Corona, Schweinepest und Vogelgrippe

Gleichzeitig von drei Krisen betroffen geht es der märkischen Landwirtschaft sehr schlecht

  • Von Wilfried Neiße, Potsdam
  • Lesedauer: 4 Min.

Vor dem Landtagsschloss in Potsdam fuhren am Donnerstag Traktoren auf. Die Bauern waren gekommen, um auf die schwierige Lage der märkischen Landwirtschaft aufmerksam zu machen. Im Parlament diskutierten derweil die Abgeordneten in einer Aktuellen Stunde über die Situation.

Agrarminister Axel Vogel (Grüne) verwies darauf, dass Brandenburg vergleichsweise wenig fruchtbare Böden aufweist und dass es nicht genug regnet. In solchen Gegenden, in denen das Korn nicht prächtig gedeiht, hilft sich der Landwirt traditionell, indem er Futter anbaut und Nutztiere aufzieht. Aber der Tierbestand ist aktuell niedrig und die Anzahl der Rinder, Schweine, Schafe und Ziegen sind weiter rückläufig. Die Einkommen in der Landwirtschaft liegen 38 Prozent unter denen im gewerblichen Bereich, die Zahl der Agrarbetriebe im Bundesland sei in den vergangenen zehn Jahren um ein Fünftel auf nun noch 5400 gesunken, erklärte Vogel. Nur ein Fünftel des in der Region verbrauchten Obstes und Gemüses stamme aus dem Land. »Die Kartoffel ist aus Brandenburg weitestgehend verschwunden«, bemerkte der Minister. Es mangelt an Schlachthöfen, Molkereien und anderen Verarbeitungskapazitäten - »sei es auf biologischer Grundlage oder konventionell«. Nicht allein, dass angesichts der Schweinefleischpreise der Züchter pro Schwein 15 Euro draufzahlen müsste - vor dem Hintergrund der aus Polen herübergeschwappten Schweinepest habe er Schwierigkeiten, die Tiere überhaupt loszuwerden. Und selbstverständlich habe sich unter den Corona-Bedingungen - der Schließung von Gaststätten, Hotels und Kantinen - alles noch einmal verschärft, sagte Vogel. Vor diesem Hintergrund bekundete der aus Bayern stammende Vogel seine strikte Ablehnung der Politik mehrerer westdeutscher Agrarminister, die die traditionell großflächige ostdeutsche Landwirtschaft um Abermillionen Euro an Förderung bringen wollen.

Hoffnung könne er vermitteln mit Blick auf die »geänderte Einstellung der Verbraucher« hin zu ausgewiesen regionalen Produkten, sagte Vogel. Nach Jahren des Rückgangs oder der Stagnation begannen im vergangenen Jahr auch wieder deutlich mehr Jugendliche eine Berufsausbildung in der Landwirtschaft. Es waren 456, im Jahr davor nur 390.

Märkische Landwirte wenden sich Produkten wie dem Nutzhanf zu oder auch der Vermarktung von Wildbret. »Die Kichererbse ist eine großartige Sache«, sagte Vogel. Biobauern können ihm zufolge durchaus ihren Umsatz steigern. Manche Grundschule bestelle inzwischen Bio-Mittagessen.

Trotzdem konnte auch Grünen-Fraktionschef Benjamin Raschke die Lage nur schlecht nennen. Zu den Hiobsbotschaften fügte er die hinzu, dass aufgrund der eingedrungenen Vogelgrippe in einem Schlachthof von Ostprignitz-Ruppin 16 000 Puten gekeult werden mussten. Gekeult heißt, die Tiere wurden getötet, die Kadaver beseitigt. »Mit der Umverteilung von unten nach oben muss Schluss sein«, rief Rasche mit Bezug auf die Meldung, dass in Coronazeiten das Vermögen der Reichsten noch einmal gewachsen sei. Ja, es gebe ein Kaufinteresse für Bioprodukte, bestätigte Raschke. Doch liege es real bei fünf Prozent.

Wenn ein Biobauer die Hälfte erzeuge, weil er beispielsweise keinen Kunstdünger einsetzt und Tiere nicht so stark einpfercht, »dann muss er dafür den doppelten Preis bekommen«, gab der Abgeordnete Johannes Funke (SPD) zu bedenken. Sonst funktioniere es nun einmal nicht.

Preissteigerungen für Lebensmittel müssten jedoch aus sozialer Sicht Grenzen gezogen sein, betonte der Abgeordnete Thomas Domres (Linke). Dem »freien Spiel des Marktes« dürften sie nicht ausgeliefert sein. Produktion, Verarbeitung und Vermarktung der landwirtschaftlichen Erzeugnisse müssten wieder enger zusammengeführt werden, so Domres.

Für Ingo Senftleben (CDU) wäre eine Lösung, dass ganz Brandenburg seine Produkte regional unter einem Siegel vermarktet. Auch er nehme wahr, sagte Senftleben, dass Menschen mehr Geld für ökologisch produzierte Lebensmittel auszugeben bereit seien.

In Umfragen möge sich ein solches Bild ergeben, in ihrem realen Kaufverhalten lassen sich aber doch 90 Prozent der Kunden vom Preis leiten, wandte die Abgeordnete Christine Wernicke (Freie Wähler) ein. Die Coronakrise sei keine Chance für die märkische Landwirtschaft, »sondern ein weiterer Sargnagel«. Dass den Bauern gerade von den städtischen Mittelschichten existenzbedrohende Vorschriften gemacht werden, verurteilte Wernicke. »Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie düngen nicht, aber sie wissen es trotzdem besser«, wandelte Wernicke einen Bibelspruch ab. Während die Abgeordnete Carla Kniestedt (Grüne) ihre Erfahrungen mit Biobauern und einem Bioschäfer ausbreitete, deren Produktion kaum mit der Nachfrage Schritt halten könne, erinnerte Wernicke an Getreide, das in Biogasanlagen verfeuert werde.

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