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Homeoffice mit Hürden

Appelle des Senats an die Wirtschaft sorgen dort für Befremden

  • Von Rainer Balcerowiak
  • Lesedauer: 3 Min.
Mal fehlen die technischen Voraussetzungen, mal der Wille: Homeoffice ist ausbaufähig
Mal fehlen die technischen Voraussetzungen, mal der Wille: Homeoffice ist ausbaufähig

Homeoffice, also die Verlagerung der beruflichen Tätigkeit von der eigentlichen Arbeitsstelle in die private Wohnung, wird derzeit als ein wichtiges Element des Kampfes gegen die ungebremste Verbreitung der Corona-Pandemie angesehen. Doch bei der Umsetzung hapert es, unter anderem wegen einer bei vielen privaten Unternehmen als auch bei öffentlichen Verwaltungen verbreiteten Furcht vor »Kontrollverlust« in Bezug auf Beschäftigte. Dazu kommt die vollkommen unzureichende Ausstattung in vielen Bereichen.

Vor diesem Hintergrund lud Berlins Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) am Donnerstagabend Vertreter von Wirtschaftsverbänden, Verwaltungen und Gewerkschaften zu einer Videokonferenz ein, um nach Möglichkeiten zur Kontaktreduzierung am Arbeitsplatz und auf dem Weg dahin zu suchen. Sie und Arbeitssenatorin Elke Breitenbach (Linke) sprachen anschließend von einem »konstruktiven Diskurs«. Viele Unternehmen leisteten bereits »einen großen Beitrag zur Eindämmung der Infektionszahlen«. Doch angesichts der »großen Herausforderungen«, die sich durch die Verbreitung der deutlich infektiöseren britischen Virusmutation noch verschärfen, müssten die Zahl der Kontakte und die berufsbedingten Fahrten weiter reduziert werden: »Wir empfehlen unseren Verwaltungen und erwarten von den Sozialpartnern weitere Anstrengungen zur Ausweitung von Homeoffice und zur Arbeitsplatzsicherheit.« Weitgehend vermieden werden solle die Arbeit in Großraumbüros.

Beim Deutschen Gewerkschaftsbund und der Gewerkschaft Verdi war niemand für eine Stellungnahme zu erreichen. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin äußerte sich etwas verschnupft über die stetigen Appelle des Senats an die Wirtschaft. Schließlich habe sich das Land Berlin mit seiner Verwaltung und den landeseigenen Betrieben nicht gerade als Vorreiter erwiesen, hieß es auf nd-Anfrage. Dort stoße man auch oft auf »Home ohne Office«, da viele Mitarbeiter, die von der Anwesenheitspflicht in den Dienststellen befreit wurden, zu Hause keine Arbeitsmöglichkeiten haben. Auf Grundlage einer eigenen Erhebung verwies die IHK auf die Anstrengungen der Wirtschaft. Demnach nutzen rund drei Viertel der Berliner Unternehmen seit der Pandemie verstärkt Homeoffice. Dabei nähmen viele Firmen auch in Kauf, »dass die Produktivität sinkt, vor allem da, wo Beschäftigte mit Kita- oder Schulkindern im Homeoffice parallel ihre Kinder betreuen müssen«, so IHK-Präsidentin Beatrice Kramm. Vom Senat erwarte sie außer Appellen »konstruktive Konzepte«, wie die trotz mehr Homeoffice »notwendige Mobilität risikoärmer gestaltet werden kann«. Etwa durch dichtere Takte bei Bussen und Bahnen oder Kooperationen mit privaten Mobilitätsanbietern. »Nicht zuletzt sollte die Verwaltung mit gutem Beispiel beim Homeoffice vorangehen. Dass dabei gerade in Berlin noch reichlich Luft nach oben ist, dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben«, so Kramm.

In der Tat. Derzeit können nur zwölf Prozent der Verwaltungsmitarbeiter aus dem Homeoffice auf ihre Computer und Server in der Verwaltung zugreifen. Am Freitag begann die Auslieferung von 5000 modernen Notebooks an die Berliner Bezirke. Die Friedrichshain-Kreuzberger Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) berichtete am Freitag auf Twitter, dass dort 1000 Laptops eingetroffen seien. »Jetzt müssen sie alle noch ans Netz. Wird noch eine Mammutaufgabe, aber dann können wir endlich deutlich mehr KollegInnen Homeoffice ermöglichen«, schrieb Herrmann. Nach der entsprechenden Einrichtung könnten dann rund 17 Prozent der Verwaltungsmitarbeiter von zu Hause aus arbeiten. Immerhin lassen sich die großen Fachanwendungen inzwischen auch von zu Hause aus bedienen, doch vieles funktioniert weiterhin nur aus den Amtsstuben. Da es keinen Rechtsanspruch auf Homeoffice gibt, müssen entsprechende Anträge von den jeweiligen Amtsleitern bewilligt werden - was oftmals nicht erfolgt. Zudem hat der Senat in dieser Frage keinerlei Weisungsrecht gegenüber den Bezirken. Doch die sehen kaum Spielraum: »Bislang hatten wir nicht die technische Ausstattung, um den Großteil der Belegschaft mit Geräten und Lizenzen ins Homeoffice zu schicken«, sagte eine Sprecherin des Bezirksamtes Friedrichshain-Kreuzberg dem RBB. Schnelle Abhilfe ist jedenfalls nicht Sicht, und so bleibt es zunächst trotz dramatischer Pandemie-Lage wohl bei folgenlosen Appellen.

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