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Krise der Gleichstellung

Die Corona-Pandemie verschlechtert die Position von Frauen im Beruf

  • Von Isabella Caldart
  • Lesedauer: 4 Min.
Ein Studium eröffnet Frauen immer noch weniger Chancen als Männern.
Ein Studium eröffnet Frauen immer noch weniger Chancen als Männern.

»Damit Frauen nicht den Preis der Krise zahlen, brauchen wir einen Gleichstellungs-Check für die Corona-Politik«, fordert Susanne Feldkötter. Sie ist Vorsitzende des Bezirksfrauenausschusses im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) Berlin-Brandenburg. Es seien meist Frauen, die während der Kita- und Schulschließungen zu Hause blieben und Kinder betreuten, erläutert Vize-Bezirksvorsitzende Sonja Staack. Eine Befragung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung zeigt, dass Frauen im Herbst 2020 pro Woche durchschnittlich sechs Stunden weniger Arbeitszeit im Beruf hatten als Männer - vor der Pandemie lag die Differenz bei fünf Stunden. »Dadurch geht die Schere zwischen den Arbeitszeiten von Frauen und Männern in der Krise weiter auf«, sagt Staack.

Die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern belegt seit elf Jahren auch der Gender-Datenreport auf Basis der Daten des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg aus dem Hause der Gleichstellungssenatorin Dilek Kalyci (SPD). Der sogenannte Gender Pay Gap ist gravierend: In der Altersgruppe der 35- bis 55-Jährigen verdienen 68,5 Prozent der Männer, aber nur 58 Prozent der Frauen mehr als 1500 Euro netto. Das ergibt sich auch aus der jüngst vorgestellten Ausgabe mit den Zahlen des Jahres 2019. Im Durchschnitt verdienen Frauen in sozialversicherungspflichtigen Berufen etwa ein Fünftel weniger als Männer. Ein Grund dafür ist die höhere Teilzeitarbeit unter Frauen.

»Wir wollen, dass sich die Arbeitszeiten wie auch die Betreuungszeiten von Männern und Frauen angleichen. In der Krise geht diese Entwicklung in die falsche Richtung«, sagt DGB-Frau Staack. In den Betrieben sei sicherzustellen, dass gerade Frauen nach der Krise ihre Arbeitszeit wieder aufstocken können, und Kündigungen wegen Ausfallzeiten während der Krise ausgeschlossen werden.

Generell ist der Anteil der erwerbstätigen Frauen mit knapp 72 Prozent in Berlin hoch, betont Lena Högemann, Sprecherin der Gleichstellungsverwaltung. Das sei gut: »Steigende Erwerbsbeteiligung führte auch für Frauen zu steigenden Einkommen.« Allerdings geht es hier sehr langsam voran.

Der Report zeigt auch, dass der Bildungsvorsprung jüngerer Frauengenerationen sich nicht in der Karriere- und Gehälterleiter niederschlägt. Generationsübergreifend haben mehr Frauen als Männer eine Hochschulreife (57 zu 53 Prozent), bei den 25- bis 34-Jährigen sind es sogar 74 Prozent (Männer: 69 Prozent). Doch stehen knapp 1000 Professorinnen an Berlins staatlichen Hochschulen über 2000 Professoren entgegen. Auch woanders sind die Unterschiede groß: Frauen stellen mehr als die Hälfte der 23 667 ärztlich Tätigen - bei den Oberärzt*innen aber nur noch 34 Prozent. Bei Leitungsposten liegt der Frauenanteil bei nicht einmal einem Fünftel.

Der Gender-Datenreport erfasst noch weitere Dimensionen der Ungleichheit. Demnach haben rund 66 Prozent der Berliner*innen mit Migrationshintergrund einen Job, aber fast 80 Prozent derjenigen ohne.

Einen Vorteil haben Frauen bei der durchschnittlichen Lebenserwartung - sie liegt knapp fünf Jahre höher als bei Männern. Das liegt unter anderem daran, dass Frauen weniger Gesundheitsrisiken eingehen. Sie rauchen seltener, haben weniger Übergewicht und nehmen öfter Vorsorgeuntersuchungen wahr. Besonders auffällig ist das bei der Krebsvorsorge: Mehr als die Hälfte der Frauen macht Gesundheitschecks, aber nur ein Viertel der Männer.

Eine Gefahr für die Frauengesundheit ist vor allem geschlechtsspezifische Gewalt. Unter den 15 665 Opfern von Gewalt in Partnerschaften oder Familien im Jahr 2018 waren 72 Prozent Frauen. Sie stellen sogar 80 Prozent der Hilfesuchenden wegen Stalkings.

Der Report widmet sich auch der politischen Partizipation. Die viel zu niedrige Frauenquote im Abgeordnetenhaus liegt vor allem an den »männerdominierten Parteien«. Von 25 Mandaten der AfD zu Beginn der Legislatur waren nur drei mit Frauen besetzt, bei der FDP waren es zwei von zwölf. Im Gegensatz dazu hatten die Grünen 59 Prozent Frauenanteil, die Linksfraktion 48 Prozent. Da passt es ins Bild, dass die AfD sehr viel häufiger von Männern als von Frauen gewählt wurde (18 zu 11 Prozent).

Der Fortschritt bei der Gleichstellung verlaufe nicht geradlinig, schreibt Senatorin Kalayci im Vorwort: »Zwar gehören dem elfköpfigen Berliner Senat neben dem Regierenden Bürgermeister gegenwärtig jeweils fünf Senatorinnen und Senatoren an, doch im Berliner Abgeordnetenhaus und in den zwölf Bezirksverordnetenversammlungen stellen Frauen nur etwa ein Drittel der Mitglieder.« Bis zur Geschlechterparität bliebe noch einiges zu tun.

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