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Trommelnder Herzschlag

Krankheit und Klassenkampf: Neue Gedichte von Michael Mäde

  • Von Moshe Zuckermann
  • Lesedauer: 4 Min.

Der Sammelband »100« von Michael Mäde enthält 100 ausgewählte Gedichte aus einigen Jahrzehnten lyrischen Schaffens. Es würde sich lohnen, sie alle - gleichsam als bilanzierende Retrospektive - zu durchforsten. Die letzten drei der insgesamt zwölf Kapitel des Bandes sind indes bislang unveröffentlichten Gedichten gewidmet. Schon deshalb, aber auch, weil es sich bei diesen Gedichten um Aktuelles im Persönlichen wie im Kollektiven handelt, will ich mich hier vornehmlich darauf beziehen.

Michael Mäde ist krank. Und er thematisiert seine Krankheit in seinen Gedichten. Das kann bei einem sensiblen Lyriker nicht verwundern, ist gleichwohl beim politischen Poeten, der sich in seinem Werk primär der kritischen Beobachtung der Gesellschaft widmet, auch nicht ganz selbstverständlich. Heines Matratzengruft kommt in den Sinn - eine Auseinandersetzung mit Krankheit und Zeitgeist.

Wie vermittelt man den Schock angesichts der Nachricht über das hereinbrechende Unglück der Krankheit? Wie lässt sich das individuell Erfahrene ins Allgemeine übertragen, ohne das Persönliche durch unterkühlte Abstraktion zu verraten? Mäde findet dafür suggestive Worte: »Die innere Stimme / verschlug es ihm / für Tage. Nichts. / Nur der / trommelnde Herzschlag.«

Das Nichts ist aber kein Nichts, solange der Herzschlag noch trommelt. Und doch hat sich zwangsläufig, auch seelisch, Grundlegendes verändert - eine Distanzierung vom Gewohnten, von der Normalität, eine notgedrungene Abschwörung: »Rückzug / zum eigenen Tellerrand. / Nichts mehr zu halten / außer der Hand der Liebsten, / die täglich / nach dem Schmerztier sieht.«

Todesahnung kündigt sich an, die Angst vor dem Unabwendbaren. Kann Todesangst lyrisch gefasst werden? Wie geht man poetisch mit dem Ende um, wenn man sich den religiösen Trost versagt? »Atemübungen schlaflos, / die Nacht ihm auf den Fersen, / die einmal nicht mehr / enden wird.«

Schlafloses Lebenwollen und ewiger Schlaf, dem man entrinnen will, wetteifern miteinander. Der Schutzengel ist besorgt: »Ich kann dem Krebs aber / nicht immer hinterher schneiden / sagt sein Schutzengel in Weiß, / die Stirn gefurcht, / mit ausgebreiteten Schwingen.«

Färbt die Todesgegenwart das Bewusstsein des außerhalb der eigenen Existenz Vorwaltenden ein? Kann man unter solchen subjektiven Verhältnissen noch den Sinn fürs Objektive wahren? Wie immer der Konnex geartet sein mag, die persönliche Melancholie, die Trauer übers eigene Schicksal mögen ihre Entsprechung im politischen Blick aufs Objektive finden, ohne dies Objektive deshalb zu verraten. Zum 9. November 2019, dem 30. Jahrestag des Mauerfalls, schreibt Michael Mäde: »Bunte Zettel aufgefädelt auf Stricke / zieren die Straße des 17. Juni, / Hoffnungen, Wünsche, gemeine Plätze, /es schwirren volksverhetzte / dummgeschwätzte, verlogene / Aussagesätze in den Nachthimmel.«

Ist es nur Gram über den Untergang dessen, in das man einst lebensgeschichtlich investiert hatte? Oder hat sich der Blick fürs Reale gerade durch die Erfahrung des Auf-beiden-Seiten-gewesen-Seins geschärft? Mäde macht sich nichts vor: Wenn der Bundespräsident über Demokratie redet und das Volk am Brandenburger Tor erschienen ist, um ihm zuzuhören, kommentiert dies der Lyriker mit dem lakonischen Satz: »Es wird nicht gelacht.« Und er weiß auch, warum: »Das wirkliche Grau kam erst später. / Mitten im Frühling war die Freiheit / in der Allianz für Deutschland aufgegangen. / Das kann man abkürzen: AfD.«

Und es spielt keine Rolle, ob die Gesellschaft des (wieder)vereinten Deutschland oder die der Corona-Pandemie gemeint ist, wenn Mäde schreibt: »Die Panik schleppt sich / allmählich erst heran. / Die Mittelschicht begreift / erst nach und nach / ihren Untergang.«

Denn für beide gilt, so wie auch fürs Globale, was er resümierend, wohl auch resigniert, aber eben nicht endgültig resignierend in den Gedichtworten zusammenfasst: »Und die Kranken / in den Slums von Rio, Kalkutta oder / wirklich um die Ecke / sehen nie ein Hospital. / Sie sterben, / werden nicht gezählt / und zählen nicht. // Wieder entscheidet die Herkunft alles. / Widerstand ist nicht zwecklos, / gilt aber als altmodisch. // Das ist der Krieg / KLASSE GEGEN KLASSE / im Jahre 2020 ›nach Christus‹.«

Der Kranke betrauert das Los der unterprivilegierten Kranken dieser Welt. In tiefster Empathie beweint er das Schicksal der ungezählt und nicht zählend Gestorbenen. Und er weiß, gut marxistisch, 2020, im Jahr der »Religion der Liebe«, dass es noch immer um den Befreiungskampf, um »Klasse gegen Klasse« geht. Die emanzipatorische Emphase des Poeten, selbst noch in der eigenen Agonie, duldet keine Indifferenz. Sie ist Aufruf.

Michael Mäde: 100. Verlag Wiljo Heinen, 176 S., geb., 20 €.

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