige.

Einen Tarifvertrag lehnt die Tarifgemeinschaft der Länder ab. Das Berliner Abgeordnetenhaus hat am 4. Juni 2020 mit den Stimmen der Regierungskoalition jedoch beschlossen, die prekären Arbeitsverhältnisse der VHS-Dozent*innen endlich zu beenden und eine Rahmenvereinbarung als Ersatzlösung für einen Tarifvertrag für die Honorar-Beschäftigten abzuschließen. Dass der Berliner Senat kürzlich dieses Vorhaben ablehnte, erzürnt nun die Kämpfer*innen gegen die »akademische Tagelöhnerei«, wie Ulrike Schätte es nennt. Sie rufen zu Aktionen gegen die Weigerung des Senats auf.

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