Orbáns knallender Spielzeugrevolver

Viktor Orbán ist das rechte Enfant terrible der Europäischen Union, meint László Mérö

  • Von László Mérö
  • Lesedauer: 4 Min.

Es war ein Warnzeichen, als am 11. November 2020, dem ersten Tag des ungarischen Lockdowns, mit Maschinenpistolen gerüstete Soldaten auf der berühmten Ringstraße von Budapest marschierten. Schon zuvor war der Ton des Regierungschefs Viktor Orbán immer martialischer geworden. Beispielsweise inszenierte er bei einem Besuch in Brüssel, zumindest verbal, eine Art Invasion in der Normandie. »Bis zu den Zähnen bewaffnet warten wir auf die zweite Welle des Virus«, sagte er. In all seinen Äußerungen ging es um Kampf, Krieg, Kommando, um Ärzte, um Brüssel.

Wovor habe ich Angst? Das Land, in dem ich lebe, ist Mitglied der weltweit einzigen Union, mit deren Gründung man den nächsten Krieg vermeiden konnte. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die Franzosen und die Deutschen erkannt, dass alles besser (und billiger) ist, als Krieg gegeneinander zu führen. Einen Krieg zwischen Ungarn und der EU wird es nicht geben, auch wenn Orbán die EU einseitig bekämpft. Weil aber Ungarn von ihm mit Erfolg militarisiert wurde, muss ich dennoch in einem permanenten Kriegszustand leben, obwohl es einen echten Feind gar nicht gibt. Der Frieden entspricht nämlich nicht Orbáns Charakter. Einen friedlichen Meinungsaustausch mit anderen, die nicht seiner Meinung sind, kennt er nicht. Sein Lebenselixier ist der Kampf und nicht das Regieren.

Wird der EU die ständige Provokation zu bunt und droht sie mit ernsthaften Sanktionen, dann rudert Orbán sofort zurück und zettelt einen Krieg anderswo an. Zum Beispiel zu Hause. Das macht mir Angst. Zivilisten sind leicht zu militarisieren; Soldaten zu zivilisieren ist jedoch ungleich schwerer.

Grundlage seiner Sicht auf die Dinge könnte sein Dienst in der ungarischen Armee gewesen sein. Dort konnte man nie wissen: Hat man jetzt etwas getan, oder hat man nur so getan, als hätte man etwas getan. Bei einem Feldmanöver beispielsweise stand auf einer Brücke: »Diese Brücke ist gesprengt.« Nach kurzem Überlegen stellten die Soldaten fest, das Wasser ist zu kalt und nass. So liefen sie über die Brücke mit einer Tafel in der Hand: »Wir schwimmen.«

Orbán ist voll und ganz Soldat - auch wenn er nie einen echten Krieg erlebt hat. Typisch für ihn ist, wie in der österreichisch-ungarischen Monarchie ein General von seinen Befehlsempfängern beschrieben wurde: »Hervorragender Soldat, er kämpft, als würde er seinem eigenen Frontbericht glauben.« Nur: Orbán ist kein Soldat, sondern Politiker. Er meint aber, er sei mehr als nur Politiker, in seiner tiefsten Seele sei er Soldat, ein großer Stratege. Orbán ist wie der klassische Soldat in einer Militärkapelle: Als Soldat eher Musiker, als Musiker eher Soldat. So behandelt ihn Europa, er wird als Politiker immer weniger geachtet. So glaubte er, sein Veto wäre für das EU-Budget wie eine Atombombe. Er machte deutlich, dass er gegebenenfalls auch nicht zögern würde, sie abzuwerfen, was in Europa tatsächlich ein kollektives Zusammenzucken hervorrief.

Diesen Ton ist man im Westen nicht gewohnt. Nachdem aber Angela Merkel mit Orbán sprach, stellte sich schnell heraus, dass auch das Veto des ungarischen Premiers nur ein knallender Spielzeugrevolver ist. Als neuer, glorreicher Frontbericht war er für seine Anhänger in Ungarn jedoch brauchbar.

Ich möchte in Frieden leben, arbeiten, diskutieren und alle vier Jahre eine Wahl unter denen treffen, die für ein politisches Amt kandidieren. Es macht mir nichts aus, zur Minderheit zu gehören. Ich habe aber jetzt den Eindruck, damit zur Mehrheit zu gehören. Dieser Wunsch nach Frieden schweißt gegenwärtig die heterogene ungarische Opposition zusammen. 2018 wurde Orbán mit seinen martialischen Sprüchen noch nicht so vehement abgelehnt. Jetzt werden aber umso mehr Kommandos grundlos hinausposaunt, je mehr Menschen sie ablehnen.

Man überhört sie aber, weil man weiß, dass nach dem Abgang Orbáns Europa uns willkommen heißen wird, denn wir gehören dazu - auch wenn wir einige Jahre Orbán aufgesessen sind. Ähnliches ist auch anderen Völkern passiert, alle hatten einmal Grund, sich zu schämen. Unser Grund ist halt noch sehr frisch. Es wird etwas dauern, bis wir alles zurechtbiegen.

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