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Fantasievoller Kompass für die IG Metall

Der Jenaer Soziologe Klaus Dörre liefert Ideen für eine gewerkschaftliche Praxis in der Klimakrise

  • Von Johannes Schulten
  • Lesedauer: 3 Min.
Arbeiter*innen in einer Produktionshalle.
Arbeiter*innen in einer Produktionshalle.

Die Durchsetzung politischer Projekte ist immer auch eine Frage guter Erzählungen. Gerhard Schröder wusste das und setzte auf den Slogan »Fördern und Fordern«. Die Automobilindustrie versucht es aktuell mit dem Containerbegriff »Transformation«. Auch die Erzählung dahinter ist klug gewählt: Sie vermittelt, dass die Autobauer die Zeichen des Klimawandels verstanden haben, ermöglicht dabei aber auch die Beibehaltung des auf große und schnelle Pkw ausgerichteten Geschäftsmodells. Zudem dienen die notwendigen Kosten für den Umstieg auf E-Mobilität als Begründung, lange geplante Rationalisierungen und Produktionsverlagerungen endlich realisieren zu können.

Der IG Metall fehlt es dagegen bisher an einer eingängigen Erzählung, wie sie die Herausforderungen des Klimawandels mit den Bedürfnissen ihrer Mitglieder vereinbaren kann. Für Betriebsrät*innen und gewerkschaftlichen Vertrauensleute ist das ein Problem. Wollen sie nicht nur auf managementseitige Transformationsstrategien reagieren, sondern eigene Konversionskonzepte entwickeln, fehlt vielfach der Kompass.

Einer der wenigen (linken) Wissenschaftler, die in den vergangenen Jahren stetig an der Entwicklung von strategischen Orientierungen für eine gewerkschaftliche Praxis in der Klimakrise gearbeitet hat, ist der Jenaer Soziologe Klaus Dörre. Ein Beispiel ist das Konzept einer IG Metall als »progressivem Akteur einer Nachhaltigkeitsrevolution«. Dörre verzichtet dabei weitgehend auf moralische Begründungen, sondern argumentiert mit dem (langfristigen) Interesse der Mitglieder. Eine »konservierende« Gewerkschaftspolitik nämlich, wie sie etwa die IG Bergbau, Chemie, Energie im Hinblick auf die Kohleverstromung praktiziert, würde die Zukunftschancen der Beschäftigten bereits mittelfristig verschlechtern.

In dem gerade erschienenen Sammelband »Abschied von Kohle und Auto« werden nun erstmals diese in zahlreichen Artikeln sowie Vorträgen entwickelten theoretischen Konzepte und politischen Strategievorschläge zu einer »Soziologie der Transformation« verdichtet. Deren Grundidee: Die »Konfliktdynamik« der modernen kapitalistischen Gesellschaften hat sich gewandelt. Angesichts der Klimaherausforderungen müssen Gewerkschaften sogar bei Kämpfen um Beschäftigungssicherung die ökologischen Folgen ihres Handelns berücksichtigen. Aus dem bisher prägenden »industriellen Klassenkonflikt« wird so ein »sozial-ökologischer Transformationskonflikt«.

Politisch interessant ist diese Diagnose, weil sie die Lösung der Klimakrise zur Gemeinschaftsaufgabe von Klima- und Arbeiter*innenbewegung macht: Gewerkschaften, die die ökologischen Folgen ihrer Politik ignorieren, sind dem Untergang geweiht. Aber auch Umweltverbände, welche die legitimen Sicherheitsinteressen von Industriebeschäftigten nicht ernst nehmen, erweisen nicht nur dem Kampf für Klimagerechtigkeit einen »Bärendienst«, sondern auch dem gegen die radikalen Rechten.

Empirisch unterfüttert werden Dörres theoretisch-konzeptuelle Erörterungen durch eine Reihe interessanter Fallstudien verschiedener Forscher*innen zu exemplarischen Transformationskonflikten. Sie beschäftigen sich mit dem der Auseinandersetzungen um die Braunkohle in der Lausitz oder mit der Situation der Auto- und Zuliefererindustrie in Ostdeutschland sowie Österreich. Hier steckt die notwendige Kooperation zwischen Arbeiter*innen- und ökologischer Bewegung noch in den Kinderschuhen. Dass eine solche keineswegs unmöglich ist, zeigt Julia Kaiser in ihrem Beitrag über die Zusammenarbeit zwischen den Students for Future und Verdi im öffentlichen Personennahverkehr.

Auch wenn die Autor*innen hier keine graue Theorie wiedergeben, sondern mit viel soziologischer Fantasie arbeiten - von Arbeitsverdichtung gestresste Vertrauensleute dürften angesichts der Länge und Komplexität der Beiträge vor der Lektüre zurückschrecken. Abhilfe schaffen könnte auch dabei die IG Metall. Etwa, indem sie zentrale Erkenntnisse in knackigen Broschüren für die gewerkschaftliche Bildungsarbeit aufbereitet. Damit wäre dann auch ein erster Schritt raus aus der klimapolitischen Orientierungslosigkeit getan.

Klaus Dörre, Madeleine Holzschuh, Jakob Köster, Johanna Sittel (Hg.): Abschied von Kohle und Auto. Sozial-ökologische Transformationskonflikte um Energie und Mobilität. Campus Verlag, Frankfurt/New York, 2020, brosch., 29,95 Euro.

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