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Die Welt als Modelleisenbahn

SIEBEN TAGE, SIEBEN NÄCHTE: Über den Finanzteil der FAZ

  • Von Wolfgang Hübner
  • Lesedauer: 2 Min.

Ein Glück, dass es den Finanzteil der FAZ gibt. Dort werden die wichtigen Fragen gestellt. Kein Gejammer über das Kurzarbeitergeld (die FAZ adelt es mit dem Attribut großzügig), Künstler ohne soziale Absicherung oder Ladenbesitzer ohne Umsatz, sondern: Was tun mit all dem Geld? Genau, eine große Sorge, denn im ersten Lockdown mussten die Menschen ja praktisch nichts ausgeben, und »am Ende dieses Lockdown-Januars werden die Deutschen schon wieder eine Menge Geld auf ihren Girokonten finden, für das sie keine sinnvolle Verwendung hatten«.

Dieses Problem hat gerade noch gefehlt, und wenn es nicht gelöst wird, dann werden die Deutschen wohl eine ausgewachsene Geldverdrossenheit entwickeln. Zwar hat die FAZ ein paar Ratschläge parat, wie man dem entgegenwirken kann (Hypotheken abtragen beispielsweise, das eigene Haus verschönern oder Aktien kaufen), aber das ist bestimmt nicht jedermanns Sache. Besitzen nicht die meisten Deutschen schon eine schuldenfreie, durchgestylte Villa mit einem Tresor, in dem ein klug sortiertes Aktienpaket schlummert, liebe FAZ?

Na also. Was aber längst nicht jeder hat: eine Modelleisenbahn. Das klingt vielleicht altmodisch, aber erstens brauchen die kurzarbeitenden und downgelockten Menschen ein Hobby, damit sie sich in ihren schuldenfreien, durchgestylten Villen, allein mit den Aktien, nicht langweilen. Und zweitens konnte tatsächlich der Modelleisenbahnhersteller Piko 2020 seinen Umsatz um fast 15 Prozent steigern.

So eine Eisenbahnanlage hat ja was. Fragen Sie Horst Seehofer. Der ist einer der berühmtesten Modelleisenbahner und hätte längst viel mehr Zeit für den Stellwerkerjob in seinem Keller, hätte er seine Rücktrittsdrohung im Sommer 2018 ernst genommen. Aber das nur nebenbei, weil bald wieder Bundestagswahl ist und Seehofer immer noch herumministert, obwohl wir zuletzt verdächtig wenig von ihm hörten. Vielleicht sitzt er doch öfter in seinem Keller, als wir glauben.

Die Modelleisenbahnanlage ist ein wunderbarer Ort. Denn dort kann sich jeder seine Welt zurechtbasteln. Die Welt als Wille und Vorstellung, wie es schon der Modelleisenbahnpionier Arthur Schopenhauer postulierte. Eine Anlage müsste heutzutage natürlich Schilder auf den Bahnhöfen haben, die zum Tragen einer Maske auffordern. Je nach Befinden des Bahnbetreibers können die Figuren auf Straßen und Bahnsteigen Abstand halten oder nicht; neben dem Bahnhof kann ein Impfzentrum oder eine Querdenker-Demo platziert werden. Sie können auch die schönsten Corona-Hotspots nachbauen. Das Virus hat sich extra landschaftlich reizvolle Gegenden wie die Oberlausitz, das Erzgebirge, den Thüringer Wald und Gütersloh ausgesucht.

Wie bitte? Das ist alles nicht ganz billig? Schauen Sie doch einfach mal auf Ihrem Girokonto nach.

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