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Olympia hat ein Impfproblem

Die Sommerspiele in Tokio werden ohne Impfschutz zum Risiko für Athleten. Doch eine Sonderbehandlung wäre schlecht fürs Image

  • Von Kristof Stühm und Nikolaj Stobbe
  • Lesedauer: 4 Min.
Sommerspiele Tokio: Olympia hat ein Impfproblem

Thomas Bach wählte seine Worte wie so oft mit viel Bedacht. Es sollte auf gar keinen Fall der Eindruck entstehen, als erwarte der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), dass Olympia-Athleten für die anstehenden Sommerspiele in Tokio in den Impfwarteschlangen vorgelassen werden. Doch das IOC werde - wenn genug Impfstoff vorhanden ist - die Nationalen Olympischen Komitees (NOK) wie den DOSB dabei unterstützen, Impfungen rechtzeitig vor der Reise nach Japan zu erhalten, so Bach.

Um sich ein umfassendes Bild zu machen, wurden die NOKs schon einmal aufgefordert, mit ihren nationalen Regierungen in Kontakt zu treten. »Eine Reihe« von Regierungen habe beim Thema Impfen bereits »positive Entscheidungen« getroffen, hieß es.

Corona-Impfungen für eigentlich kerngesunde und junge Sportler? Ein heikles Thema, gerade in Deutschland, wo das lebensrettende Mittel wie in vielen weiteren Ländern noch Mangelware ist. »Hier trifft ein durchaus nachvollziehbarer Wunsch auf die Wirklichkeit«, sagte Dagmar Freitag, Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag: »Wir sehen jeden Tag, wie mühsam es ist, eine funktionierende Impfinfrastruktur in Gang zu bringen.«

Auch für die Weltgesundheitsorganisation WHO hat Olympia im Kampf gegen die Pandemie keinerlei Priorität. Die Spiele seien »ein wunderbares Symbol«, doch »wir müssen uns den Realitäten stellen«, sagte Michael Ryan, Direktor des Programms für Notfälle bei der WHO. Derzeit gebe es offensichtlich noch nicht einmal genug Impfstoff, um »selbst den am stärksten gefährdeten Menschen« zu helfen.

Lieferengpässe erschweren IOC-Plan

Damit steckt das IOC wenige Monate vor der Eröffnungsfeier in der Klemme. Bach will weder eine Impfpflicht einführen noch eine Vorzugsbehandlung fordern. Auf der anderen Seite sind wohl nur durch Impfungen halbwegs sichere Spiele zu gewährleisten. Und die Zeit drängt. »Wir respektieren natürlich, dass zuerst die Risikogruppen geimpft werden müssen. Doch danach sollte auch der Sport diese Möglichkeit bekommen«, sagte Thomas Weikert, Präsident des Tischtennis-Weltverbandes ITTF. »Das sollte bis spätestens Ende Mai geschehen.« Angesichts der Lieferengpässe ist das fast ein Ding der Unmöglichkeit.

»In der Konsequenz erübrigt sich aus meiner Sicht daher zum jetzigen Zeitpunkt die Diskussion, ob ab Anfang Mai Athlet*innen geimpft werden können«, stellte Freitag klar: »Es spricht aber nichts dagegen, das Thema je nach tatsächlicher Entwicklung zu gegebener Zeit neu zu diskutieren.«

Ungeimpft werde das Mega-Event Olympia aber »ein Ritt auf der Rasierklinge«, glaubt Sportmediziner Dr. Wilhelm Bloch. »Auch wenn Japan ein sehr gutes System hat«, halte er die Olympischen Spiele »für ein extrem großes Risiko«. Frankreichs NOK-Chef Denis Masseglia sieht das ähnlich und sagte nicht geimpften Olympiateilnehmern vor Ort in Tokio »extrem schwierige Bedingungen« voraus.

Sportler, die ohne Impfung nach Japan einreisen werden, müssten sich dann aller Voraussicht nach in eine »14-tägige Quarantäne begeben und sich dort morgens und abends testen lassen«. Der britische Laufstar Mo Farah wiederum behauptete, er habe die Information bekommen, dass »im Grunde jeder in der Lage sein wird, eine Injektion gegen Covid-19 zu erhalten«. Wer ihm das gesagt habe, verriet der viermalige Olympiasieger aber nicht.

Ganz aktuell führen die Einreisebestimmungen bereits zu Problemen. So muss Medienberichten zufolge die abschließende Olympiaqualifikation im Synchronschwimmen verlegt werden. Sie sollte vom 4. bis 7. März im neuen Tokyo Aquatics Center stattfinden und zugleich der erste Olympiatest mit Maßnahmen zum Schutz gegen eine Ausbreitung des Coronavirus sein. Doch seien der internationale sowie der japanische Schwimmverband zur Einsicht gelangt, dass Japans Einreiseverbot für Ausländer die Vorbereitungen zu schwierig mache, berichtete die japanische Nachrichtenagentur Kyodo am Mittwoch. Im Gespräch seien derzeit Ausweichtermine zwischen April und Mai.

Kein Sonderweg in Deutschland

Für alle Beteiligten steht jede Menge auf dem Spiel: die Träume einer ganzen Athletengeneration, viel Geld für das IOC - und die Gesundheit aller. Das IOC hoffe »sehr, dass die überwiegende Mehrzahl der Athleten und Betreuer geimpft anreisen werden«, sagte DOSB-Präsident Alfons Hörmann zuletzt der »Bild am Sonntag«. Das IOC habe auch in Aussicht gestellt, sich an den Kosten zu beteiligen.

Für die deutschen Sportler fordert Hörmann weiterhin keine Sonderbehandlung. Der 60-Jährige erwartet aber, dass »sich die Lage in zwei bis drei Monaten deutlich entspannt«, und fügte an: »Diejenigen, die sich als Botschafter unseres Landes hinter der Fahne für Deutschland versammeln, sollten dann auch drankommen können.« SID/nd

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