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Die Sprechstunden dauern deutlich länger

Teil 7 unserer Serie über Menschen in Berufen, die die Coronakrise besonders trifft

  • Von Claudia Krieg
  • Lesedauer: 3 Min.
Die Fachärztin für Allgemeinmedizin betreibt seit knapp zehn Jahren in Kreuzberg eine Gemeinschaftspraxis mit einem Schwerpunkt auf Psychosomatik. Sie bemerkt in der Pandemie vor allem einen gewachsenen Gesprächsbedarf bei ihren Patient*innen.
Die Fachärztin für Allgemeinmedizin betreibt seit knapp zehn Jahren in Kreuzberg eine Gemeinschaftspraxis mit einem Schwerpunkt auf Psychosomatik. Sie bemerkt in der Pandemie vor allem einen gewachsenen Gesprächsbedarf bei ihren Patient*innen.

»Manchmal weiß ich schon gar nicht mehr, was vor Corona normal war«, antwortet die Hausärztin Christiane Stöter lachend auf die Frage, wie die Pandemie ihre Arbeit als niedergelassene Allgemeinmedizinerin verändert habe.

Und wird gleich darauf wieder ernst. Nein, es sei gut, dass der Stress der ersten Wochen der Pandemie im Frühjahr 2020 sich gelegt habe, erklärt sie. Sie habe zu jener Zeit das Gefühl gehabt, täglich neue Anweisungen und Informationen zu erhalten, die mit zuweilen hektischen Prozessen der Umstellung im Praxisalltag einhergegangen seien. Bei vielen Vorgängen rund um das Coronavirus gebe es mittlerweile eine Routine, die sich bewältigen lasse. Die sei auch nötig, denn »viele Patient*innen brauchen den direkten Kontakt. Und dabei geht es zum kleineren Teil um Covid-19«.

Stöter macht sich viele Gedanken, wie sie die hausärztliche Versorgung in diesen Zeiten gut gestalten kann. Sie könne einerseits schwer einschätzen, wie sich die Pandemie auf Patient*innen auswirke. Denn viele kämen wenig bis gar nicht mehr in die Praxis, sagt sie - vermutlich aus Angst vor Ansteckung mit dem hochgefährlichen Virus. Andere hätten deutlich mehr Gesprächsbedarf als sonst. Bei vielen spüre sie, dass sie unter der Situation leiden und darüber reden wollen: »Viele, die einsam sind, werden noch einsamer.« Die Gespräche drehten sich deshalb viel um Alleinsein, Bewegungsmangel, soziale Konstellationen. Manche hätten Angst, bei akuten Beschwerden ein Krankenhaus aufzusuchen. »Da braucht es manchmal viel Überredungskunst, aber schwerwiegende Symptome müssen abgeklärt werden.« Sie wisse von niemandem, der oder die abgewiesen wurde, wenn eine stationäre Aufnahme erforderlich war, betont die Medizinerin.

Sie sorgt sich vor allem um die chronisch kranken und älteren Menschen. »Hausbesuche führen wir auch weiter, wo wir sie nicht aussetzen können. Manche Patient*innen können wir einfach nicht per Telefon oder Videokonferenz erreichen«, berichtet Stöter. Aktuell drehten sich angesichts der begonnenen Impfungen natürlich viele Gespräche darum.

Unter anderem die Kassenärztliche Vereinigung geht davon aus, dass erst die breite Versorgung mit Impfstoff über die niedergelassenen Ärzt*innen die Immunisierung der Bevölkerung voranbringen wird. Das sieht Christiane Stöter ähnlich. Denn: »Wir machen das ja sonst auch«, sagt sie nüchtern. Impfen sei immer ein fester Bestandteil ärztlicher Tätigkeit. Allerdings dürfe im Fall von Covid-19 nicht die komplette Impfverantwortung auf die niedergelassenen Ärzt*innen abgewälzt werden. »Wir brauchen einen Impfstoff, der nicht tiefgekühlt werden muss und handhabbar ist, sowie klare Definitionen, wer, wann, wo geimpft wird«, nennt Stöter die Bedingungen, unter denen Impfungen in Hausarztpraxen möglich sein könnten. Die Impfzentren, die feste Termine vergeben, seien insofern eine organisatorische Erleichterung. »Wir können dies aus Kapazitätsgründen nicht in solchem Umfang in unseren Praxisalltag integrieren, wie es das rein terminbasierte System der Impfzentren ermöglicht«, sagt die Ärztin.

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