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  • Corona und soziale Folgen

Das »Psch-Psch« aus der Spraydose

Reinigungskräfte erklären ihren Arbeitsalltag vor und mit der Pandemie

  • Von Protokolle: Claudia Krieg
  • Lesedauer: 10 Min.
Eine Mitarbeiterin der Pestalozzi-Fröbel-Haus Kita im Berliner Bezirk Wilmersdorf sorgt in der Corona-Krise mehrmals am Tag für Hygiene und Sauberkeit in den Spielräumen, während Kinder im Rahmen eines Notprogramms betreut werden
Eine Mitarbeiterin der Pestalozzi-Fröbel-Haus Kita im Berliner Bezirk Wilmersdorf sorgt in der Corona-Krise mehrmals am Tag für Hygiene und Sauberkeit in den Spielräumen, während Kinder im Rahmen eines Notprogramms betreut werden

Es geht nur um Respekt

Man muss sich wehren, wenn einem jemand unterstellt, nicht gut zu arbeiten, findet eine Putzfrau

Ich bin 23 Jahre alt. Mein Lieblingsputzgegenstand ist ein Staubsauger, weil es damit leicht und schnell geht. Mein Lieblingsputzgeräusch ist wohl das Sprühgeräusch von einem Spray-Putzmittel, dieses »Psch-Psch«.

Ich würde meinen Job als Haushaltshilfe beschreiben, manchmal helfe ich ja auch beim Kochen oder mit den Kindern. Zur Zeit mache ich das hauptberuflich. Und ich bin Studentin. Ich war lange in der Gastronomie, aber da war ich oft einfach viel zu müde von dem Job, es war stressig. Und derzeit hat ohnehin alles zu.

Als Haushaltshilfe arbeite ich jetzt seit sechs, sieben Monaten. Über die Plattform betreut.de war es leicht, sich zu bewerben. Und es ist leicht, Leute zu finden, für die man dann arbeitet. Man erstellt ein Profil, schreibt ein bisschen über sich, ein kurzer Lebenslauf, Alter, Foto. Du schreibst, für wie viele Stunden du arbeiten willst, unter welchen Umständen, ob als Gärtner, Babysitterin, Haushaltsaushilfe oder Hundesitterin. Ist man im Kontakt mit der Familie oder dem Menschen, bei dem man sich beworben hat, kommt man zu einem persönlichen Gespräch vorbei und das war’s dann.

Ich betreue in der Woche regelmäßig sechs Familien, also sechs Wohnungen. Bei manchen bin ich auch nur einmal in zwei Wochen. Montags mache ich sechs Stunden, sonst eher zwei oder drei, maximal 20 Stunden pro Woche. Die Wohnungen dauern unterschiedlich lange. Es gibt Menschen, die unter der Woche selbst ein bisschen was aufräumen, es gibt andere, die gar nichts machen. Die warten wirklich nur, bis jemand kommt, um die Wohnung zu putzen. Es gibt Leute, die haben ein großes Haus mit drei Stockwerken und es gibt eine Wohnung mit zwei Räumen. Ganz verschieden.

Als Erstes sauge ich immer Staub. Dann hat man das Gefühl, dass der Boden schon sauber ist und man in die Wohnung reinspazieren kann, ohne dass überall Dreck rumliegt. Dann geht es mit Küche und Bad weiter, da braucht man am längsten. In Wohnzimmer und Schlafzimmer hat man normalerweise nicht so viele Möbel und nicht so viele Gegenstände. Zuletzt wische ich den Boden. Es ist sehr anstrengend für den Körper. Ein Leben lang kann ich das nicht machen.

Manchmal treffe ich andere Haushaltshilfen. In einer Familie war zum Beispiel noch jemand nur für die Bügelwäsche angestellt. Ich kenne relativ viele junge Frauen, die als Babysitterinnen oder als Haushaltsaushilfe arbeiten. Die meisten verdienen so um die zwölf Euro netto. Wenn der Lohn zwölf Euro brutto ist, verdient man ja nur zehn Euro und weniger. Das ist komplett unfair. Den Preis kann man sich selbst überlegen, es sind zehn Euro mindestens. Ich bekomme 13 Euro pro Stunde. Das Maximum wären 15 Euro. Eine Familie bezahlt mich per Paypal, andere geben es gern in bar. Das ist mir lieber. Dann sehe ich, okay, ich habe heute gearbeitet und so viel habe ich jetzt im Geldbeutel. An die Plattform zahle ich pro Monat 18 Euro. Wenn Leute für bessere Bezahlung auf die Straße gehen, dann ist das ihr gutes Recht. Wenn irgendwas unfair gelaufen ist, dann muss man nicht leise sein. Dann muss man für sich selbst kämpfen.

Die meisten Leute, für dich arbeite, schätzen meine Arbeit, aber es gab auch schon negative Erfahrungen. Jemand wollte mir unterstellen, ich hätte das Waschbecken zerkratzt oder etwas kaputt gemacht. Wenn man sich in so einer Situation befindet, muss man einen Kompromiss finden, oder woanders arbeiten, wo einen die Leute respektieren. Rassismus habe ich aber eher in der Gastronomie erfahren, nicht beim Putzen.

Ich habe unter meinen Freunden oder in meiner Familien niemanden, der jemals irgendwas Schlechtes über den Job gesagt hat. Meine Eltern haben mir beigebracht, dass jeder Job, jede Arbeit wichtig ist und man jeden respektieren muss. Mir fallen Menschen, die putzen, viel mehr auf als früher. Aber sie sind ja auch nicht durchsichtig. Es ist eine andere Sache, ob du sie nur wahrnimmst oder ob sie für dich wichtig sind und du sie respektierst. Es geht nur um Respekt.

Das Virus mit Essig »abtöten«

Für einen Putzmann war der erste Lockdown eine albtraumhafte Erfahrung

Mein Lieblingsgegenstand ist ein Schwamm, der ist immer zuverlässig. Mein Lieblingsgeräusch beim Putzen ist aber wahrscheinlich das Geräusch des Staubsaugers, der Dinge aufnimmt. Kleine Dinge vom Boden, die man dann hört, wie sie durch das Rohr gehen.

Die Kunden in den Häusern, in denen ich putze, sind nicht da, wenn ich das tue, das gibt mir ein bisschen Freiheit und es ist auch angenehmer, weil ich dann dabei meine Musik hören kann. Mein Job ist sehr anstrengend. Er ist nicht sehr gut bezahlt, ich bekomme 10,50 Euro die Stunde. Eigentlich ist es sogar sehr schlecht bezahlt. Aber es gibt auch ein Gefühl der Befriedigung, wenn man eine Aufgabe erfüllt. Wenn man ein Haus, das nicht wirklich gut aussieht, sauber macht.

Normalerweise besorgt mir die Firma, für die ich arbeite, Kunden und Termine. Ich muss dann nur noch hingehen. Es ist ein Minijob, also etwa zehn Stunden pro Woche. Ich mache das seit eineinhalb Jahren. Absagen kann ich Termine nicht, ich muss die dann machen. Ich hatte keine andere Möglichkeit als diesen Job. Ich war in einem Land, dessen Sprache ich nicht sprach und brauchte finanzielle Unterstützung, einen Job. Eigentlich studiere ich Tanz, ich komme von der Theaterregie.

Ich hatte Vorurteile gegenüber dem Job, bevor ich ihn gemacht habe. Man hat schon eine ganz bestimmte Vorstellung davon. Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass Kunden, wenn sie hörten, was ich in meinem »anderen« Leben mache, sehr überrascht waren. Ich weiß nicht, was sie vorher dachten, aber ihr Verhalten änderte sich, als ich ihnen sagte, dass es mein zweiter Master ist, den ich mache, und dass ich ein Student bin und mich auf diese Weise selbst unterstütze. Alle waren überrascht: »Oh, du hast tatsächlich eine Ausbildung, du bist nicht nur eine Reinigungskraft!«

Manchmal ist es seltsam, allein in der Wohnung von anderen Leuten zu sein, aber es fühlt sich nicht einsam an. Es ist ein Raum, den man nicht wirklich kennt, in dem auch die Geräusche anders sind. Daran muss man sich gewöhnen. Und man muss auch seine Arbeit machen. Also manchmal kann es schon seltsam werden. Kontakt zu Kolleg*innen, anderen Reinigungskräften, hatte ich noch nie.

Die meisten Leute, für die ich putze, sagen mir, dass sie meine Arbeit schätzen. Wenn ich mir vorstelle, das mein ganzes Leben zu machen... Nein, es ist super anstrengend, nach fünf Stunden bin ich fertig. Die körperliche Erschöpfung ist sehr offensichtlich. Jemand, der das zwanzig Jahre lang macht, sollte belohnt werden, zumindest finanziell. Es ist ein sehr wichtiger Job und es ist ein sehr harter Job.

Das ist durch die Debatte um Systemrelevanz nicht besser geworden. Vor allem am Anfang, beim ersten Lockdown, war es wie ein Albtraum, diesen Job zu machen. Niemand trug Masken, wir hatten keine Anweisungen, wie wir mit dieser Sache umgehen sollten. Irgendwann bekamen wir eine E-Mail von der Firma, in der stand, wir sollten Essig benutzen, um das Virus »abzutöten«. Das war superidiotisch, so was kann man jemandem, der diesen Job macht, wirklich nicht sagen. Ich hatte das Gefühl, wir waren vollkommen ungeschützt.

Was sich mit der Corona-Pandemie wirklich verändert hat, ist, dass es weniger Arbeitsplätze gibt. Die Leute brauchen keine Fremden in ihrem Haus, besonders in diesen Zeiten. Putzen ist etwas, das man selbst machen kann. Wenn man dazu nicht in der Lage ist, als sehr alter Mensch zum Beispiel, ist es auch ein Risiko, in diesen Zeiten eine sehr junge Person in der Wohnung zu haben.

Für mich hat sich durch den Job selbst etwas geändert. Wenn ich jetzt jemanden sehe, zum Beispiel im Bahnhof, der den Boden putzt, sehe ich ihn mit anderen Augen. Es gibt ein sehr offensichtliches Gefühl der Wertschätzung, das es vorher zwar auch schon gab, aber nicht in dem Ausmaß. Jetzt kann ich die körperliche Anstrengung verstehen.

Ich denke, die Erfahrung ist etwas Positives. Es ist wie die Erfahrung des Ausländers in einem anderen Land. Ein Einblick in Häuser und Menschen, die in dieser Stadt leben. Weil du ihre Toiletten putzt, alles putzt. Du fängst an, über die Art zu leben, nachzudenken, über die Art, wie sie ihre Wohnungen dekorieren, über die Möbel, die sie haben. Ich erinnere mich zum Beispiel an eine Klobürste mit Donald Trump drauf! Die haben tatsächlich die Toilette mit Donald Trump geputzt. Ich fand das schon sehr komisch.

Etwas komplett anderes, als mal den Herd zu putzen

Jens Korsten von der Gewerkschaft IG Bau über Schwierigkeiten bei der Organisierung

Ich gehöre eher zur Abwaschfraktion, weil ich keine Spülmaschine habe. Ich staubsauge natürlich auch, aber das eher im Durchschnitt. In meinen Büro putzt eine Kollegin von Gegenbauer und ein Kollege von der Firma Wisag, die teilen sich hier die Aufträge. Die Kollegin von Gegenbauer macht sozusagen den Schreibtisch und zweimal in der Woche den Müll leer, und der Kollege von Wisag staubsaugt und macht hier den Müll aus der Toilette weg und die Küche sauber. Gewerkschaftsmitglieder sind sie beide nicht. Wir können ja niemanden zwingen. Alle Informationen dazu haben sie aber bekommen.

Als Gewerkschaftssekretär führe ich viele Gespräche mit Reinigungskräften. Eine politische Kampagne, die momentan sehr erfolgreich ist, die wir natürlich nicht gestartet haben, das ist mir auch wichtig zu sagen, aber bei der wir begleitend tätig sind, ist die Bürgerinitiative »Schule in Not«, die im Bezirk Neukölln angefangen hat, Unterschriften zu sammeln, und die sich dafür einsetzt, dass die Schulreinigung rekommunalisiert wird.

Man kann dazu sagen, dass 50 Prozent der Beschäftigten in der Schulreinigung in Innungsbetrieben arbeiten und angemeldet sind. Das betrifft auch viele der geschätzt etwa 38 000 Reinigungskräfte in Berlin. Wir empfehlen Privatkunden, die Reinigungskräfte suchen, deshalb die Minijobzentrale. Plattformen wie Helpling oder betreut.de wachsen aber. Das Problem dabei ist, dass es dann keinen Vertrag gibt, sondern dass es Scheinselbstständigkeit ist, weil die Aufträge immer über dieselbe Plattform generiert werden. Gravierend ist auch das Bewertungssystem, das übt einen unheimlichen Druck aus. Dann die ständige Bereitschaft, die ja da sein muss, weil man von diesen Aufträgen einfach abhängig ist.

Und die Arbeit ist eine harte körperliche Arbeit. Da gibt es Berichte, wie sie sich über lange Zeit auswirkt. Eine Kollegin erzählt von einem Knubbel am Handgelenk. Das kommt, wenn du das acht bis zehn Stunden am Tag machst, und es ist ein großes Problem, dass das so massiv unterschätzt wird. Den Tisch abwischen und mal den Herd putzen ist etwas komplett anderes, als wenn man acht Stunden tatsächlich reinigt.

Die Organisierung ist in der dezentralen Branche wirklich schwierig. Es gibt selten ein kollegiales Miteinander, wenig Austausch, keinen Betriebsrat. Wir haben versucht, Umfragen zu machen, auch in verschiedenen Sprachen, es ist sehr schwer einzufangen. Gewerkschaftsarbeit braucht aber Gemeinschaftsgefühl und Vertrauen, weil die Kämpfe, die man da führen muss, sehr häufig an die Substanz gehen. Auf der anderen Seite sagen Leute bei Helpling auch: »Ich habe hier doch Freiheiten, die ich als Festangestellte nicht hätte, bin flexibel, kriege Aufträge.«

Wir als Gewerkschaft haben auch schon mit der Privatwirtschaftsbranche schwerwiegende Probleme, da kommen die Plattformen eher noch oben drauf. Es wäre gut, wenn sich mehr Reinigungskräfte bei uns anmelden würden, wir haben allgemeinverbindliche Tarifverträge, die Urlaubstage und Arbeitszeit regeln, die Pausen, die Wegezeitenvergütung und die Mindestlöhne. Wir wollen auf jeden Fall über die Marke von 12,80 Euro Stundenlohn kommen, damit man zumindest davon leben kann. Das ist kein gutes Leben. Man verhungert nicht.

Viele Kolleg*innen sind auch enttäuscht, dass es die Erhöhung auf 12 Euro erst in drei Jahren gibt. Noch bitterer ist es, dass es die Corona-Prämie nur für Angestellte gibt. Wenn Kolleg*innen, die in der Schule acht Stunden mit Maske reinigen müssen, diese Prämie dann nicht bekommen und die besondere Härte durch Corona nicht zugestanden wird, da ist es dann sehr schwierig, ruhig zu bleiben. Das regt uns auf und macht mich auch wütend.

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