Lockdown-Revue und Sofa-Theater

Nicolas Stemann macht sich Gedanken über die mentalen Verwüstungen durch die Pandemie

  • Lesedauer: 10 Min.

Aus dem Vorwort von Sibylle Berg:

Wie wichtig ist uns Kunst? O.k., gut, andere Frage, weil der Begriff zu schwammig ist. Wie wichtig ist das Stadttheater noch, heute, in der Zeit der Zeitknappheit, der Endrunde des wettbewerbsgetriebenen Kapitalismus, in dem sich die Menschen maschinengleich perfektionieren wollen, um zu überleben, im Kampf gegen Codeketten. Wie wichtig ist da also das Theater, das manche noch aus der Kindheit kennen oder von ihren Eltern, die ein Abo hatten und...unglaublich wichtig, würden fast alle sagen - die Zugang zur Kultur haben. Die gelernt haben zu sagen: Theater ist so wichtig wie ein gutes Buch. Das auch kaum mehr einer liest, denn da ist der Wettbewerb und der Job und das Netz und die Familie und immer irgendwelche Menschensorgen. Vielleicht ein, zwei Mal im Jahr gehen Menschen, die sagen, ich gehe gerne ins Theater, ins Theater. Wenn sie Glück haben, schlafen sie nicht ein. Und dann war es weg. Zugeschlossen vom ersten Tag des Ausnahmezustandes - für viele der erste ihrer Lebenszeit. Das erste Mal begreifen, wie wenig man ist, der Wegfall aller eingebildeten Stärke und Autonomie. Das Ende der Gewohnheiten.

Plötzlich war jeder alleine mit sich in einem unruhigen offenen Meer, in dieser Zeit, die eine fundamentale Änderung unserer aller Leben bedeutet. Nichts wird mehr werden wie es war. Fast scheint es, als hätten sich die meisten Länder entschlossen, in einen faschistischen Kapitalismus zu marschieren. Die Demokratien brechen weg, schneller als das Klima die Meere steigen lässt. Und das Theater - war weg. Alle Vorbereitungen, Proben, die neuen Stücke, die großen Pläne - verschwunden.

Ein paar Versuche, das analoge Medium ins Digitale zu überführen, gelangen. Das Experiment von Herrn Stemann zum Beispiel. Da ging etwas, da war keine Verzweiflung, fast konnte man wieder hoffen, aber nun sehen wir weiter. Die schwere Zeit der Theater wird noch lange dauern. Vielleicht wurde durch die Pandemie nur deutlich, dass nun der Moment für etwas Neues, Gerechteres, Moderneres, Diverseres gekommen ist. Ohne Hierarchie und Bühnenverein und Intendantenverein (Frauen, die wenigen, mitgemeint). Vielleicht sollte diese Krise Anlass sein, etwas Neues zu wagen. Einer, der das versucht, ist sicher der Autor dieser Texte.

Vorhang hoch

zum Theater aus dem Haus-Büro

24. März 2020

Was habe ich erwartet? Ich geh dann mal nach Hause, setz mich auf den Balkon und klappe ab und zu den Laptop auf? Die ersten Tage verbringe ich nahezu dauerhaft am Telefon und vor irgendwelchen Split-Screens, während nebenbei ein oder mehrere Kinder hereinkommen und irgendetwas brauchen: Essen, ausgedruckte Mandalas, Spitzer, neue Windeln. Während ich auf Slack, Zoom, Skype, WhatsApp und einem halben Dutzend anderer Tools mit Menschen rede, die ihrerseits zwischen Kindern oder Topfpflanzen sitzen. Das Homeoffice ist noch in der Erprobungsphase. Merke: Beim parallelen Wickeln besser die Kamera ausmachen. Überdies realisiere ich in diesen Videokonferenzen auf einmal, dass ich wirklich der Älteste in der künstlerischen Leitung bin und damit der Risikogruppe der über 65-Jährigen näher als fast alle anderen hier - zumindest sehe ich so aus. Oder bin ich schon infiziert? In der nächsten Sitzung sorge ich für vorteilhafteres Licht und trage eine Mütze, um meine Glatze zu bedecken - jetzt sehe ich aus wie das blühende Leben, frisch geheilt, gerade noch mal gut gegangen! Aber auch alle anderen beginnen verstärkt, sich zu schminken, lächeln die ganze Zeit leicht irre und postieren sich vor eigens dafür drapierten Bücherstapeln. Irgendwann weiß dann aber auch der Letzte, dass man sein eigenes Bild auch wegklicken kann. Man merkt sofort, wer wieder normal aussieht und kein Fotogesicht mehr macht oder sonst wie mit seinen Haaren oder der Hintergrundbeleuchtung beschäftigt ist.

Die Erschöpfung ist dann wohl auch weniger Corona-Symptom als letztlich unvermeidbar, wenn sich Homeoffice mit Homeschooling und Home Parenting mischt. Draußen die Ruhe vor dem Sturm - drinnen der Lärm im Kinderzimmer. Es ist ein unausgesprochenes Ge-heim-nis zwischen Menschen, die Kinder haben, dass man sich während der Arbeit vom Wochenende erholt, nicht umgekehrt. Nach drei Tagen Homeschooling stelle ich mich ans offene Fenster und klatsche für die Lehrer*innen.

Überhaupt bin ich bereit, für alle und alles zu klatschen, wenn das hier nur bald vorbei ist. Man wünscht sich kurz, es käme wirklich für eine Weile ALLES zum Erliegen - nicht nur unser künstlerischer Output, der ja immer nur die sichtbare Krone unserer Arbeit ist, der Moment der Erfüllung gewissermaßen. Umso schmerzhafter, dass nun gerade dies wegfällt: Premierenreife Produktionen bleiben ohne Premiere, künstlerische Prozesse werden mittendrin gestoppt. Ein gutes Dutzend Gastspiele in der ganzen Welt - abgesagt! Das Berliner Theatertreffen, zu dem wir gleich in unserer ersten Spielzeit eingeladen waren, ebenfalls. In vier Tagen hätte ich Premiere in Lausanne gehabt - wir sind so gut wie fertig. Und nun? Vielleicht im Juni, heißt es, aber alle sind skeptisch. Glaubt eigentlich noch irgendwer daran, dass es ab 1. Mai einfach so weitergeht?

Außerdem beschäftigt sich mein Lausanner Projekt mit einer postkolonialen Dekonstruktion von Albert Camus’ Der Fremde! CAMUS! Mon dieu - muss ich da jetzt nicht Die Pest einbauen? Bauen nicht alle gerade irgendwie Die Pest ein? Aber das ergibt doch keinen Sinn? Per Slack frage ich die Dramaturgin, die prompt per WhatsApp antwortet, dass sie das auch nicht wisse, aber was ergebe schon Sinn im Moment. Und überhaupt: das Absurde - Camus.

Neuerliches Online-Meeting mit allen Hausregisseur*innen. Die Stimmung ist gedrückt. Der Tänzer und Choreograf Trajal Harrell ist noch gerade nach Athen gekommen, das bis letztes Jahr seine Wahlheimat war, zum Glück ist er noch reingekommen. Die anderen sind erst mal in Zürich geblieben. Alle warnen davor, jetzt schnell in irgendwelche vermeintlichen künstlerischen Antworten zu springen, nur um Inhalt zu produzieren. Andere Theater werfen hektisch alles raus, was sie so an Mitschnitten auf Lager haben. Der Kreis unserer Hausregisseur*innen ist davon mäßig begeistert, die Dramaturgie teilt diese Skepsis. Zu wenig theatral, man müsse ganz neue Formate finden. Die Generation der Digital Natives macht Theater, weil sich das eben nicht im Netz verwerten lässt. Was soll’s, das Internet ist sowieso voll, alle singen dort vor ihren Telefonen. Gerade Theaterautor*innen scheinen auf einmal von der Idee beflügelt, dass es kein Theater mehr braucht, um ihre Texte in die Welt zu tragen, und überbieten sich in der Organisation von Watch-Partys zur Dauerlesung ihrer gesammelten Werke - in der Mitte sieht man dabei den*die lesende*n Autor*in in seiner*ihrer Küche, oben links wird derweil gnadenlos die Anzahl der Zuschauer*innen eingeblendet: acht. Neun. Manchmal 14. Das hat zwar im weitesten Sinne mit Virus zu tun, viral ist es nicht.

Unmittelbar nachdem klar geworden war, dass wir nicht mehr spielen werden, gab es durchaus besondere Ideen wie: Wir senden aus dem leeren Schauspielhaus - tagsüber wird geprobt, abends gibt es jeweils eine neue Folge einer Theater-Serie, die live gestreamt wird. Haha, wie naiv: Wir dachten, dass wir einfach nur für ein paar Wochen alle Vorstellungen absagen müssen, und schon das kam uns ganz und gar wahnsinnig vor! Was es bei Licht besehen natürlich auch ist, wird doch normalerweise jeder Schließtag, jede nicht verkaufte Karte gehandelt wie ein Eintrag in das ewige Buch der Hölle. Und nun: gar nichts mehr. Keine Vorstellungen. Keine Proben. Kein Betrieb. Einfach so. »Lasst uns Zeit nehmen, um zu verstehen, was hier passiert und was das für uns bedeutet«, spricht Yana Ross allen aus der Seele. Sie fühlt sich an den 11. September erinnert, den sie als junge Fernsehjournalistin in New York erlebte. Durch einen Zufall filmte sie den Einsturz der Türme für das Fernsehen, was für sie ein so einschneidendes Erlebnis wurde, dass sie beschloss, Künstlerin zu werden und sich dem Theater zuzuwenden. Wer weiß, wohin all dies hier führen wird und was für künstlerische Formen, was für Inhalte hier entstehen werden. Wir wissen eh nicht, was aus all dem erwächst - dass es weitaus unangenehmere Dinge sein werden als neue künstlerische Formen, ist sowieso allen klar.

Dass es Menschen gibt, denen es jetzt richtig schlecht geht, weil sie gerade nicht Homeoffice machen können, ebenfalls. Weil sie keine Wohnung, keinen Job, keine Papiere haben oder einfach nur niemanden, mit dem sie sich online kurzschließen könnten. Dass die Theater nicht mehr spielen, wird nicht das Schlimmste an dieser Krise gewesen sein.

»Es ist nicht absehbar, wie lange das noch dauert«, sagt der Experte im Fernsehen, der gute, nicht der böse, den jetzt alle verteufeln. Der böse Experte, der, der das Ganze für aufgebauscht und überzogen hielt und vor dem jetzt gewarnt wird, als würde er zur Schlachtung von Neugeborenen aufrufen, hatte diesmal wohl leider unrecht - so bleibt ihm nichts übrig, als mit irgendwelchen Netz-Nazis zu reden. Dennoch entstehen Verschwörungstheorien nie im luftleeren Raum: 2010 war es tatsächlich die Pharma-Lobby, die darauf drängte, die Schweinegrippe zur Pandemie zu erklären, was sich als falsch und vorschnell erwies, aber Milliarden in die Kassen der Konzerne spülte. Wer einmal lügt … Diesmal jedoch ist es anders gelagert. In Italien fahren Militärlaster mit Leichen durch die Gegend, kaputtgesparte Krankenhäuser brechen zusammen, dies hier ist echt!

Hat der gute Experte gerade was von 12 bis 18 Monaten gesagt? 18 Monate Homeschooling, Netz-Konferenzen und kein künstlerischer Output? Langsam wird klar: Man kann sich gewöhnen, man kann sich einrichten, man kann was draus machen, und wir sind bislang sowieso mehr als privilegiert - aber das hier wird heftig.

Lied der Viren (Lyrisches Chanson)

Ihr wollt uns bekämpfen
Wer gibt euch das Recht
Wer ist hier die Krankheit
Wer gut, wer schlecht?

Ihr regiert nicht den Planeten
Ihr seid nur sein Befall
Den wir jetzt entfernen
Hier und überall.

Ihr seid die Krankheit
Wir die Kur
Ihr seid vergänglich
Wir die Uhr.

Ihr könnt nicht fliehen
Wir sind in euch drin
ihr seid die Seuche
Wir die Medizin.


You Gotta Wash’em (Musical-March)

You gotta wash’em wash’em wash’em
Till it’s gone
You gotta wash’em wash’em wash’em
Till it’s done

You gotta wash’em wash’em wash’em
Like hell
You gotta wash’em wash’em wash’em
Very well

Öffne erst den Wasserhahn
Die Hände werden nasser dann
Halt sie in den Wasserstrahl
Fröhlich wie ein nasser Wal

Und als Nächstes greife
Nach einem Stückchen Seife
You gotta Wash’em wash’em wash’em
Till it’s gone

You gotta Wash’em wash’em wash’em
Till it’s done
You gotta Wash’em wash’em wash’em
Very strong

You gotta Wash’em wash’em wash’em
All day long
Jetzt musst du sie kräftig reiben
Damit keine Viren bleiben

Hände putzen, Hände kneten
Kreuz die Finger wie beim Beten
Mach’s von unten, mach’s von oben
Lass die kleinen Händchen toben

You gotta Wash’em wash’em wash’em
Till it’s gone
You gotta Wash’em wash’em wash’em
Till it’s done

You gotta Wash’em wash’em wash’em
That’s so good
You gotta Wash’em wash’em wash’em
Yes you should

Singe einmal Hänschen klein -
dann sind deine Händchen rein
Schüttel sie aus - rüttel es raus
Das ist nicht nur sinnvoll -
es sieht auch gut aus
Trockne danach jedes Glied
Und sing dabei dies kleine Lied

You gotta wash’em wash’em wash’em
Till it’s gone
You gotta wash’em wash’em wash’em
Till it’s done

You gotta wash’em wash’em wash’em
Like mad
You gotta wash’em wash’em wash’em
TILL YOU’RE DEAD!

Nicolas Stemann:
Corona-Passion. Texte und Lieder aus dem Lockdown
Mit einem Vorwort von Sibylle Berg
Alexander-Verlag
104 S., kt., 15,00 €

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