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Wie Melbourne die zweite Coronawelle in den Griff bekam

Ein fast viermonatiger Lockdown in der australischen Metropole brachte die Zahl der Neuinfektionen auf fast null

  • Von Barbara Barkhausen, Sydney
  • Lesedauer: 4 Min.
Lockdown australisch
Lockdown australisch

Den Einzelhandel fast komplett herunterfahren, öffentliche Einrichtungen schließen, jeden nicht-essenziellen Job ins Homeoffice verlagern, das Haus nur noch für lebensnotwendige Maßnahmen verlassen dürfen sowie strenge Maskenpflicht: In Melbourne hat ein fast viermonatiger harter Lockdown eine zweite Covid-19-Welle erfolgreich eingedämmt. Inzwischen hat Australiens zweitgrößte Metropole das Virus gut im Griff, Tage mit null Neuinfektionen sind keine Seltenheit mehr. Sehr viele Jobs gingen aber verloren.

Zu den Erfolgsrezepten Australiens zählen geschlossene Außengrenzen, ein strenges und teures Quarantäneprogramm für Rückkehrer, das teilweise Abschotten der einzelnen Bundesstaaten sowie schnelle Reaktionen auf lokale Ausbrüche. Dafür nehmen die 25 Millionen Australier in Kauf, dass selbst Staatsbürger Probleme haben, aus dem Ausland in die Heimat zurückzukehren, da die Flughäfen nur eine geringe Zahl an Passagieren pro Woche einreisen lassen. So werden die ohnehin begrenzten Flugangebote immer teurer und weniger.

Ebenfalls dazu gehört, dass sich Australier auch im eigenen Land nicht mehr frei bewegen dürfen. Wer beispielsweise von Sydney nach Melbourne will, braucht eine Ausnahmegenehmigung. Für Unberechenbarkeit sorgen auch kurzfristige lokale Maßnahmen. Nachdem sich eine Putzkraft in Brisbane (Queensland) in einem Quarantänehotel mit der neuen britischen Variante angesteckt hatte, wurde die Stadt kurzfristig in einen dreitägigen Lockdown geschickt.

Vor allem bei Ausländern kommen die strengen Maßnahmen, die derzeit auch die Tennisspieler bei den Australian Open zu spüren bekommen, nicht immer gut an. Auf Facebook haben sich Gruppen formiert, die die Reisebeschränkungen kritisieren und in der sich Menschen danach sehnen, Australien zu verlassen, um in ihrer Heimat wieder mehr »Freiheiten« zu erlangen. 60 Prozent der Australier sind laut einer Umfrage des Melbourne Institutes aber zufrieden damit, wie ihre Regierung mit der Pandemie umgeht.

Auch Wissenschaftler applaudieren: Der dreitägige Lockdown in Brisbane sei »klar, entschieden und gut artikuliert« gewesen, so Hassan Vally, Epidemiologe an der La Trobe University in Melbourne. In den drei Tagen konnten Kontakt-Tracer ihre Arbeit erledigen und die Behörden mehr über die Art des Ausbruchs erfahren. Angesichts der neuen, übertragbareren Variante von Sars-CoV-2 habe die Reaktion auf dem Vorsorgeprinzip beruht.

Auch der US-Topimmunologe Anthony Fauci lobte die australische Strategie. Man habe jetzt eine sehr gute Ausgangsposition, um Kontakte von Infizierten identifizieren und isolieren zu können. Auf diese Weise gelang es Sydney vor Weihnachten, einen Cluster in einem nördlichen Stadtteil mit einem lokalen Lockdown unter Kontrolle zu bekommen, während der Rest der Stadt mit geringen Einschränkungen weiterlebte.

Epidemiologe Vally weiß indes, dass es um mehr als behördliche Erlasse geht: »Der wahre Dank sollte an die Gemeinschaft gehen, die die Regeln befolgt und große Opfer gebracht hat, um uns dahin zu bringen, wo wir jetzt sind.« Tatsächlich gibt es große Bereitschaft der Australier, Verzicht zu üben, um die Alten und Kranken zu schützen und das Gesundheitswesen nicht zu überlasten. Dies bestätigt auch Stephen Duckett, Gesundheitsexperte am Grattan Institute, einem Thinktank aus Melbourne: Eine »Goldmedaille« verdiene der Bundesstaat Victoria, der in Melbourne eine gefährliche zweite Welle erlebte. »Wir haben uns bemerkenswert gut geschlagen«, sagte er. Ähnlich gut sei es in Singapur, China, Neuseeland, Thailand, Vietnam und dem Jemen gewesen – dank guter Kontaktverfolgung sowie Überwachung der Bevölkerung und grenzüberschreitender Bewegungen.

Doch wie realistisch ist es, dass europäische Länder einen ähnlichen Erfolg verbuchen können? Laut Catherine Bennett, Epidemiologin an der Deakin University in Melbourne, haben es die Menschen auf der Nordhalbkugel weit schwerer, schon wegen der klimatischen Verhältnisse. Herbst und Winter schüfen dort günstige Bedingungen für die Ausbreitung von Covid-19. Mehr Menschen sammelten sich dann in Innenräumen, und ein Mangel an Sonnenlicht führe dazu, dass das Virus auf Oberflächen länger überleben kann. Außerdem verzögerten viele Menschen mit Symptomen den Test, weil sie dächten, lediglich eine Erkältung zu haben. Auch die »poröseren Grenzen Europas« seien ein Problem, so die Expertin.

Damit die australische Methode – die »aggressive Unterdrückung« des Virus – funktioniert, müssten alle erforderlichen Maßnahmen ergriffen werden, um die Übertragung in der Gemeinschaft abzuschalten, betont Nick Coatsworth, ein australischer Gesundheitsexperte, im Juli, als die Zahl der täglichen Neuinfektionen in Melbourne auf bis zu 700 explodiert war. Die Folge war einer der strengsten lokalen Lockdowns der Welt, der über 100 Tage anhielt, die Zahlen letztendlich aber tatsächlich wieder auf fast null brachte.

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