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Kein Druck im Kessel bei der Stammbahn

Die Linke will die gekappte historische Bahnverbindung zwischen Potsdam und Berlin endlich wiederbeleben

  • Von Tomas Morgenstern
  • Lesedauer: 3 Min.
Alte Schienen der Potsdamer Stammbahn. Die Natur hat sich die nicht mehr benutzte Trasse mit den Jahren zurückgeholt.
Alte Schienen der Potsdamer Stammbahn. Die Natur hat sich die nicht mehr benutzte Trasse mit den Jahren zurückgeholt.

Durch Autos der Berufspendler verstopfte Ausfallstraßen, volle S- und Regionalbahnzüge zwischen Berlin und dem Umland - darunter leidet die Hauptstadtregion selbst im Corona-Lockdown. Aus Sicht der Linken in Brandenburg und Berlin muss sich das ändern. Das wachsende Verkehrsaufkommen sowie die strengen Klimaauflagen erforderten vor allem mehr umweltgerechte Angebote im öffentlichen Schienennahverkehr.

Vor diesem Hintergrund hatten die Linksfraktionen aus dem Landtag Brandenburgs und dem Berliner Abgeordnetenhaus am Freitag zum digitalen Fachgespräch über die Zukunft der Potsdamer Stammbahn eingeladen. Beide Fraktionen fordern, die Reaktivierung der historischen Trasse zu beschleunigen. Sie geben dabei der Stärkung des Regionalverkehrs den Vorzug gegenüber der S-Bahn.

Die mit 182 Jahren älteste Eisenbahnverbindung zwischen Berlin und Potsdam ist seit 1945 gekappt. Ihre Wiederbelebung entspricht dem Wunsch großer Teile der Bevölkerung. Im Oktober 2017 vereinbarten die Länder Berlin und Brandenburg sowie der Verkehrsverbund VBB mit der Bahntochter DB Netz und der Niederbarnimer Eisenbahn das Gemeinschaftsprojekt »i2030« zur Verbesserung der Schieneninfrastruktur. Eines seiner acht Teilprojekte sieht den Wiederaufbau der Potsdamer Stammbahn als Strecke für den S-Bahn- oder den Regionalbahnverkehr vor. Mitte 2019 wurde das Vorhaben in das Bahnkonzept »Deutschland-Takt« aufgenommen.

Mit Blick auf den Klimawandel wäre die Reaktivierung der Stammbahn ein Signal, um die Streckenstilllegungen im Land nach 1990 zu überdenken, erklärte Brandenburgs Linksfraktionschef Sebastian Walter. »Friedrich Wilhelm III., der damalige preußische König, brauchte insgesamt 15 Jahre, um sich davon überzeugen zu lassen, dass diese Eisenbahnstrecke dort, an dieser Stelle sinnhaft ist«, sagte er. Heute gelte die ungenutzte Stammbahn als Relikt des Kalten Kriegs. Der endete vor 31 Jahren.

»Es überrascht mich als Verkehrspolitiker, dass trotz vorhandener Mittel, Trassen und großenteils gewidmeter Eisenbahnabschnitte die Verkehrsverwaltungen in Berlin und in Brandenburg weiterhin in der Grundlagenermittlung verharren«, sagte der Landtagsabgeordnete Christian Görke (Linke). »Und das, obwohl wir bereits im Oktober 2017 das Projekt ›i2030‹ auf den Weg gebracht haben.« Das übliche Planungstempo bei Korridoruntersuchungen der Infrastrukturprojekte lasse daher eine Fertigstellung der Stammbahn erst in den 2030er Jahren erwarten. VBB-Chefin Susanne Henckel verteidigte das lange Planungsverfahren, das aufwendige Kosten-Nutzen-Analysen aller Varianten einschließe. »Eisenbahnprojekte brauchen eine gute Planung«, sagte sie. Dies sei Voraussetzung für eine zügige Umsetzung.

Bei allem Verständnis für Ungeduld bewege man sich bei »i2030« in einem rechtlich vorgegebenen System, gab der DB-Konzernbevollmächtigte Alexander Kaczmarek zu bedenken. Das verlange viel Vorarbeit. Zugleich warb er für eine Entscheidung zugunsten von Regionalzügen auf der Stammbahn. Es wäre über den Nord-Süd-Tunnel ein neues Einfallstor zusätzlich zur überlasteten Berliner Stadtbahnstrecke.

Die Berliner Linke habe den anstehenden Systementscheid zur Stammbahn in der rot-rot-grünen Koalition immer wieder vorgebracht, sagte der Abgeordnete Kristian Ronneburg. Landesseitig werde auf Ebene der Senatsverwaltung aber auch die S-Bahn-Variante weiterhin diskutiert. Im Wahlprogramm 2021 der Linken werde die Stammbahn wieder stehen. Persönlich sehe er Vorteile bei der Regionalbahn-Variante, sagte Ronneburg.

»Für unsere Fraktion ist der Favorit die Eisenbahnverbindung«, stellte Görke klar. Da nach der Berlin-Wahl mit weiterem Zeitverzug zu rechnen sei, verlange Brandenburgs Linke eine Entscheidung darüber bereits zum Sommer sowie eine klare Positionierung der Landespolitik. Zur Prozessbeschleunigung regte Görke die Bildung einer Infrastrukturgesellschaft der Länder mit der DB an.

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