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Atzen und ihre Tante Hertha

BallHAUS Ost

Wenn Fußballfans demonstrieren, geht es selten darum, die Menschheit voranzubringen. Wer vergangenen Sonnabend zufällig in der Nähe des Olympiastadions in Familie oder mit sich selbst den Tag vergammelte, bekam die ganze Wutwucht der ostdeutschen Hertha-Fans zu spüren. Der Sender RBB zählte 250 meist männliche Exemplare dieser Gattung, die mittels Spruchbändern und Verlautbarungen direkt aus dem Fankörper die große Hertha-Schweinerei anprangerten.

Was ist denn bloß passiert, fragten sich besorgt Mitbürgerinnen, die auf der Suche nach Naherholung den Parkplatz vorm Olympiastadion frequentierten und die Ansammlung mürrisch dreinblickender Schmerbäuche zuerst für einen Trupp versprengter Coronarebellen hielt.

Die Herthafans schwenkten artig ihre mitgebrachten Utensilien und beachteten die Schar uneingeweihter Naherholungssuchender nicht. Ja, was war denn passiert? Wurde möglicherweise das Hoch Horst vom heißen Wind aus der Sahara nach Polen vertrieben? Worum geht es, wenn sich 250 Familienväter auf einem öden Parkplatz bei Nieselregen zum Anprangern versammeln?

Wenn man sich als systemrelevanter und mittelalter Journalist mit blauem Mützlein unauffällig und mürrisch guckend in die Meute einwob, erwischte man Worte wie Prinz Preetz und Stehgeiger Gegenbauer. Es raunte von Cliquenwirtschaft, und frankzanderresker Oppositionsgeist hüllte alles ein. Hertha BSC gehört zu Berlin wie die Currywurst, die findige Fleischeratzen einstmals aus gammeligen Schlachteresten zusammenrührten. Ich fragte naiv: Was is’n eigentlich so traditionell großartig an Hertha? Hertha BSC ist zwischen Prenzlauer Berg und Wedding gegründet worden, von irgend’ner Keule. Andere meinten, nee, von’ner Atze.

Große Visionen, galaktische Ziele, das seien doch Herthas Markenzeichen, wenn man den wohlklingenden Posaunensignalen aus dem Nazibau in Charlottenburg trauen kann. Oder sind es am Ende nur gelackmeierte Trötenklänge aus den halbseidenen Kiemen von Fußballtotengräbern, die das Ohr der Stadt Berlin beleidigen?

Ich warf ein: Grundsätzlich ist es schön, wenn im bräsigen Fußballgedöns mal ne Frau ne Rolle spielt. Tante Hertha klingt besser als Onkel Adolf, oder etwa nicht? Nun guckten einige der besorgten Hertha-Fans irritiert, deren Antrieb, zu diesem Auftrieb zu erscheinen, doch einzig und allein ihre unpolitische, herthabedingte Besorgnis war. Sie wollten nicht über oder mit Frauen streiten, das hätten sie bereits täglich zwischen 18 und 21.30 Uhr daheim.

Als Mitberliner hat man fast Mitleid mit dem »Big City Club« aus dem westlichen Teil der Stadt. Im weiteren Verlauf entpuppte sich ein nicht geringer Teil der mittelalten Anwesenden als Preußen (so nannten sie sich) oder Ostberliner. Na also, dachte ich mir doch. In Ostdeutschland kann es keine Westdeutschen geben, höchstens zu Besuch. In ganz Berlin schlafen alle asozialen Ossis unter Brücken oder in der Bahnhofsmission (kleiner mieser Sonnebornscherz, der sich auf einen - außer in Sachsen - inzwischen leicht aus der Mode gekommenen Beleidigungssong aus dem Repertoire jeder Fankurve bezieht).

Hertha BSC führt in der eigenen Stadt das Dasein eines verkannten bis unbekannten Genies. Die Altberliner sind mit Currywurstessen und Maulen beschäftigt. Die Zugezogenen, bis auf die aus Brandenburg (im Fanjargon Preußen genannt), wissen nicht, was Hertha BSC ist. Die Neuberliner finden allesamt Eisern Union toll, weil man dort so schön mit Weihnachtsmannfarbe unterwegs sein kann. Überhaupt sei alles bei Union so authentisch. Vielleicht sollte man ihnen mal die Brigade Köpenick in die Vorgärten schicken.

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