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Ebbe über Land und eine verstummte Stadt

Im hohen Norden hofft man noch, Corona im Zaum zu halten. In Ostsachsen ist das nicht gelungen. Ein Bericht in Gegensätzen.

  • Von René Heilig und Hendrik Lasch
  • Lesedauer: 11 Min.

Mittags in Dagebüll. Das Fährschiff »Schleswig-Holstein« läuft aus. Es nimmt mit wenigen Passagieren und einigen Dutzend Fahrzeugen im Rumpf Kurs auf die Inseln Föhr und Amrum. Die Schrauben wühlen Schlamm auf; die Fahrrinne ist eng; Sandbänke, wohin das Auge blickt.

So ist das an der Nordsee, wenn Ebbe ist. Die scheint gerade ganz Schleswig-Holstein erfasst zu haben: Ebbe in Familienbudgets, den Kassen von Händlern, in Klassenzimmern, in den Kühlboxen der Impfzentren. Corona zwingt zur Mäßigung. Dabei hatte es in den vergangenen Monaten im »hohen Norden« so gut ausgesehen. Dass die schwarz-gelb-grüne Regierung in Kiel die Einschränkungen der anderen Bundesländer übernahm, wurde eher als solidarischer Akt wahrgenommen. Die große Mehrheit der in Schleswig-Holstein Lebenden unterwarf sich dennoch den strengen Maßnahmen. Anfänglich mit Eifer, obgleich die Weite des Landes als solider Schutz gegen Ungemach betrachtet wird.

Doch plötzlich kletterte der Sieben-Tage-Inzidenzwert von 30 auf über 90 im Kreis Nordfriesland. Er war lange ein Vorbild für Pandemie-Enthaltsamkeit, liegt jetzt aber bei fast 164 und damit deutlich über dem Wert im Land. Seit Beginn der Pandemie haben sich über 32 820 Schleswig-Holsteiner nachweislich mit Sars-CoV-2 infiziert. Aktuell werden in den Krankenhäusern knapp 500 Corona-Patienten behandelt. 725 Menschen sind an oder mit Corona gestorben. Noch wird der Beruf des Bestatters nicht als »systemrelevant« eingestuft.

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In Zittau ist er das. Im Krematorium wird in zwei Schichten gearbeitet; für eine eigentlich fällige Wartung ist keine Zeit. Im Dezember hat das Standesamt Zittau für den Amtsbezirk, der über die Stadt hinaus reicht, 191 Sterbefälle beurkundet, viermal so viele wie üblich. Thomas Zenker, parteiloser Oberbürgermeister der Stadt im äußersten Südosten Sachsens, spricht von einem »schlimmst-negativen Rekord«. In Sachsen starben bisher über 5500 Menschen an oder mit Corona. Im Dezember gab es im Freistaat laut Statistischem Bundesamt doppelt so viele Todesfälle wie im Durchschnitt der Vorjahre. Entspannung ist nicht absehbar. Auch im Januar verzeichnete man in Zittau schon zur Monatsmitte so viele Verstorbene wie sonst in vier Wochen. Die Mitarbeiter der städtischen Gesellschaft, zu der Krematorium und Bestattungsdienst gehören, sind laut Zenker nunmehr seit Wochen »in einer absoluten Belastungslage«.

Im Oktober schien ein solcher Albtraum noch undenkbar und Corona weit weg. Für Aufsehen in der Stadt sorgte ein gespenstisches Spektakel: schwarz Vermummte, die einen Sarg durch die Stadt rollten und riefen: »Wo sind eure Toten?« Ein »Bürgerkomitee Oberlausitz« prangerte die vermeintlich unbegründeten Vorsichtsmaßnahmen gegen Corona an. Die Region war von der ersten Welle im Frühjahr verschont geblieben; kaum jemand kannte Erkrankte; die Pandemie schien ausschließlich in den Medien stattzufinden, denen nicht wenige nicht mehr trauen. Man habe »25 000 Tote versprochen«, riefen die Vermummten: »Wo habt ihr sie versteckt?« Jetzt ist auf die pietätlose Frage zu sagen: im Hochwasserschutzzentrum. Dort müssen Särge gelagert werden, weil Kühlzellen im benachbarten Krematorium für die vielen Toten nicht mehr ausreichen. Als die Stadt darüber im Dezember informierte, gab es bundesweit Berichte. Zittau gilt als Beleg dafür, dass das Virus auch in vermeintlich abgelegenen Regionen gnadenlos zuschlagen kann. Im Frühjahr, sagt Zenker, habe man kurzzeitig eine Werbekampagne erwogen; Tenor: Wo wenige Menschen leben, sei die Welt in Ordnung. Inzwischen sind sie in Zittau heilfroh, dass sie die Finger davon gelassen haben.

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Risum-Lindholm, zehn Minuten von Dagebüll entfernt, ist ebenfalls Peripherie - aber auch ein »Dorf, das alles hat«. Der Slogan steht an allen Zufahrten, hat aber derzeit einen bedrohlichen Beigeschmack. Das lässt die 3000 Bewohner wachsam sein. Sie tragen Masken, auch dort, wo es nicht ausdrücklich verlangt wird. Der Reitverein beschränkt den Aufenthalt auf seinem Gelände »auf max. 75 Minuten (je Pferd)« und appelliert: »Bitte lasst eure Partner, Kinder oder auch Freunde in dieser Zeit zu Hause«. Vor der Reithalle türmen sich ausgemusterte Weihnachtsbäume. Am 21. Februar wäre Biikebrennen. Jeweils an diesem Tag verabschiedeten schon im Mittelalter die heidnischen Vorfahren der heutigen Friesen den Winter und die Männer, die lossegelten, um Wale zu fangen oder an fremden Küsten zu plündern. Bis heute lebt das Gerücht, die zurückbleibenden Inselfrauen hätten mit den Feuern zugleich Signale ihres Alleinseins an Mannsbilder auf dem Festland gesendet. Diesmal drohen die Signale zu entfallen. In St. Peter Ording und vielen anderen Orten hat die Obrigkeit das traditionelle Feuerspektakel bereits abgesagt. Derartige Verbote kennen die Alten bisher nur aus Kriegszeiten.

Auch auf der Ferieninsel Sylt begrüßt man gemeinsam mit Urlaubern aus der ganzen Republik mit der »Biike« den Frühling. Ob sie 2021 stattfinden kann, sei »noch offen«, sagt Nikolas Häckel, der Bürgermeister der Gemeinde Sylt. Rechtlich müsse man die Ende Februar geltende Corona-Verordnung des Landes berücksichtigen. Was die zulässt? Erst Ende Januar will der Hauptausschuss der Gemeinde entscheiden.

Der parteilose Häckel ist seit 2015 im Amt und will es über die bald endende Wahlperiode hinaus behalten. Auf Sylt gäbe es auch ohne Corona viele Probleme zu lösen. Spekulanten machen ihren Schnitt, bezahlbare Wohnungen fehlen, die »Urlauberschwemme« wächst, auch wegen derzeit fehlender Alternativen im Ausland. Der Amtsinhaber ist nicht der einzige Bewerber. Ein CDU-Mann wirbt mit »neuer Dynamik für eine zukunftsstarke optimistische Gemeinde Sylt«; ein Kandidat der regionalen Partei »Zukunft« setzt auf nachhaltige Entwicklung und will beim Biike-Brennen 2021 für dessen Anerkennung als immaterielles Unesco-Weltkulturerbe werben. Schließlich geht noch ein Mann ins Rennen, der Erfahrung in der Kommunalpolitik gesammelt hat - in einem Berliner Bezirksamt. Nun hat seine Frau, eine Sängerin, auf Sylt eine Bar übernommen. Pendeln ist keine Perspektive; schon gar nicht, wenn in den Zügen Corona mitfährt. Die Wahl soll am 7. März entschieden werden - wenn sie stattfindet. In Thüringen wurde gerade eine komplette Landtagswahl verschoben.

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Nicht nur Wahlen und regionales Brauchtum sind in diesen Zeiten bedroht. Auch Messen werden abgesagt, Kongresse, Konzerte - sowie Theateraufführungen. Dorotty Szalma findet das schwer erträglich. Sie ist Schauspielintendantin am Gerhart-Hauptmann-Theater in Zittau und Görlitz. Bis vor einem Jahr war ihr Leben von intensiven Proben bestimmt, von konzentrierter Arbeit, engen Terminen, von »Austausch, Begegnung, Kritik«. Sie mag Kunst, die sich in gesellschaftliche Fragen einmischt. In der kurzen Zeit zwischen erstem und zweitem Lockdown hat sie deshalb ein Stück zur Pandemie auf die Bühne gebracht. »Die Seuche« heißt es; Premiere war im September. Es war kein rasender Erfolg; »vielleicht zu nah am Thema«, sagt Szalma: »Womöglich wollen die Menschen jetzt eher Ablenkung.« Auch dafür sind sie am Theater Zittau gewappnet; drei weitere Stücke wurden im Eiltempo premierenreif geprobt. Doch der Vorhang bleibt unten, auf der Bühne wie in ganz Zittau. Wenn Szalma aus dem Fenster schaut, sieht sie »eine Stadt, die verstummt ist«, eine Gemeinschaft, die sich »nur noch beim Einkauf und anderen existenziell notwendigen Dingen trifft«. Das »Lebensgefühl«, sagt sie, sei »extrem grau«. Dennoch: Die Beschränkungen seien notwendig. Sie und ihre Bekannten üben sich in »Selbstdisziplin und in selbst verordnetem positivem Denken«. Eine Zeit lang sei das auch zu ertragen, findet sie: »Es geht nicht anders.«

Allerdings: So denken in der Region nicht alle. Obwohl im Landkreis Görlitz mit seinen fast 258 000 Einwohnern inzwischen 13 517 Menschen erkrankt waren oder sind; obwohl die Sieben-Tages-Inzidenz mit über 700 zeitweise zu den höchsten bundesweit gehörte und die überlasteten Krankenhäuser dramatische Appelle an die Bevölkerung richteten, sich doch bitteschön an die Hygieneregeln zu halten, werden in Läden die Masken nicht selten noch immer halbherzig oder widerwillig unterm Kinn getragen. An der Bundesstraße 96 stehen noch immer jeden Sonntag Gegner der Beschränkungen; ein örtlicher Ableger von Pegida verbreitet in Zittau krude Thesen. Prominentester Kritiker ist der Gründungsrektor der Hochschule Zittau/Görlitz, ein Mathematiker. Für Menschen, die rund um die Uhr mit der Bewältigung der Pandemiefolgen ringen, ist das schwer zu ertragen. Es sei »kein Spaß«, seufzt Zenker, »dass man noch immer diskutieren muss, ob Corona gefährlich ist oder ob es überhaupt existiert.«

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In Niebüll scheint die Frage geklärt. Das beschauliche Städtchen mit 10 000 Einwohnern passiert jeder, der mit Auto oder Zug nach Sylt übersetzen will. Derzeit scheint auch hier das Leben weitgehend entwichen aus den Straßen. Wer zur Arbeit geht oder in den wenigen geöffneten Geschäften etwas kaufen möchte, trägt »Gesichtspullover« und hält, will er nicht ganz wider Friesenart laut beschimpft werden, Abstand. Hilft das? Vor einer Woche noch hätte die Antwort »Ja« gelautet. Doch nun ist Corona sogar im Klinikum. In den Standorten Niebüll und Husum geriet die Lage außer Kontrolle, sagt Geschäftsführer Stephan Unger. Für das Klinikum Nordfriesland ist insgesamt eine Quarantäne ausgerufen. Sie betrifft alle, die sich seit 4. Januar 30 Minuten oder mehr in den Kliniken aufgehalten haben: Patienten, Besucher, Mitarbeiter. Am Wochenende, sagt CDU-Landrat Florian Lorenzen, wurden in Niebüll und Husum 1175 Klinikmitarbeiter und Patienten getestet, bislang 141 positiv. An beiden Standorten frühestens nächste Woche wieder Patienten aufgenommen. Rettungswagen müssen nun 40 Kilometer und mehr zu aufnahmebereiten Krankenhäusern zurücklegen. Solche Nachrichten bringen Unruhe ins Friesenvolk. Das Gesundheitsamt wurden in einer Stunde von 10 000 Anrufern »überrannt«.

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Was führt dazu, dass auch ländliche Regionen zu Corona-Hotspots werden? Für Zittau und Ostsachsen wird gern auf die Renitenz mancher Bewohner verwiesen; Gleichungen werden aufgemacht: Die AfD lehnt viele der Corona-Maßnahmen ab; in Ostsachsen wird die Partei von 30 bis 40 Prozent der Menschen gewählt - klare Sache also. Thomas Zenker ist vorsichtig mit einfachen Erklärungen. Er verweist auf weitere mögliche Faktoren: das Alter etwa. Fast 30 Prozent der Menschen im Landkreis sind älter als 65, vier Prozent gar über 85. Eine Infektion hat da oft schwerere oder gar tödliche Folgen. Auch der Kurs der Landesregierung - erst harte Maßnahmen, dann schnelle Lockerungen - mag zur Ausbreitung der Pandemie beigetragen haben. Sachsens CDU-Regierungschef Michael Kretschmer räumte kürzlich Fehler ein. Und auch auf die Grenznähe verweist Zenker. Von Zittau läuft man nur wenige Schritte nach Polen und nach Tschechien, das Fallzahlen in Rekordhöhe hat: Von zehn Millionen Tschechen sind bisher über 917 000 erkrankt und fast 15 000 gestorben. Im Frühjahr war die Grenze geschlossen, was Zenker schlimm fand. Später florierte der Einkaufstourismus - vielleicht zu lange. Jetzt ist die Grenze immerhin noch für die Pendler offen, die sächsische Krankenhäuser, Pflegedienste oder Fließbänder am Laufen halten. Über 19 000 sind es allein im Südosten des Freistaats. Weil sie sich jetzt regelmäßig testen lassen müssen, wurde in Zittau diese Woche ein Testzentrum eröffnet.

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Nahe an einer Grenze liegen auch Niebüll und Dagebüll. Rund 14 500 Menschen pendeln zum Arbeiten regelmäßig zwischen Schleswig-Holstein und Dänemark. Dort wurden jüngst alle Ampeln auf Rot gestellt: Versammlungen sind verboten, Freizeiteinrichtungen, Gastronomie und alle Geschäfte außer Apotheken und Supermärkten dicht. Die Grenze ist nur noch offen für jene Deutschen, die einen dänischen Arbeitsvertrag haben - und einen negative Corona-Test. Erst empörte man sich in Schleswig-Holstein. Nun sieht man die Maßnahmen als notwendigen Schutz. Gerade im Süden Dänemarks breitet sich die Corona-Mutation B.1.1.7 aus, die viel ansteckender sein soll als das »normale« Virus. Inzwischen hat sie sich auch in Schleswig-Holstein eingenistet. Impfen rettet, lautet die Devise auf beiden Seiten der Grenze. In Dänemark haben seit 27. Dezember 31 000 Bürger der Grenzregion die erste von zwei Impfungen erhalten. Ab April, hofft man, könnten täglich 20 000 Bürger der Region geimpft werden. Auf deutscher Seite haben bisher gut 75 000 Menschen die erste Impfung erhalten, 2,6 Prozent der Bevölkerung. Schleswig-Holstein belegt so nach Mecklenburg-Vorpommern republikweit den zweiten Platz. Gerüchten zufolge will eine Firma in Reinbek bald ebenfalls Impfstoff herstellen, in Kooperation mit dem Mainzer Unternehmen Biontech, das derzeit bei den Lieferungen schwächelt. Und dann gibt es im Bundesland ja noch ein spezielles Hausmittel gegen Depression. Man erinnere sich an den Abend des 13. Januar: DFB-Pokal, Holstein Kiel gegen Bayern München, 6:5 nach Elfmeterschießen.

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Dorotty Szalma würde anderes gegen Trübsal empfehlen. Auch wenn der Titel das nicht gerade vermuten lässt, gehört dazu zum Beispiel »Misery« (wörtl.: Elend), ein Theaterstück nach dem Roman von Stephen King, das in Zittau bühnenreif inszeniert ist: »Eine kurze Probe zur Auffrischung, und wir können loslegen.« Nur wann kann das sein? Das Gesundheitsministerium teilt für Sachsen mit, dass die Neuinfektionen weiter steigen, jedoch »nicht mehr so stark wie vor einigen Wochen«. Gelingt es, das Virus wieder einzuhegen? Und zwar auch, falls es die mutierte Variante B.1.1.7 nach Sachsen schafft? Rathauschef Zenker hofft auf die Impfungen. Bisher rangiert der Freistaat mit 64 728 Erstimpfungen und einer Quote von knapp 1,6 Prozent im bundesweiten Vergleich eher hinten - trotz des hohen Altersdurchschnitts. Wann also kehrt wieder Leben in die »verstummte« Stadt Zittau ein? Mit einem Lockdown bis Februar könne sie sich arrangieren, sagt Szalma, zur Not auch bis März. Noch längere Ebbe auf der Bühne kann und will sie sich nicht vorstellen: »Ich hoffe inständig, dass wir in dieser Spielzeit noch spielen können«, sagt sie: »Alles andere wäre ein Schock.«

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