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Die leeren Augen von Klaus Michalke

Wie der Neoliberalismus in mein Leben kam.

Die 80er Jahre rochen nach dem Weichmacher meines Planschbeckens, Burgerfett und narkotisierendem »Lulu«-Parfüm. Die 80er schmeckten nach Tiefkühl-Pizza »Margherita«, Dosen-Ravioli, dänischen grellroten Knackwürsten und dem lauwarmen Orangennektar-Rest aus dem Tetra Pak. Die 80er bereiteten zudem auf eine diffuse Wandlung vor. Während ich vom Kind zum Teenager wurde, gab es auch eine Wandlung der Zeit an sich, des Wirtschaftssystems und der Sicht auf die Welt. Aber das wusste ich noch nicht.

1981 lebte ich mit meinen Eltern so vor mich hin. Gemütlich im Hamburger Speckgürtel eingerichtet. Vater arbeitet, Mutter nicht. Vier bis sechs Stunden Schule, dann nach Hause, Fertigessen, Hausaufgaben. Im Fernsehen »ZDF-Hitparade« oder »Na sowas!«. Am Wochenende Ausflüge an die Lübecker Bucht oder Segeln auf der Elbe mit Frikadellen aus der Tupperdose.

Cappuccino war Avantgarde

Die Probleme waren abstrakt, Arbeit war größtenteils da, und ein Sozialsystem gab es auch. Man diskutierte die 35-Stunden-Woche und protestierte gegen das neue Volkszählungsgesetz, wegen der Verletzung der Privatsphäre. RAF-Plakate mit mindestens zwölf Augenpaaren glotzten ins Postamt, wir spielten anstatt Räuber und Gendarm »Baader-Meinhof«. In der Stadtbäckerei war Cappuccino mit Sahnehaube Avantgarde, aufgeschäumte Milch nicht vorhanden. Der Hausarzt kam ins Haus, Krankenhäuser waren staatlich und die Deutsche Bundesbahn fuhr fast überall.

Ronald Reagan lernte ich einen Tag nach dem Attentat auf ihn kennen. Ich ging in die 4. Klasse, als meine Freundin mir erzählte, dass auf »Regen« geschossen wurde, er aber überlebt hätte. Was interessierte mich ein amerikanischer Präsident? »Ami, go home« war mir geläufig, hatte wohl auch irgendetwas mit der weißen Friedenstaube auf blauem Grund zu tun, die oft an den Fenstern klebte. Und mit Raketen, die wohl in Deutschland herumstanden und losgeschossen würden, wenn es Krieg geben würde.

Im Sommer 1981 beschloss die Schulkonferenz meine Tauglichkeit für das städtische Gymnasium. Im Gegensatz zu anderen Schulen, die ihre alten Stühle und Tische im Untergeschoss stapelten, gab es hier im Keller meterdicke Stahlwände, Operationssaal und Lazarettpritschen, Gummischürzen und Schnabeltassen. Es war das größte Hilfskrankenhaus in Westdeutschland, da wäre im Atomkrieg ziemlich viel los gewesen.

Friedenstaube im Mülleimer

Schüler aus den höheren Klassen organisierten Frieden-AGs, in denen auch wir Unterstufler herumsaßen. Einmal nahm ich meinen Mut zusammen und sagte etwas im »Plenum«, so hieß das. Das wurde als drollig empfunden. Zu Hause warf ich meinen selbst getöpferten Friedenstauben-Anhänger aus der Friedens-AG in den spinatgrünen Tretmülleimer. Im selben Jahr wurde Helmut Kohl Bundeskanzler. Der hatte zwar auch eine übersichtliche Rhetorik, sollte mich aber die nächsten 16 Jahren begleiten.

Meine schulischen Leistungen zeigten, dass Schulempfehlungen nicht immer stimmen müssen. Jedes Halbjahr hatte eine neue mangelhafte Leistung in petto. Mathe, Englisch, Geografie bauten sich zu einem Horrorszenario auf, das ich nur noch als Nötigung empfand. Im Kino lief »The Day After«. Ich schaute den Film kurz vor Weihnachten ohne elterliches Wissen mit einer älteren Freundin. Das trug nicht unbedingt zu einem positiveren Allgemeinzustand bei. Nach einem Atomschlag über tote, verseuchte Kühe zu stolpern, erschien mir nicht sonderlich erstrebenswert. Auch zweifelte ich den Sinn meiner Atomschlagkeller-Schule an, wenn nach einem solchen Angriff draußen doch nur leblose Nutztiere herumlagen. »Regen«, der noch immer amerikanischer Präsident war, zeigte sich beeindruckt von diesem Film, so hörte man.

Du schaffst alles

Dass die Politik von Herrn Reagan und seiner britischen Verbündeten Frau Thatcher »den Markt« als heilige Kuh über alles stellte, wusste ich nicht. Hollywood propagierte den Ehrgeiz und den Glauben an sich selbst, sie nannten es den »American Dream«. So schmachtete ich einer bunten Melange aus Highschool-Filmen mit lustigen Leuten hinterher, die am Ende zumeist ein dramatisches Basketball- oder Football-Spiel in der allerletzten Sekunde gewannen, in Slow Motion zu pathetischer Musik. Du schaffst alles, du musst nur wollen! Als Alternative gab es eine Arbeiterin im Stahlwerk zu bewundern, die gut tanzte und es dann aus der Stahlhölle schaffte.

Ich schaffte es weder aus der Schule, noch schaffte ich es, in ihr besser zu werden. »American Dream« hin oder her. Die einzigen Lichtblicke waren Deutsch und Geschichte. Unser Klassenlehrer machte uns mit dem alten Rom vertraut, indem wir »Asterix« lasen. Die Tricks und Kniffe der Konsumwelt lernten wir auf einer Exkursion durch den örtlichen Supermarkt kennen. Unser Lehrer erklärte uns, wie sich der Mensch naturgemäß bewegt und wie die Waren und Sonderangebote aufgebaut werden. Und warum man dann Artikel kaufte, die man nicht brauchte. Wertvolle Informationen, sollte man denken.

Die Schule sah das anders. Nach zwei Jahren wurde unser Lehrer vom Dienst suspendiert. Jahrzehnte später erfuhr ich durch Zufall, dass dies mit seiner DKP-Mitgliedschaft zusammenhing. Es wurde schnell Ersatz gefunden. Supermärkte hatten nun im Unterricht keinen Platz mehr. Das Römische Reich wurde wieder konventionell gelehrt, mittlerweile auch auf Latein. Nach Rückgabe der Klassenarbeiten durften alle Schüler aufstehen, die sich im Spektrum »Mangelhaft« und »Ungenügend« bewegten, und sich als abschreckendes Beispiel anstarren lassen.

Den Begriff »Neoliberalismus«, mit dem die Politik von Herrn Reagan und Frau Thatcher umschrieben wird, kannte ich natürlich noch nicht. Unterschwellig fühlte ich jedoch, dass sich mein Leben und mein Umfeld wandelten - weg von den kratzenden Strickpullis hin zu überteuerten Marco-Polo-Sweatshirts, vom überschaubaren Leben zum Wettbewerb, zu einem Versprechen, das mir ganz leise zuflüsterte: Du kannst ein Leben führen, wie in der »3 Wetter Taft«-Haarspray-Werbung: »Morgens Hamburg, mittags Rom, abends New York«, und das alles im Learjet mit astrein sitzender Betonfrisur. Ich hatte keine und führte das Leben eines leicht unförmigen Teenagers im Kreis Pinneberg: Weder Popper noch Punk, mit Klamotten von C & A, aber immerhin mit Hamburger S-Bahn-Anschluss.

Mitarbeiter des Monats

Das halbe Hähnchen am Vorstadt-City-Grill hatte ausgedient. Für Speckgürtel-Heranwachsende gab es nur ein urbanes Mekka des guten Geschmacks: Mc Donald’s. Eines Samstags, ich war gerade Teil einer geduldig wartenden Menschenschlange, die sich durch Sauerstoffreste und ein Bukett aus »Lulu«-Parfüm und Fritteusenfett auf den Großstadt-Brätertresen hinarbeitete, sah ich ihn: Klaus Michalke. Er starrte mich aus einem schmutzig-gelben Plastikbilderrahmen an - mit leeren Augen und nicht vorhandener Mimik, auf seinem Kopf thronte ein keckes Einweg-Mc Donald’s-Uniform-Hütchen. Er war der »Mitarbeiter des Monats«. Sonderlich zu freuen schien er sich nicht darüber. Ich war verwirrt. Warum hing dort dieses Bild? War Klaus Michalke jetzt reich und berühmt? Wie wurde man »Mitarbeiter des Monats?« Mc Donald’s kam schließlich aus Amerika. Bestimmt war es irgendwie gut, »Mitarbeiter des Monats« zu sein.

Im Kino war Kalter Krieg: Westen gut, Osten böse. Auch Präsident Reagans Rhetorik verschärfte sich. Die UdSSR war nun das »Reich des Bösen«. Und Rocky boxte nicht mehr gegen fiese Landsmänner, sondern gegen Ivan Dragan, den bösen Sowjetsportler. Tom Cruise wurde bekannt als zackiger Kampfpilot im Film »Top Gun«. Ich hatte auch Kontakt mit dem Osten. Ich war mittlerweile auf der Realschule und schrieb mir Briefe mit Michelle aus Erfurt. Es war eine arrangierte Brieffreundschaft meiner neuen Schule. Ich schrieb über die sonnenbankgebräunten Leute auf den »Bravo«-Postern, die auf der Textiltapete in meinem Jugendzimmer pappten. Ich schickte ihr »Impulse«-Duschschaum, und sie schickte mir Seife, deren Geruch mir aus ihrem Päckchen beißend entgegenwehte, aus diesem diffusen Land, dessen Grenze sich gut 30 Kilometer hinter Hamburg abzeichnete. Manchmal schickte ich ihr auch einen mit »Lulu«-Parfüm besprühten Douglas-Testpappen.

Stehtische aus Grabstein-Granit

Für eine Parfümflasche reichte das Taschengeld nicht. Wir fuhren jetzt in die Hamburger Innenstadt, um eine Parfümprobe der Douglas-Filiale im Hanseviertel, dem neuesten Einkaufstempel, zu ergattern. Das Parfüm in den Flakons blieb der zahlungskräftigen Boheme vorbehalten, die platinblonde Bauernzöpfe am legendären Hummerstand ausführte, während der Angorapulli gewollt leger als sogenannter Kampener Kringel Hals und Schultern dekorierte. Wieso betranken sich die Leute überhaupt im Einkaufszentrum? Der Hotspot lag neben Rolltreppe und Lüftungsanlage, die auf Schalentiere und klobige Stehtische aus Grabstein-Granit blies, während die Sonne durch die getönten Oberlichtfenster fahl auf den Sekt schien.

In der rund ein Jahr währenden Brieffreundschaft mit Michelle strotzte ich vor Selbstbewusstsein und protzte mit meinem ultralässigen Freundeskreis. Der lauwarme Katlenburger Erdbeersekt, den wir heimlich hinter der Jahrmarkt-Schießbude tranken, wurde im nächsten Brief zum »Kir Royal« auf einer wahnsinnig wilden Party. Ich betrieb Selbstmarketing. Was wollte ich damit erreichen? Einem Mädchen imponieren, das in einem anderen Land, in einem anderen System lebte? Vielleicht träumte sie wie ich von einem Leben, das ich in meinen Briefen vorgaukelte? Dann waren wir schon zu zweit.

Ich träumte von Wolkenkratzern, Palmen an Stränden, weiß wie Kokain. Alle drei Monate erschien meine Freundin mit dem neuesten Katalog eines Versandhandels für Poster und Platten. Wir bestellten wie von Sinnen - Poster von Manhattans Skyline in der Blue Hour, Maxi-Singles mit Liedern in »Extended Dance Version«, Poster von Kokain-Stränden. Gut, dass ich mittlerweile einen Job hatte, ich trug das kostenlose Anzeigenblatt der Lokalzeitung aus.

Das Geheimnis meines Erfolges

Der »All-American Boy« Michael J. Fox informierte mich im Film »Das Geheimnis meines Erfolges« über selbigen. Fans von Gel-Frisuren waren in »Wallstreet« sehr gut aufgehoben. In der Schule spielten wir Börsenspiele. Man musste kaufen und verkaufen und in der Zeitung diese elend langen Zahlenreihen lesen. Für viele aus meiner Klasse wohnte dem ein Zauber inne. Ich verstand diese Zahlen, die Puts und Calls nicht, beteiligte mich aber an dem allgemeinen Wettbewerb, um einen Ausbildungsplatz im Finanzgewerbe zu ergattern. Meine Eltern fragten mich, warum ich nicht lieber etwas Soziales oder Kreatives mache. So weit kam es noch! Irgendwie muss man ja rebellieren. Dann eben mit einer Banklehre. Im Kino lief die Werbung für »Raffaello«, »Wrigley’s Spearmint« und »Langnese«.

1990 waren wir wieder wer. Deutschland, einig Vaterland, und Fußballweltmeister. Wer ehrgeizig war, wurde belohnt. Im August 1990 begann ich meine Banklehre. Am zweiten Tag wusste ich, dass ich das Bankgeschäft niemals verstehen würde. Zu abstrakt, so wie der Atomkrieg mit den umgekippten Kühen. Was ich erst später besser verstand: Das Rüsten mit Waffen war auch ein Wettbewerb gewesen, den hatte der Osten verloren: zu teuer. Der Begriff »Leistungsträger« machte nun die Runde und natürlich die »blühenden Landschaften«. Aber wo waren die?

Mitarbeiter werden Profitcenter

Ein Kollege, der gerade ausgelernt hatte, war jetzt im Außendienst. Mit schlecht sitzendem Anzug, Mickey-Mouse-Krawatte und gegelter Igelfrisur saß er in einem Behelfscontainer unserer Bank auf dem Land in Mecklenburg und versuchte die neuen Kunden von superattraktiven Krediten und Kontokonditionen zu überzeugen. Hin und wieder zeigte er uns DDR-Schecks, die sahen labbrig und lustig aus. Dabei presste er immer so ein knödeliges Lachen hervor, wie Helmut Kohl beim Saumagen-Essen.

Viele Jahre später, im nächsten Jahrtausend, sang Peter Licht ein melancholisches Lied, dessen Text mich genau an die Zeit erinnert, die Anfang der 90er begann und bis heute anhält: »Hallo, alte Tante Wohlfahrtsstaat, alte Tante Wohlfahrtsstaat, alte Tante, dies ist der Tag, dies ist der Tag, an dem du zur Hölle fährst.«

Meine Bank wurde 1991 zur AG. Meine Kollegen und ich lernten ein neues Wort: »Shareholder Value«. Die Bank machte aus ihren Mitarbeitern Profitcenter, die Oma Emmi mit ihren 85 Jahren einen hochriskanten Aktien-Fonds aufbrummten. Targets und Vorgaben - wenn noch eine private Altersvorsorge zum Vertriebsziel fehlte, dann wurde diese eben auch noch an Oma Emmi vertickt. Vor einem Atomkrieg brauchte sie jedenfalls keine Angst mehr zu haben. Der Osten war weg, der Westen kämpfte anderswo. Die USA und die Briten führten gegen den Irak den ersten medienwirksamen Krieg. Präsident Bush senior hatte Reagan abgelöst. Aus »Raider« wurde »Twix«, sonst änderte sich nix. Es war ein kalter Januar im Jahr 1991. Meine Füße steckten in hautfarbenen Nylons und barocken Pumps, froren noch von vom morgendlichen Arbeitsweg, als der Betriebsrat uns in die Kassenhalle zur Schweigeminute rief. Da standen wir und schwiegen für Tote, für welche Seite war unklar, um ein paar Minuten später Oma Emmi wieder zu lukrativen, außerordentlichen Rendite-Papieren zu verhelfen.

Die Typen aus der Anlagenabteilung waren die Punks der Bank. Lustige, manchmal verkaterte große Jungs, die mit fremdem Geld rumjonglierten wie mit den dazugehörenden Anglizismen, so erfolgreich, dass ich endgültig nichts mehr vom Bankgeschäft verstand. In ihren Büros hatten sie Aktenordner mit der Aufschrift »top secret«, hinter denen sich guter schottischer Whisky verbarg.

1993 endete meine Banklehre mit einem beherzten Platsch. Nach der knapp bestandenen mündlichen Prüfung nahm ich die von mir gesammelten Werke rund um die Wirtschaftslehre des Kreditwesens und versenkte sie in der Hamburger Außenalster. Ich sah, wie mein kaufmännisches Wissen aufweichte und eins mit dem braunen Alsterwasser wurde. Der »Markt« nahm nicht die geringste Notiz davon. Er weichte den Sozialstaat weiter auf.

Jenseits von Hollywood

Doch ich war erst einmal keine Leistungsträgerin mehr. Ich verbrachte ein Jahr in den Vereinigten Staaten und nahm zehn Kilo zu. Ich lernte, die Popcorn-Tüten, die fast so groß wie Umzugskartons waren, zu hassen. Und ich lernte, dass es ein Leben jenseits der 14 Meter hohen Buchstaben an den Hollywood Hills gab. Ich sah, dass es Zahnfüllungen und Schmerztabletten in Supermärkten zu kaufen gibt. Für Menschen, die keine oder nur eine mangelhafte Krankenversicherung hatten. Ich erfuhr, dass man auch locker drei mies bezahlte Jobs haben konnte, wenn man seine Familie ernähren wollte. Ich kaufte meine Lebensmittel nachts ein. Schlenderte ich auf dem Bürgersteig, wurde ich gefragt, ob ich eine Autopanne hätte; stand ich auf dem Bürgersteig und rauchte, war ich entweder eine Prostituierte oder ein Junkie oder beides. Transportierte ich eine angebrochene Palette Dosenbier im Kofferraum vor 12 Uhr mittags, verstieß das gegen das Gesetz des Bundesstaates Maryland. Waffen waren 24 Stunden am Tag okay, die transportierte ich aber nicht. Niemals wieder habe ich mich so unfrei gefühlt wie im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

In Deutschland fand der Güterverkehr zunehmend auf der Straße statt. Die Deutsche Bahn wurde zur AG und legte viele Strecken still. Kohl wurde abgewählt, die neue Regierung aus SPD und Grünen nahm dem Wohlfahrtsstaat die Wohlfahrt. Sie beteiligte sich erstmals an einem Krieg, dem der Nato gegen Jugoslawien. Sie erfand das Dosenpfand und Hartz IV. Warum nicht mit Mehrwegflaschen und Dosen sein bescheidenes Einkommen aufbessern?

Leben hinterm Hashtag

Hin und wieder denke ich, was für eine diffuse Ambivalenz uns das alles beschert hat. Was ist richtig, was ist falsch? Ein Leben hinterm Hashtag: Ist es nicht mehr zeitgemäß, löscht man es wieder. Selbstmarketing ist wichtiger denn je. »Ich will noch, ich kann noch, ich schaffe es« ist eines der Mantren an der Grundschule unserer Tochter, die mittlerweile mehr Urkunden und Pokale gesammelt hat als ich in meinem bisherigen Leben. Nicht dass sie überragend im Sport wäre, Auszeichnungen sind wohl wichtig für das Selbstbewusstsein. Burger-Brater des Monats Klaus Michalke lässt grüßen. Ich bekomme von einer Neunjährigen regelmäßig Deals zu Hausaufgabenpflichten und Tablet-Zeiten vorgeschlagen. Angstgetriebene Eltern schaffen künstliche Räume, die den Nachwuchs »stark« und »selbstbewusst« machen sollen. Private Dienstleister bieten dafür Musik-, Förder- und Forderunterricht an.

Letztens landete das Tablet meiner Tochter, eingefasst im rosa Anti-Shock-Rahmen, eingestellt auf das für 4,99 Euro geladene Mathe-Lernspiel, vor meinen Füßen. Auf der Treppe hörte ich sie rufen: »Wenn dich Mathe so interessiert, dann geh doch selbst wieder zur Schule, aber lass mich einfach in Ruhe mit dem Kack-Scheiß!« Immerhin ein Anfang. Manchmal hilft es, etwas hinzuschmeißen. Darauf eine Tiefkühlpizza.

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