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Schluss mit dem Billigfleisch

Artgerechte Tierhaltung geht nur mit einer politischen Neuausrichtung der Agrar- und Ernährungspolitik, meint Olaf Bandt

  • Von Olaf Bandt
  • Lesedauer: 3 Min.

Seit 2011 geht ein breites gesellschaftliches Bündnis aus Bäuer*innen, Tier- und Umweltverbänden sowie entwicklungspolitischen Nichtregierungsorganisationen gemeinsam mit Verbraucher*innen für eine Agrar- und Ernährungswende auf die Straße. Zum Auftakt der »Grünen Woche« in Berlin, der weltgrößten Agrarmesse, finden im Januar 2021 bereits zum elften Mal Proteste statt. In den vergangenen Jahren sind jährlich Zehntausende Menschen, mehr als hundert Traktoren für eine bäuerlich-ökologischere Landwirtschaft und artgerechte Tierhaltung, für Klimagerechtigkeit und globale Solidarität zusammengekommen. In diesem Jahr kann es keine Großdemonstration geben. Der Protest findet in Form einer Corona-konformen Mitmachaktion statt. Nach dem Motto »Lasst uns gemeinsam die Agrarwende lostreten!« bringt das Bündnis am Samstag Fußabdrücke für die Agrarwende vor das Kanzlerinnenamt, die Aktive aus ganz Deutschland vorher eingeschickt haben.

Es gibt weiterhin viele Gründe, für ein radikales Umsteuern in der Agrar- und Ernährungspolitik einzutreten. Ob Insektensterben, Glyphosateinsatz, unfaire Subventionen, Benachteiligung des ökologischen Landbaus, Lobby für Gentechnik: Das Agrarministerium hat kaum nachhaltige Initiativen vorgelegt. Es hat vielmehr häufig versucht, nicht Nachhaltiges festzuschreiben, zum Teil gegen die Empfehlungen der eigenen Expert*innen und trotz ausgehandelter Ideen, wie es anders aussehen könnte.

Der gesellschaftliche Wunsch nach einer klima- und umweltfreundlichen sowie artgerechten Tierhaltung erfordert eine weitreichende politische Neuausrichtung der Agrar- und Ernährungspolitik. Niedrigpreise und die Ausrichtung des deutschen Fleischsektors auf den Weltmarkt machen es den Bäuer*innen schwer, auf die gestiegenen nationalen Anforderungen nach mehr Umweltschutz und mehr Tierwohl zu reagieren. Sie protestieren richtigerweise für faire Erzeugerpreise. Falsch ist es, dies gegen höhere Umweltauflagen auszuspielen. Im Gegenteil wäre es sinnvoll, dass Bäuer*innen und Umwelt- und Entwicklungsverbände für faire Erzeugerpreise und hohe Tierschutz- und Umweltstandards kämpfen. Damit bestünde die Chance, dass sich die europäische Landwirtschaft der ökologisch und sozial verheerenden Weltmarktabhängigkeit entziehen kann.

Doch der Umbau bedarf einer umfassenden politischen Strategie und muss auf der Konsum- wie auf der Produktionsseite ansetzen. Wichtigste Maßnahme bis 2050: den Konsum tierischer Produkte halbieren. Denn schon wenn der wöchentliche Fleischkonsum von etwa 1,1 Kilogramm auf 600 Gramm sinkt, könnten die Schweine- und Mastgeflügelbestände um über 40 Prozent auf ein umweltfreundliches Maß reduziert werden.

Verhaltensänderungen der Menschen sind nicht einfach so zu erwarten. Es sind vorwiegend junge Menschen, die meist aus politischen Gründen ihren Fleischkonsum reduzieren. Stadt oder Land, Akademiker oder Arbeiter - solche Unterschiede spielen beim Griff zu vegetarischen Produkten keine Rolle mehr. Aber noch immer essen Männer viel mehr Fleisch als Frauen.

Geringeren Fleischkonsum wird die Politik nur mehrgleisig erreichen. Dazu gehören Informationskampagnen und die Förderung pflanzlicher Ernährung in Kitas, Schulen, Krankenhäusern und anderen Einrichtungen. Stattdessen werden Eier, Fleisch und Milch aktuell mit einem reduzierten Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent belegt. Ein Modell, das Ende der 1960er Jahre allen Bürger*innen den Konsum ermöglichen sollte, ist in heutigen Zeiten des überhöhten Konsums ein antiquiertes Steuerungsinstrument.

Zeitgemäß wäre die steuerliche Begünstigung pflanzlicher Produkte. Damit würde die Politik es allen Menschen ermöglichen, sich gesund und klimafreundlich zu ernähren. Eine Ernährungswende muss sozialpolitisch flankiert werden.

Ein reduzierter Fleischkonsum ermöglicht Spielräume für eine ökologische und artgerechte Tierhaltung. Die Bindung der Tierbestände in den Ställen an die vorhandenen Futterflächen ist zwingend. Aber auch der Umbau der Tierhaltung braucht Geld, um sozialverträglich zu sein. Die Umsetzung konkreter Vorschläge dazu wird vom Landwirtschaftsministerium seit Februar 2020 verzögert. Wie lange noch?

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