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Keine Inflation in Sicht

Vergangenes Jahr stiegen die Preise lediglich um 0,5 Prozent. Trotzdem gibt es Stimmen, die vor steigenden Preisen warnen

  • Von Simon Poelchau
  • Lesedauer: 4 Min.
Preissteigerungen: Keine Inflation in Sicht

Angesichts eines allgemeinen Preisanstiegs von 0,5 Prozent, wie ihn das Statistische Bundesamt am Dienstag für das Jahr 2020 bekannt gab, scheinen Warnungen vor einer Inflation unrealistisch. Im Dezember sind die Preise im Vergleich zum November sogar um 0,3 Prozent gesunken. Zum Vergleich: Im Jahr 2019 betrug die Inflationsrate hierzulande noch 1,4 Prozent. Und die Europäische Zentralbank (EZB) gibt seit ihrem Bestehen ein Inflationsziel von knapp zwei Prozent aus. Die Gefahr einer Deflation, also einer Spirale aus fallenden Preisen und sinkender Wirtschaftsleistung, erscheint da realistischer.

Dennoch hält sich eine Debatte über die angebliche Gefahr einer Inflation. Allen voran Hans-Werner Sinn, ehemaliger Chef des Münchner Ifo-Instituts und einer der schärfsten EZB-Kritiker des Landes, wird nicht müde, davor zu warnen. »Die Geldmenge ist enorm ausgeweitet worden, erst in der Finanz- und Schuldenkrise, jetzt in der Pandemie«, sagte er Ende Dezember der »Badischen Zeitung«. Deshalb gebe es eine »latente Inflationsgefahr«. Und in einem Gastbeitrag im »Handelsblatt« schoss er wieder gegen die Zentralbank: »Die EZB handelt fahrlässig, weil sie die Inflationsbremse des Eurosystems mit ihrer ultra-expansiven Geldpolitik beschädigt, wenn nicht zerstört.«

Doch auch andere nationale wie internationale Stimmen warnen vor einem Wiederanziehen der Preise nach dem Ende der Coronakrise. »Die Inflationszahlen nehmen zu, auch wenn die Coronakrise sie bis auf weiteres in Schach hält«, schrieben jüngst die Commerzbank-Ökonomen in einer Analyse und verglichen die heutige Situation mit jener der USA Mitte der 1960er Jahre, als die Inflation schon lange vor dem Ölpreisschock von 1973 zu steigen begann.

Die Argumentation hinter solchen Thesen: Die Notenbanken stützten mit ihrer Niedrigzinspolitik und Anleihenkäufen in der Krise zwar die Konjunktur und ermöglichten den Staaten eine günstige Verschuldung. Doch auf lange Sicht würden sie die Wirtschaft mit billigem Geld fluten, was, wenn die Konjunktur wieder anzieht, zu steigenden Preisen führen würde. Dies ist im Kern die Theorie des Monetarismus, der zufolge eine gewisse Geldmenge immer mit einem gewissen Preisniveau einhergeht. Weitet sich die Geldmenge aus, dann erhöht sich auch das Preisniveau, es gibt also Inflation.

Diese Theorie ist in der Ökonomenwelt jedoch längst nicht mehr unwidersprochen. »Schon nach der Finanzkrise 2007/08 gab es Stimmen, die aufgrund der Geldpolitik der EZB vor einer Inflation gewarnt haben. Dazu ist es aber bisher nicht gekommen«, sagt Silke Tober, Expertin für Geldpolitik am Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Stattdessen liege die Kerninflationsrate im Euroraum schon seit Jahren bei rund 0,9 Prozent - also rund ein Prozentpunkt unter dem Ziel der EZB.

Wegen wieder steigender Energiepreise und dem Wegfall der Mehrwertsteuersenkung geht auch Tober davon aus, dass die Inflationsrate in diesem Jahr wieder anzieht - jedoch wird das EZB-Ziel auch diesmal vermutlich wieder verfehlt. Tober und ihre IMK-Kolleg*innen rechnen für Deutschland mit einer Inflationsrate von 1,3 Prozent. »Wegen der Unterauslastung der Kapazitäten und der hohen Arbeitslosigkeit ist eine höhere Inflation eher unwahrscheinlich«, so die Ökonomin. In anderen Euroländern werde die Teuerungsrate sogar noch deutlicher unter dem Ziel der EZB liegen.

So war nach der Finanzkrise ein Argument gegen die monetaristische Warnung vor einer Inflation, dass diese ausblieb, weil dafür die Löhne nicht genug stiegen. Denn für eine allgemeine Preissteigerung brauche es auch die Kaufkraft, wofür es erst mal höhere Löhne nötig seien. Dafür gab es in einem Bereich tatsächlich damals wie auch jetzt in der Coronakrise eine Inflation: bei den sogenannten Vermögenswerten, also bei Immobilien und Wertpapieren, was die Konzentration des Reichtums in den Händen weniger beschleunigt.

Ein Ökonom und Warner vor der Inflation, der auf das Lohn-Preis-Argument eingeht, ist indes Charles Goodhart. Der Ökonomie-Professor und ehemalige Mitarbeiter der Bank of England sorgte vergangenes Jahr mit der These für Aufsehen, dass es aufgrund des demografischen Wandels langfristig zu hohen Inflationsraten kommen könne. Weil die Überalterung der Gesellschaft in den Industrieländern die Arbeitskräfte knapp werden lasse, würden die Löhne steigen und damit auch die Preise. Dieses Argument wurde unter anderem auch von Bundesbankchef Jens Weidmann jüngst in einer Rede aufgegriffen.

Auch Goodharts Argument des demografischen Wandels hält Tober für fragwürdig. Solche langfristigen Prognosen seien schwierig. So gebe es einige Faktoren, die gegen diesen Trend sprächen, etwa dass noch viele Menschen unfreiwillig in Teilzeit arbeiteten. »Vor allem aber geht der Trend in Richtung Automatisierung«, sagt Tober. »Dies bedeutet, dass entgegen Goodharts Prophezeiung auch in Zukunft eher Arbeitsplätze statt Arbeitskräfte knapp sein könnten.«

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