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Neue Höhenflüge

Lufthansa-Konzern sucht Gewinnmöglichkeiten im Tourismusgeschäft

  • Von René Heilig
  • Lesedauer: 4 Min.

Wer wissen will, wie es um die Luftverkehrswirtschaft steht, schaut sich die Bilanzen der Flugsicherung an. Die deutsche DFS hatte 2020 so wenige Flugzeuge auf ihren Radarschirmen wie noch nie seit ihrer Gründung 1993. Gerade einmal 1,46 Millionen Flüge - also gut 56 Prozent weniger als 2019 - waren es. Damit erreichte man etwa die Zahlen, die im 1989er-Einheitsjahr über dem Gebiet der alten Bundesrepublik registriert wurden. Über das geringe Flugaufkommen freuen sich Umweltschützer, nicht jedoch Flugzeughersteller und Flughafenbetreiber.

Im Kampf gegen die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie beschloss die EU-Kommission, bei den eigentlich strengen Beihilferegelungen »maximale Flexibilität« zu gestatten, damit die Mitgliedsstaaten ihre Zuschüsse für die erfolgsverwöhnte Luftfahrtbranche erhöhen können. So ist es möglich, dass chronisch klamme Airlines plötzlich aufatmen könnten. Italien beispielsweise stützt die seit Anfang 2017 praktisch insolvente Alitalia aktuell mit 500 Millionen Euro und ermöglicht so ein Fortbestehen der Gesellschaft. Schweden und Dänemark versprachen der seit Jahren kranken SAS Kreditgarantien über 138 Millionen Euro.

Zu den wirklich großen Gewinnern der Krise könnte die deutsche Lufthansa gehören. Das jedenfalls rechnet sich Finanzchef Ulrik Svensson aus und wird in dieser Ansicht vom Konzernchef bestärkt. Laut Carsten Spohr zeigt das Lufthansa-Sparprogramm Wirkung. Zwar habe man 2020 zwei Drittel des Umsatzes eingebüßt, zugleich seien jedoch die Kosten um die Hälfte gesenkt worden. Von den neun Milliarden Euro des Corona-Rettungspaketes »haben wir bisher nur drei Milliarden Euro abgerufen und noch nicht viel davon ausgegeben«, sagte Spohr.

Doch ganz so »easy« geht es bei Lufthansa nicht zu. So hat man sich gerade auf dem Kapitalmarkt eine halbe Milliarde Euro beschafft und dafür als Sicherheit fünf Airbus A350 und drei A320 »hinterlegt«. Unterm Strich jedoch seien die Bilanzreserven ausreichend, so dass er »eine Überschuldung aus heutiger Sicht ausschließen kann«, betonte Spöhr.

Gleichzeitig haben Lufthansa und die Pilotenvereinigung Cockpit kurz vor Weihnachten eine Krisenvereinbarung getroffen. Sie läuft bis März 2022. Das Unternehmen lobt sich ob des zugestandenen Kündigungsschutzes für rund 5000 Piloten. Dafür stimmte die Gewerkschaft der Verlängerung der Kurzarbeit sowie einer Absenkung der Arbeitszeit mit entsprechender Gehaltsminderung sowie dem Aussetzen von Tariferhöhungen zu. Das, so Cockpit, entspreche einem substanziellen Beitrag von rund 450 Millionen Euro. Die Vereinbarungen sind nur ein Teil der Wahrheit. Bis Ende 2020 strich die Lufthansa-Gruppe, zu der Airlines in Deutschland, Belgien, Österreich und der Schweiz sowie diverse andere Unternehmen gehören, bereits 29 000 Stellen. Man verkaufte die Catering-Tochter LSG mit rund 7500 Beschäftigten.

Wenn die Kranichairline auch in der Zukunft weniger Federn als ähnliche Gesellschaften lassen muss, so liegt das auch daran, dass die Lufthansa auf fremden Geschäftsfeldern wildert. Die Konzernspitze plant einen strategischen Umbruch.

Da der Geschäftsreiseverkehr sich angesichts neuer Kommunikationsmöglichkeiten auch nach Corona nicht mehr so stark entwickeln wird, setzt man mehr als bisher auf Tourismus. Damit greift Lufthansa vor allem Konkurrenten wie Condor oder den Reisekonzern Tui an, der sich gerade - wie Lufthansa im vergangenen Jahr - für staatliche Beihilfen geöffnet hat. Geplant ist, den Urlauberverkehr in einer neuen Airline namens »Ocean« zu bündeln. Die soll im Verbund mit der Tochter-Airline Eurowings operieren. Bereits im September hatte man 300 Stellen für Piloten und Flugbegleiter ausgeschrieben. Besonders berücksichtigt wurden nach Konzernangaben Mitarbeiter der von Lufthansa abgewickelten Gesellschaften Germanwings und Sun Express. Die verlieren jedoch als »Neueinsteiger« alle bislang erworbenen Vergünstigungen. Den Vorwurf von Tarifflucht weist Lufthansa von sich.

Zwei Luftfahrtbereiche verspüren wenig negative Auswirkungen der Pandemie-Krise. Gut im Geschäft sind alle, die mit Luftfracht zu tun haben. Da fliegt Amazon ganz weit oben. Erstmals hat der Logistikkonzern elf eigene Maschinen erworben. Nach dem Umbau zu Frachtern sollen die Boeings 767 in die Amazon-Flotte, die derzeit rund 80 gemietete Maschinen umfasst, integriert werden. Weltweit Konjunktur hat auch die sogenannte Business Aviation. Während normale Airlines ihre Flüge für normale Passagiere weiter streichen, buchen betuchte Reisende Charterjets, um - getreu den Empfehlungen aus der Politik - so viele mitmenschliche Kontakte wie nur möglich zu vermeiden.

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