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Er bekam sie alle

Man liebte ihn und seine harmlosen Interviews: Zum Tod von Larry King

  • Von Maximilian Schäffer
  • Lesedauer: 3 Min.
Sein Stil war seine Marke: Larry King (1933–2021)
Sein Stil war seine Marke: Larry King (1933–2021)

Als sehr bequemer Interviewer war Larry King Zeit seines Lebens bekannt. Er stellte angenehme Fragen, bevorzugte es, Gespräche zu Ende zu führen, nur selten verließen Gäste seine Talkshow. 25 Jahre und rekordträchtige 6000 Folgen lang lief das Format »Larry King Live« auf CNN. King wusste sich stets als klassischer Radiosprecher zu inszenieren, das Bild des Anchormans aus einer Ära vor der Bildröhre verkörperte er bis zum Schluss. Seine anachronistischen Hosenträger, die sonore Stimme und seine stets flexible Art und Weise, Gespräche zu führen, machten ihn zum Aushängeschild eines vermeintlich seriösen Journalismus der alten Schule. Aus professioneller Sicht war sein journalistischer Anspruch nicht mehr als weltmännisch getarnter Boulevard, vor dem sich weder die Dümmsten, noch die Schüchternsten, noch die Mächtigsten zu fürchten hatten.

Larry King bekam sie alle: Präsidenten, Diktatoren, Pornosternchen, Hausfrauen, Bauarbeiter, Mörder und Milliardäre. Täglich von 9 bis 10 Uhr durfte sich präsentieren, wer konnte und wollte. Als selbst ernannter Mann des Volkes zeigte sich der Interviewer meistens schlechter vorbereitet als die Anrufer aus der ganzen Welt. Besonders »volksnah«, räumte man den Publikumsfragen einen vergleichsweise hohen Stellenwert ein. Menschen an den Telefonen durften, ohne Nennung eines Namens und ohne Umwege, in die Befragung des Stargasts intervenieren. Als Pionier der sogenannten »Call-In-Shows« betrat King schon 1978 die Medienlandschaft, wo seine Sendung im landesweiten »Mutual Radio« lief.

Besonders gut konnte er es mit stolzen Sportlern und kapriziösen Künstlern. Sogar Frank Sinatra und Marlon Brando, beide bekannt für Sex, Drogen und Empfindlichkeit, standen ihm Rede und mussten nicht antworten. Als schlechtestes Interview seiner Karriere galt King nach eigener Aussage sein, von außen betrachtet, vielleicht interessantestes aller Zeiten. 2009 traf er Muammar al-Gaddafi, dem er die üblichen Schülerzeitungsfragen stellte. Dem Investigativjournalismus auf Niveau eines Poesiealbums begegnete der exzentrische Revolutionsführer und Errichter des einzigen Staates ohne Grundbuchamt mit Antworten nach Lust und Laune. Atombomben hielt Gaddafi gegenüber King für überbewertet - diese Einschätzung kostete ihn zwei Jahre später das Leben. Auf den Tod seines Interviewpartners reagierte Larry King 2011 treu im Geiste seines Senders CNN. Post mortem hatte er nur Spott und Häme für den gefallenen Herrscher übrig.

Professionell opportunistisch beendete King seine Karriere in Zusammenarbeit mit Russia Today. Bei CNN erreichte er einst bis zu 15 Millionen Zuschauer täglich, am Ende lagen seine Einschaltquoten auf dem alten Sendeplatz bei durchschnittlich 700 000 Interessierten. Zuletzt auf RT America und im Internet ausgestrahlt, dürfte sich diese Zahl in den niedrigen fünfstelligen Bereich verschoben haben. Sieben gescheiterte Ehen und fünf leibliche Kinder sind bekanntlich nicht billig, trotz Herzinfarkt, Tumor und Schlaganfall arbeitete King bis zum Schluss - ein Arbeitsethos, das ihn einst aus der bitteren Armut führte.

Der Sohn jüdisch-weißrussischer Einwanderer erster Generation wurde 1933 in Brooklyn, New York City geboren, sein Vater verstarb früh, seine Mutter schlug die Familie mit Näharbeiten und Sozialhilfe durch. Erste Chancen bekam der junge Mann als Disc Jockey, Nachrichtensprecher und Sportmoderator eines kleinen Radiosenders in Miami Beach. Weil der Geburtsname Lawrence Harvey Zeiger seinem Chef schlichtweg zu jüdisch klang, benannte sich King kurzerhand nach einem Schnapsladen, dessen Werbungsanzeige gerade auslag. Als bürgerlichen Namen ließ er »Larry King« bereits zwei Jahre später in den Führerschein eintragen. Sein Verhältnis zu Glaube und Identität war ebenso wankelmütig wie seine undurchsichtige Positionierung zu jeglichen Themen von politischer Dimension. 2005 beschrieb er sich noch als Agnostiker, 2015 als Atheisten, im Jahr 2017 ließ er verlauten: »Ich liebe es jüdisch zu sein, ich bin stolz auf mein Jüdischsein und ich liebe Israel!«

Larry King verstarb am vergangenen Sonnabend in Los Angeles.

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