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Keine Intimität ohne Gewalt

Die Literaturverfilmung »Der Prinz« zeigt das Gefängnis als Ort eines abgründigen Begehrens

  • Von Benjamin Moldenhauer
  • Lesedauer: 4 Min.
Wer – wen? Das ist auch im Knast die Frage.
Wer – wen? Das ist auch im Knast die Frage.

Eine Gefängniszelle im Chile der 1970er Jahre, kurz vor der Wahl Salvador Allendes. Darin vier Männer, der Älteste (Alfredo Castro), nennt sich der Hengst und tauft den Neuen, den jungen Jaime (Juan Carlos Maldonado), den Prinzen. In der ersten Nacht vergewaltigt der Hengst den Prinzen, und von da an steht der Jüngere im Knast unter dem Schutz des Älteren. Die Gefangenen in den Zellen und Fluren pulsieren sozusagen die ganze Zeit: Machtkämpfe, Begehren, Sex. Das ganze Geschehen ist unterbrochen von Rückblenden, in denen erzählt wird, wie Jaime an diesen Ort gekommen ist. Das hat mit einem Eifersuchtsrausch und einer abgebrochenen Flasche zu tun. Lust und Nähe sind in Sebastián Muñoz' Spielfilmdebüt »Der Prinz« mit Destruktion und Gewalt verbunden.

Es ist schon einmal das erste Überraschende: Es gelingt diesem Film, seine Liebesgeschichte so zu erzählen, dass man es plausibel finden kann, wie hier eine Verbindung aus der Gewalt heraus entsteht und sie transzendiert. Ohne dass die Gewaltakte verharmlost, romantisiert oder ihre Bilder in bräsige Unterwerfungserotik abgleiten würden, die das Machtgefälle filmisch ausbeuten und die nur deswegen genossen werden können, weil sie als Fantasie verstanden werden wollen. »Der Prinz« hingegen will von Wirklichkeiten erzählen und nicht von phantasmatischen Szenarien - der Wirklichkeit schwulen Begehrens, der Wirklichkeit des Gefängnisses, der Wirklichkeit im Chile der 70er Jahre. Das macht die Sache interessanter und auch komplizierter, weil alle diese Wirklichkeiten hier mit Gewalt amalgamiert sind. Jaime ist unglücklich in seinen besten Freund verliebt, weiß vor lauter Stau gar nicht mehr, wohin mit sich, und das endet in einem Mord. Die Wärter im Gefängnis foltern aus Lust an der Demütigung. Und das alles wird zusammengehalten von einem Geschichtsbild, in dem die Welt außerhalb des Gefängnisses sich für den Protagonisten nicht prinzipiell von der innerhalb unterscheidet: In beiden ist Jaime auf verschiedene Weise unfrei.

Das Gefängnis aber wird zum Ort, an dem die innere Befreiung gelingt. Die Zelle zeigt »Der Prinz« in rötlich-erdfarben wirkenden Bildern, die tatsächlich Wärme abstrahlt. »Als er ein sinnloses Verbrechen begeht, verliert er die Freiheit«, interpretiert Sebastián Muñoz die lang vergessene Romanvorlage von Mario Cruz, die 1972 in Chile im Selbstverlag und im vergangenen Jahr erstmals auf Deutsch erschienen ist. »Doch zur selben Zeit findet er einen Ort, an dem er Zuneigung erfährt und lernt, in seinem eigenen Körper zu leben.« Aus diesem einfachen Paradox heraus entfaltet »Der Prinz« seine Geschichte. Das Gefängnis, also der äußere Zwang, ist die Bedingung dafür, dass Jaime (der berühmt und bewundert und begehrt werden möchte und gerne und viel in den milchigen Spiegel schaut, um herauszufinden, wen er da eigentlich sieht) sein Begehren verwirklichen kann.

Für diese Verwirklichung findet »Der Prinz« raue, ruppige, dabei aber durchkomponierte Bilder, eingefangen von einer zurückgenommenen, bewegungsarmen Kamera. Ihre Ruhe und die Zuneigung, die sie allen Figuren (ausgenommen den Gefängniswärtern) schenkt, machen es überhaupt erst möglich, dass man dem Film seine Coming-of-Age- und Coming-out-Geschichte abnimmt. Denn auch wenn vermittelt über die Radios der Häftlinge immer wieder Allende-Reden zu hören sind, geht es hier nur am Rande um ein im engeren Sinne politisches Bild vom Chile der 70er Jahre, sondern darum, den Helden bei seiner Suche nach sich selbst in mindestens zwei repressiven Wirklichkeiten zu begleiten. Und das endet hier nicht im harmonischen Ausklang zwischen Subjekt und Welt, sondern in der Einnahme einer Machtposition, aus der heraus man bestimmen kann, wie und als was man gesehen wird.

Am Ende ist es Jaime, der den Neuen einweist, Spitznamen vergibt und ihn unter die Gefängnisdusche schickt. Es gibt keine intime Verbindung in diesem nicht nur in dieser Hinsicht dunklen und traurigen Film, die nicht auf einem durch Gewalt konstituierten Machtgefälle basiert. Dass »Der Prinz« seinen Antihelden nicht denunziert, sondern ihn so ins Bild setzt, dass man ihn nicht nur verstehen, sondern sich immer wieder in ihm wiedererkennen kann, das ist schon ein starkes Stück.

»Der Prinz«, Regie: Sebastián Muñoz, Chile/ Argentinien/Belgien 2019. 96 Minuten. Als DVD und Video on Demand (Edition Salzgeber).

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