Chronik einer Okkupation

Milena Jesenská berichtet über das Europa der Zwischenkriegszeit

  • Lesedauer: 8 Min.

Prag, morgens am 15. März 1939

Wie tragen sich die großen Ereignisse zu? Überraschend und mit einem Schlag. Und sind sie erst geschehen, stellen wir fest, dass wir nicht überrascht sind. Man hat doch so eine Ahnung und ein Wissen um die Dinge, die kommen werden, nur wird es vom Verstand, dem Willen, dem Wunsch, der Angst, der Eile und der Arbeit übertönt. Sobald die Seele des Menschen eine Sekunde nackt und frei bleibt, mit nichts als ihrem geheimen Gespür, weiß sie sofort: Ich hab’s geahnt. Nicht umsonst gehen jetzt so viele herum und sagen: Ich hab’s geahnt, ich hab’s immer gesagt. Und ich glaube ihnen. Wir alle haben es geahnt, und hätten wir besser auf die Stimme unseres Herzens gehört, als wir zum Beispiel allein zu Hause saßen oder bei Taganbruch müde erwacht sind, hätten wir Worte gefunden für unsere Gefühle, die wahr sind, und nicht nur für die oft so verbogenen Gedanken, dann hätten wir gesagt: Wir rechnen damit. Aber in der Logik der Dinge ist zugleich auch Unlogik. Jeder rechnet im Leben mit einem ganz besonderen Ereignis: mit Glück, Not, Krankheit, Hunger, Tod. Aber wenn es herankommt, erkennt er es nicht. Das Einzige, was er weiß, ist, dass es ihn völlig im Griff hat, ihm weder Zeit noch Möglichkeit lässt zu handeln.

Als am Dienstag um vier Uhr morgens das Telefon klingelte, als die Kameraden und Freunde anriefen, als der tschechische Rundfunk zu senden begann, sah die Stadt unter unseren Fenstern aus wie in jeder anderen Nacht. Der Lichterteppich unter den Fenstern hatte dasselbe Muster, die Kreuzungen bildeten dieselben Kreuze. Nur dass ab drei Uhr langsam ein Licht nach dem anderen anging, bei den Nachbarn, gegenüber, unten, oben, dann in der ganzen Straße. Wir standen am Fenster und dachten: Die wissen es auch schon. Wir haben andere mit einem Anruf geweckt: Wisst ihr es schon? Und sie sagten: Ja. Trüber Morgendämmer über den Dächern, ein bleicher Mond hinter dunklen Wolken, unausgeschlafene Gesichter, eine Tasse heißer Kaffee und regelmäßige Rundfunkmeldungen. So kommen die großen Ereignisse zu den Menschen: lautlos und unversehens.

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In den deutschen Zeitungen war eine Reportage über die deutschen Soldaten, die auf Prag zufuhren: eine friedliche Stadt im Frühlingsmorgenlicht, die Kolonne deutscher Wagen, darauf Männer mit klopfendem Herzen: Wie wird es dort sein? Wie werden die Menschen in diesen fremden Straßen sich verhalten? In der Vorstadt halten sie den ersten Fußgänger an, einen Arbeiter auf dem Weg zur Schicht. Sie erkennen auf den ersten Blick, dass er alles weiß. Er verhält sich ruhig, weist ihnen wortlos und friedlich die Richtung.

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Wie immer, wenn Großes geschieht, verhalten die Tschechen sich fabelhaft. Dem Tschechischen Rundfunk sei Dank für die knappe Sachlichkeit, für die Beharrlichkeit und die Geduld, mit der er alle fünf Minuten gesendet hat: Die deutsche Armee rückt von der Grenze auf Prag vor. Bewahren Sie Ruhe. Gehen Sie in die Arbeit. Schicken Sie Ihre Kinder zur Schule.

Um halb acht machte sich eine Heerschar von Kindern auf den Weg in die Schule, wie immer. Arbeiter und Beamtenschaft fuhren zur Arbeit, wie immer. Die Elektrischen waren voll, wie immer. Aber die Menschen waren anders. Sie standen und schwiegen. Nie habe ich so viele Menschen schweigen gehört. Auf den Straßen nicht ein einziges Grüppchen. Kein Diskutieren und Spekulieren. In den Ämtern hob keiner den Kopf von der Arbeit. Ich weiß nicht, woher diese einhellige Geschlossenheit von Tausenden rührt, dieser einstimmige Rhythmus Tausender Seelen, die sich nicht kennen: Am 15. März 1939 um fünf nach halb neun erreichte die reichsdeutsche Armee die Národní třída. Auf den Gehsteigen strömten die Menschen, wie immer. Keiner schaute hin, keiner wandte sich um. Die deutsche Bevölkerung Prags begrüßte die reichsdeutschen Soldaten.

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Auch sie haben sich uns gegenüber anständig verhalten. Überhaupt ist bemerkenswert, wie sehr die Sache sich ändert, wenn eine Formation zerfällt und ein einzelner Mensch vor uns steht. Auf dem Wenzelsplatz ist ein tschechisches Mädchen einer Gruppe deutscher Soldaten begegnet - und weil es schon der zweite Tag war und bei uns allen die Nerven doch schon ein wenig blank lagen und weil man erst am zweiten Tag besser versteht und mehr nachdenkt -, schossen ihr die Tränen über die Wangen. Und da geschah etwas Merkwürdiges: Ein deutscher Soldat trat auf sie zu, ein einfacher, gewöhnlicher Soldat und sagte: Aber Fräulein, wir können doch nicht dafür …! Er sagte es, als wolle er ein kleines Kind beschwichtigen. Er hatte ein deutsches Gesicht, ein bisschen sommersprossig, leicht ins Rötliche spielendes Haar und eine deutsche Uniform, ansonsten unterschied er sich in nichts von einem tschechischen Infanteristen, von einem einfachen, seiner Heimat treuen Mann. Und so standen da zwei Menschen einander gegenüber und »konnten nicht dafür …«. Und in diesem einfachen, schrecklich alltäglichen Satz liegt der Schlüssel zu allem.

In einem Straßenbahnwaggon kam es zu einem anderen Vorfall: Ein junger Tscheche mit Armbinde führte große Reden: was wir jetzt unternehmen werden und wen wir jetzt alles aufs Haupt hauen und wie wir dem Ganzen eine Ende setzen und es der Welt so richtig zeigen. Außer der Armbinde hatte er am Revers auch ein Hakenkreuz. Und als diese Reden in die große Stille des Waggons fielen, erhob sich auf einmal ein deutscher Offizier, der in der Ecke gesessen hatte, trat auf den jungen Kerl zu und sprach ihn auf Tschechisch an: »Sie sind Tscheche?« Der junge Kerl plusterte sich auf und sagte überaus selbstbewusst: »Ja, ich bin Tscheche.« Da nahm ihm der Offizier das Hakenkreuzabzeichen vom Revers und sagte sehr ruhig und sehr nachdrücklich: »Dann haben Sie nicht das Recht, so etwas hier zu tragen.«

Sehen Sie, es gibt Momente, da möchte man auf einen deutschen Offizier zugehen und sagen: Ich danke Ihnen, mein Herr.

Ich habe vor einigen Tagen mit einem Deutschen gesprochen, natürlich war er Nationalsozialist. Er hat sich sehr ausführlich und sehr überlegt zur Stellung der Tschechen geäußert, zu den Vorteilen, die wir nun seiner Meinung nach hätten, und zu den Nachteilen, die er selbst durchaus einsah. Das ist im Großen und Ganzen nicht von Interesse, denn noch ist alles im Werden und auch gut informierte Leute können nicht mehr sagen als ihre Meinung. Interessant aber war sein Bild von den Tschechen, er fragte mich fast schüchtern: Wie können Sie mir erklären, dass so viele Tschechen zu uns kommen und mit Heil Hitler grüßen?

Tschechen? Das ist sicher ein Irrtum.

Das ist kein Irrtum. Sie kommen zu uns aufs Amt, heben den rechten Arm und sagen Heil Hitler. Warum? Ich könnte Ihnen von einem Schriftsteller erzählen, der sich sehr darum bemüht - jetzt schon und mit Hochdruck -, dass seine Dramen in Berlin auf die Bühne kommen. Ich könnte Ihnen von vielen Leuten erzählen, die mehr tun, als sie müssten, und geradezu übereifrig, überemsig sind. Wissen Sie, ein Deutscher hat Verständnis für Nationalstolz, für ein nationales Rückgrat. Glauben Sie mir, für unterwürfiges Verhalten hat ein Deutscher heutzutage bestenfalls ein mitleidiges Lächeln.

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Innerhalb von zwei Tagen hat sich das Gesicht der Stadt bis zur Unkenntlichkeit verändert. In den Lokalen die Männer tragen Uniformen, die wir nicht einmal von Bildern her kennen. Durch die Straßen fahren Wagen, die wir noch nie gesehen haben. Sie fahren hierhin und dorthin, immer wissen sie, was sie tun sollen, agieren höchst entschlossen und zielstrebig, in den Buchhandlungen werden Stadtpläne von Prag gekauft, englische und französische Bücher. Soldatengruppen gehen durch die Straßen, bleiben vor den Schaufenstern stehen, schauen, reden. Und bei alledem steht nicht ein Rädchen still, keine Feder, keine Maschine.

Auf dem Staroměstské náměstí befindet sich das Grab des Unbekannten Soldaten. Von diesem Grab ist jetzt nichts mehr zu sehen, es liegt unter einem Berg von Schneeglöckchen. Eine bewundernswerte Kraft, die heimlich die Schritte der Menschen lenkt, führt scharenweise die Prager hierher, und jeder legt einen Strauß Schneeglöckchen auf dieses kleine Grab der großen Erinnerung. Die Menschen stehen rundum mit Tränen. Nicht Frauen und Kinder: auch Männer, die Tränen nicht gewohnt sind. Und wieder ist das irgendwie ausgesprochen tschechisch: das ist kein Klagen, das ist auch keine Angst, ist keine Verzweiflung, kein Gefühlskrampf. Es ist einfach nur Trauer. Irgendwo muss die Trauer hinaus, einige hundert Augen muss sie mit Tränen füllen. So entstehen nationale Gebräuche, so sehen die ersten Quader langjähriger Traditionen aus. Am 15. März werden tschechische Mütter mit ihren tschechischen Kindern zum Grab des unbekannten Soldaten gehen und Schneeglöckchensträuße niederlegen. Und es wird sich als große Opferhandlung in das Bewusstsein der Menschen prägen.

Im Rücken dieser Menge habe ich einen deutschen Soldaten vorübergehen sehen, und er blieb stehen und salutierte. Er hat in die verweinten, geröteten Augen geblickt, auf die Tränen, auf die verschneiten Schneeglöckchenberge, er hat Menschen weinen sehen, und geweint haben sie, weil er hier ist. Und er hat salutiert. Er hat wohl verstanden, warum wir traurig sind. Und ich sah ihm hinterher und dachte an jene Große Illusion: Werden wir wirklich je nebeneinanderleben - Deutsche,Tschechen, Franzosen, Russen, Engländer -, ohne uns zu verletzen, ohne uns hassen zu müssen, ohne einander Unrecht anzutun? Werden die Staaten sich eines Tages wirklich verstehen, wie sich einzelne Menschen verstehen? Werden die Grenzen zwischen den Ländern fallen wie in den Beziehungen zwischen den Menschen?

Wie wäre es schön, das zu erleben!

Přítomnost, 22. 3. 1939

Milena Jesenská:
Prager Hinterhöfe im Frühling
Feuilletons und Reportagen 1919-1939
Hrsg. von Alena Wagnerová
Aus dem Tschechischen von Kristina Kallert
Wallstein-Verlag
416 S., geb., 32,00 €

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