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»Marinus, du warst es nicht …«

Der Reichstagsbrand und seine Folgen

»… es war König Feurio!«, heißt es bei der Berliner Band Die Einstürzenden Neubauten, die sich einiges an dialektischer Drastik bei Heiner Müller abgeschaut hatte, auf ihrem Album »Haus der Lüge« von 1989. König Feurio setzte erst den Reichstag, dann die halbe Welt in Brand. Es war eine Zündelei mit Ansage. Die faschistische Presse ließ keine Gelegenheit aus, ihr Ziel der Vernichtung des »Undeutschen« und des »Kulturmarxismus« (ein Begriff, den die Enkelin von Hitlers Finanzminister, Beatrix von Storch, heute gar zu gern öffentlich gebraucht) zu propagieren. Zugleich gerierten sich die Faschisten als Retter des Abendlandes. Ein gewisser Adolf Ehrt, Soziologe und Leiter der »Abwehrstelle der deutsch-evangelischen Kirche gegen die marxistisch-bolschewistische Gottlosenbewegung« verfasste die Sensationsschrift »Bewaffneter Aufstand! Enthüllungen über den kommunistischen Umsturzversuch am Vorabend der nationalen Revolution«, veröffentlicht im März 1933. (Der Mann war nach Zwischenstation im Oberkommando der Wehrmacht Ost bis zu seiner Pensionierung für den BND tätig.) Dieses Buch sollte vor allem gegenüber dem Ausland die Verfolgung politischer Gegner rechtfertigen und den Terror als Notwehr erscheinen lassen.

Eine ganz andere Bilanz wusste der linke Medienunternehmer Willi Münzenberg aufzumachen, dem rechtzeitig die Flucht nach Paris gelang. Im Juli 1933 brachte er in der Editions du Carrefour das »Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitlerterror« heraus, eine beeindruckende und bedrückende Schau der ersten Monate der »nationalen Revolution«. Das Buch versammelt Hunderte von Berichten von Augenzeugen, Fotos, Zeitungsberichte. Die Opfer sind Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter, oppositionelle SA-Leute, Pazifisten und vor allem Juden. In den einzelnen Kapiteln werden unter anderem die Umstände des Reichstagsbrandes, der Aufstieg der NSDAP, die Zerschlagung der Arbeiterorganisationen und die Geschichte des gewalttätigen Antisemitismus in Deutschland behandelt. Bemerkenswert ist, wie zuverlässig Justiz und Beamtenapparat die Exzesse der Faschisten deckten und darauf bedacht waren, dass die grausamen Details nicht allzu publik wurden. Die Strafverfolgung der Morde wurde ganz ausgesetzt. Prominente internationale Autoren unterstützten die Herausgabe des Braunbuches, das sich in zwei Jahren 600 000 Mal verkaufte. Nunmehr liegt es in einem Faksimile der Originalausgabe vor - und angesichts des immer dreisteren Auftretens der extremen Rechten und des verdrucksten Herumlavierens der sogenannten bürgerlichen Mitte sollte das »Braunbuch« zur Pflichtlektüre nicht nur in Schulen werden. Appeasement zahlte sich schon damals nicht aus.

Wie das Rechtssystem, das doch ein Bollwerk der bürgerlichen Ordnung gegen die »Extremisten von links und rechts« sein sollte, komplett versagte, davon berichtet Irmgard Litten in »Eine Mutter kämpft gegen Hitler«. Ihr Sohn war der Strafverteidiger Hans Litten. Im Prozess um den blutigen Überfall eines SA-Trupps auf ein Arbeiterlokal hatte er 1931 als Anwalt der Nebenklage den sich »gemäßigt« gebenden, dem »Legalitätsprinzip« verpflichteten Zeugen Adolf Hitler durch akribische Nachfragen derart in die Enge getrieben, dass dieser entnervt im Gerichtssaal zu schreien begann. Ein Erfolg war der Prozess dennoch nicht, die Angeklagten kamen mit milden Strafen davon. Die Demütigung verzieh Hitler nicht: Hans Litten war einer der ersten, die nach dem Reichstagsbrand verhaftet wurden. Seine Mutter, gut situiert und vernetzt, setzte alle Hebel gegen diesen offensichtlichen Willkürakt in Bewegung, schrieb unzählige Gesuche - ohne Erfolg. Nach Jahren im Gefängnis und verschiedenen Konzentrationslagern nahm Litten sich 1938 das Leben. Seine Mutter emigrierte daraufhin nach Großbritannien, hielt Reden und Vorträge über die Verbrechen des Naziregimes. 1940 erschien ihr Bericht in Frankreich, England und den USA und war ein Baustein in der Formierung der westlichen Anti-Hitler-Koalition. Das Buch ist ein Dokument des perfiden Zusammenspiels zwischen juristisch dekoriertem Rechtsbruch und offener Gewalt im »Dritten Reich«, zugleich von bürgerlicher Zivilcourage. Heribert Prantl, Jurist und bis 2019 leitender Redakteur der »Süddeutschen Zeitung«, hat der Neuauflage ein äußerst lesenswertes Nachwort beigegeben.Geordnet und strikt nach Vorschrift ging es im Postwesen zu. Der Journalist und Historiker Heinz Wewer, seit Langem engagiert in der NS-Forschung, hat sich Briefe und Postkarten als zeitgeschichtliche Dokumente vorgenommen. »›Abgereist, ohne Angabe der Adresse‹. Postalische Zeugnisse zu Verfolgung und Terror im Nationalsozialismus« erschien bereits 2017, drei weitere Bände folgten bis 2020. Die Post war zumeist der einzige Weg, aus Gefängnissen, Konzentrationslagern und Ghettos heraus zu kommunizieren. Trotz Zensur, verdeckter Rede und bürokratischer Dehumanisierung ergibt sich ein tiefer Einblick in persönliche Schicksale der Verfolgten wie auch die Verwaltung des Massenmordes. Wewer gelingt eine im wahrsten Sinne des Wortes anschauliche Darstellung des Alltags der Verfolgten anhand banaler Schriftstücke. Eine Fundgrube für Geschichtsinteressierte.

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