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Subkultur verdrängt Kultur

»Potse« und »Drugstore« bekommen Alternativräume im Rockhaus in Lichtenberg angeboten. Andere müssen dafür weichen

  • Von Marie Frank
  • Lesedauer: 4 Min.
Der Jugendtreff darf nicht bleiben. Und soll jetzt dort einziehen, wo andere weichen müssten.
Der Jugendtreff darf nicht bleiben. Und soll jetzt dort einziehen, wo andere weichen müssten.

Seit zehn Jahren betreibt Wolfgang Werfel im Erdgeschoss des Rockhauses einen kleinen Kiosk mit allem, was das Musiker*innenherz begehrt: Ob Gitarrensaiten, Schlagzeugsticks oder Bier, bei Werfel bekommen die rund 1000 Nutzer*innen der 186 Proberäume in dem ehemaligen Bürogebäude in Lichtenberg es für einen kleinen Obolus. Auch einen Service für die Reparatur von Musikinstrumenten bietet er an.

Doch bald könnte es damit vorbei sein und in dem 120 Quadratmeter großen Saal, in dem sich der Kiosk befindet und den Werfel an Jazzmusiker*innen und Singer-Songwriter vermietet, ein ganz anderer Wind wehen; genauer gesagt, ein ganz anderer Stil: Geschrei und Geschrammel statt Trompete und Saxofon. Denn wie »nd« exklusiv erfuhr, ist bei der Suche nach alternativen Räumlichkeiten für das besetzte und räumungsbedrohte autonome Jugendzentrum »Potse« die Wahl auf den großzügigen Konzertsaal des Rockhauses gefallen. Und Wolfgang Werfel muss nach über zehn Jahren sein musikalisches Refugium verlassen.

Sofern die Jugendlichen auf das Angebot eingehen. Am Dienstagnachmittag gab es die zweite Besichtigung mit Vertreter*innen von »Potse« und »Drugstore«, der Gesellschaft für Stadtentwicklung (GSE), die das Rockhaus vermietet - und natürlich mit Wolfgang Werfel, der sich nicht so einfach vertreiben lassen will. »Ich habe vollstes Verständnis für das Problem der Potse«, sagt Werfel über das älteste selbstverwaltete Jugendzentrum Berlins, dessen Kollektiv seit der Kündigung im Dezember 2018 durch den Bezirk nach fast 50 Jahren Nutzung die Räumlichkeiten in der Potsdamer Straße 180 in Schöneberg besetzt hält - und besetzt halten will, so lange es keine geeigneten Alternativräume angeboten bekommt. Die nun schon sechs Jahre währende Suche danach gestaltet sich allerdings schwierig, weshalb der Tempelhof-Schöneberger Jugendstadtrat Oliver Schworck (SPD) den Jugendlichen nun die Pistole auf die Brust setzt: Entweder sie nehmen das Angebot vom Rockhaus an, oder sie werden geräumt, so Schworcks Ultimatum.

»Es wird ein Kulturzentrum gerettet und dafür ein anderes zerstört«, sagt Werfel verständnislos. Eine Zusammenarbeit mit den Jugendlichen kann er sich allein schon wegen der unterschiedlichen Musikrichtungen nur schwer vorstellen. Doch wie die Jugendlichen steht er mit dem Rücken zur Wand: Kommt es zu keiner Einigung, wird er kurzerhand auf die Straße gesetzt, schon im März sollen die Jugendlichen nach nd-Informationen den Saal nutzen können. Das Kollektiv des »Drugstore«, das die Potsdamer Straße 180 Ende 2018 freiwillig verlassen hatte und seitdem ohne Räume dasteht, hat bereits Interesse angemeldet, die »Potse« hat sich Bedenkzeit bis nächste Woche erbeten.

Werfel, der trotz seiner zehnjährigen Nutzung eine Kündigungsfrist von nur acht Wochen hat, bleibt also nicht mehr viel Zeit. Doch warum will die GSE den langjährigen Nutzer überhaupt loswerden? »Wir haben den Auftrag, für soziale Projekte Flächen zur Verfügung zu stellen«, sagt Robert Post von der gemeinnützigen GSE zu »nd«. Der Bezirk Tempelhof-Schöneberg habe großes Interesse daran, eine Fläche für »Potse« und »Drugstore« zu finden, und könnte den Saal im Rockhaus als Raum für Proben und Konzerte mieten. »Der Vertrag mit Herrn Werfel müsste dann beendet werden«, so Post. Der GSE spielt das Interesse des Bezirks an den Räumlichkeiten in die Hände. Man sei schon länger auf der Suche nach einem wirtschaftlich tragfähigen Konzept für den großen Saal, was in der Pandemie gar nicht so einfach sei, sagt Post und verweist auf perspektivisch steigende Mieten.

Und die sind für Wolfgang Werfel schwer zu stemmen. Ohne die Einnahmen durch Bands sind die 2600 Euro Miete pro Monat bereits jetzt eine Herausforderung. »Im Februar 2020 hatte ich die letzten Honorareinnahmen«, so Werfel. Aufgeben will er aber trotzdem nicht. »Ich habe das hier alles selbst aufgebaut, jedes einzelne Möbelstück und es hängen ja auch noch andere Künstler dran.«

Die Jugendlichen der »Potse« haben inzwischen auf ein anderes Objekt einen Blick geworfen. Da man im Rockhaus nur einen Teil des Angebots verwirklichen könne, wollen sie die Räumlichkeiten in der Rathenower Straße 16 in Moabit nutzen. In dem leerstehenden Gebäude gebe es bezugsfertige Räume für laute und leise Nutzung, so das Kollektiv. Jugendstadtrat Schworck winkt jedoch ab. »Das ist eine Sackgasse«, sagt er zu »nd«. »Die Nutzung wäre sehr kurz, zu kurz für eine Zwischennutzung, denn das Gebäude steht kurz vor dem Abriss.« Für ihn ist der Saal im Rockhaus nicht nur die beste, sondern auch die einzige Lösung - zumindest solange das »Haus der Jugend« noch nicht gebaut ist, in dem auch Räume für »Potse« und »Drugstore« entstehen sollen.

Ob es auch für Werfels Kiosk eine Zukunft gibt, wird sich zeigen. Das hängt auch von den Jugendlichen ab, denn nur eine geteilte Nutzung könnte seinen Kiosk noch retten. Unmöglich wäre das nicht, schließlich geht auch bei Punkern des Öfteren mal eine Gitarrensaite oder ein Schlagzeugstick kaputt - und günstiges Bier wissen sie auch zu schätzen.

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