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Eine historische Last

Streit um die Opferzahlen

  • Von Cyrus Salimi-Asl
  • Lesedauer: 2 Min.

Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron will bis ins kommende Jahr hinein bei mehreren Anlässen an den blutigen Algerienkrieg erinnern. Der Konflikt mit Hunderttausenden Toten dauerte von 1954 bis 1962 und war in der früheren Kolonialmacht Frankreich lange mit Tabus behaftet, die eine offene Diskussion unmöglich machten.

Bei den Gedenken gehe es unter anderem um den 60. Jahrestag eines Massakers an Algeriern mit Dutzenden Toten in Paris am 17. Oktober 1961, hieß es aus Kreisen des Präsidialamts. Im März 2022 wird der 60. Jahrestag der sogenannten Evian-Verträge begangen - sie ebneten 1962 den Weg für die Unabhängigkeit des nordafrikanischen Landes. Eine förmliche Entschuldigung Frankreichs gegenüber Algerien sei nicht geplant.

Macron, der 15 Jahre nach Kriegsende geboren wurde, wolle »Geschichte ins Auge sehen«, hieß es weiter. Der 43-Jährige hatte einen Bericht bei dem Historiker Benjamin Stora bestellt, der kürzlich übergeben wurde. Der Algerienkrieg beendete die französische Kolonialherrschaft in dem Land. Am 5. Juli 1962 erhielt Algerien seine Unabhängigkeit.

Stora entstammt selbst einer algerisch-jüdischen Familie, die nach der Unabhängigkeit Algeriens 1962 nach Frankreich ging. Ihm wird allgemein bescheinigt, in der Sache ausgewogen zu urteilen und die Sicht beider Seiten in historische Urteile miteinzubeziehen. So erklärte er es auch in einem Interview im letzten Jahr: »Ich wollte nie der Gefangene einer einzelnen Geschichte sein. Egal ob es um eine Familiengeschichte geht oder eine religiöse oder nationale. Dem habe ich versucht zu entkommen und alle Geschichten anzunehmen und zu bewahren.«

Benjamin Stora möchte insbesondere eine Kommission für Erinnerung und Wahrheit eingesetzt sehen, die sich der Aussöhnung zwischen den Menschen annimmt. Kriegsüberlebende hätten dort die Chance, ihre persönliche Version der Geschichte zu erzählen. Außerdem möchte Stora, dass intensiver an historische Daten beider Länder erinnert werde. Dabei denkt er vor allem an den 19. März 1962 und die Verträge von Evian, die den Krieg beendeten und die Unabhängigkeit Algeriens bedeuteten.

Macron hatte 2018 bereits zugegeben, dass während des Kriegs gefoltert wurde. Frankreich überführte erst im vergangenen Jahr die Überreste von 24 Widerstandskämpfern nach Algerien. Sie hatten 1849 gegen französische Truppen aufbegehrt. Armeeangehörige hatten Schädel der Getöteten mit nach Frankreich genommen. Als Staatspräsident François Hollande im Dezember 2012 auf Staatsbesuch in Algerien weilte, rang er sich sogar dazu durch, die Schuld des französischen Staates offiziell anzuerkennen für das Massaker an den algerischen Demonstranten am 17. Oktober 1961 in Paris - im Gegensatz zu seinen Amtsvorgängern. Jetzt scheint es jedoch so, als ob beide Seiten fast wieder am Anfang stünden. Mit Agenturen

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