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Vakzine aus der Karibik

In Kuba steht bei der Impfstoffentwicklung die Rendite nicht im Vordergrund

  • Von Andreas Knobloch, Havanna
  • Lesedauer: 4 Min.

In den Industrienationen wurden bereits mehrere Millionen Impfungen gegen Covid-19 verabreicht, auch wenn über fehlende Mengen und einen schleppenden Kampagnenstart geklagt wird. Dagegen sind die meisten Entwicklungsländer von einem Impfbeginn weit entfernt - allen Solidaritätsbekundungen und Einsichten zum Trotz wie sie diese Woche etwa der Europarat formulierte: »Eine faire und gleichberechtigte Verteilung von Impfdosen ist der effizienteste Weg, um die Pandemie zu bekämpfen und die damit verbundenen sozioökonomischen Lasten zu reduzieren.«

Statt abzuwarten, bis dergleichen Wirkung zeigt, entwickelt Kuba eigene Corona-Impfstoffe, als einziges Land Lateinamerikas und obwohl vom Virus bisher wenig betroffen. An den Teststudien ist das Teheraner Pasteur-Institut beteiligt, da im Iran das Coronavirus erheblich stärker grassiert. Laut aktueller Ankündigung sollen vom Vakzin »Soberana 02« zunächst 100 Millionen Dosen hergestellt werden. Diese sollen die eigene Nachfrage decken, aber auch an interessierte Nationen wie Iran, Vietnam, Venezuela, Pakistan und Indien geliefert werden. »Wir organisieren unsere Produktionskapazitäten neu, weil wir wirklich eine große Nachfrage nach dem Impfstoff haben und uns darauf vorbereiten müssen«, erklärte Vicente Vérez, Direktor des Finlay-Instituts, einem staatlichen Wissenschaftszentrum in Havanna. Tierversuche hätten eine starke Immunantwort gezeigt. Vérez zufolge ist »Soberana 02« auch sicher, zumal der Impfstoff nicht das lebende Virus, sondern Teile davon enthält. Seine Verabreichung sorge für Immunität, ohne größere Nebenwirkungen hervorzurufen. Im Gegensatz zu den in Europa auf dem Markt befindlichen mRNA-Vakzinen bedarf der Impfstoff auch keiner besonderen Kühlung.

Zum Preis beim Verkauf an andere Länder machte Vérez keine Angaben. »Kubas Strategie bei der Kommerzialisierung des Impfstoffs ist eine Kombination aus Menschlichkeit, Auswirkungen auf die Gesundheit und der Notwendigkeit unseres Systems, die Impfstoff- und Arzneimittelherstellung des Landes finanziell zu unterstützen«, sagte Vérez. »Wir sind kein multinationales Unternehmen, bei dem die Rendite im Vordergrund steht.«

In Kuba selbst ist die Impfung kostenlos und freiwillig. Während im Finlay-Institut auch noch der Impfstoffe »Soberana 01« entwickelt wird, arbeiten andere biotechnologische Institute der Insel an Impfstoffkandidaten namens Abdalá und Mambisa. Letzterer soll nasal verabreicht werden können.

Die kubanischen Wissenschaftler gehen davon aus, im Laufe des Jahres die gesamte Bevölkerung der Insel impfen zu können. Kuba werde eines der ersten Länder der Welt sein, das seine Bevölkerung immunisieren kann - und zwar trotz der US-Blockade, twitterte Eduardo Martínez Díaz, Präsident der Unternehmensgruppe BioCubaFarma. María Eugenia Toledo vom Institut für Tropenmedizin Pedro Kourí in Havanna kritisierte in diesem Zusammenhang, die Verschärfung der US-Sanktionen behindere die Schaffung zusätzlicher Produktionskapazitäten. »Wenn wir neue Maschinen kaufen und mehr Anlagen errichten wollen, ist dies alles äußerst schwierig, da wir die Technologien nur begrenzt erwerben können.«

Aufgrund der Beschränkungen durch die US-Blockade setzte Kuba bereits früh auf eigene Medikamenten- und Impfstoffentwicklung. 1965 wurde das Nationale Zentrum für wissenschaftliche Forschung gegründet, in den 1980er Jahren dann der Aufbau einer eigenen Biotechnologiesparte betrieben. Heute produziert Kuba 60 Prozent der auf der Insel zugelassenen Arzneimittel selbst und fast 80 Prozent der Impfstoffe, die im nationalen Immunisierungsprogramm eingesetzt werden. Kubanische Wissenschaftler haben Impfstoffe gegen Hepatitis B und Tuberkulose sowie den weltweit ersten Impfstoff gegen Lungenkrebs entwickelt. Solche Erfahrungen helfen auch in der Coronakrise.

In der vergangenen Woche begann in Havanna eine erweiterte klinische Phase-II-Studie des Vakzins »Soberana 02«, an der 900 Freiwillige zwischen 19 und 80 Jahren teilnehmen. Ein Teil von ihnen erhält im Rahmen der Studie ein Placebo. Bislang habe es keinerlei Beschwerden oder Nebenwirkungen gegeben, heißt es. Im Februar soll die Studie ausgeweitet und in einer dritten Phase 150 000 Menschen auch im Iran geimpft werden.

Darüber hinaus plant die kubanische Regierung zusammen mit Venezuela den Aufbau einer Impfstoffbank für die Mitgliedsstaaten der Bolivarianischen Allianz für die Völker unseres Amerika (ALBA). Die Initiative war während des ALBA-Gipfels im Dezember entstanden. Sie soll den absehbaren Bedarf an Impfstoffen aller Mitgliedsländer in Lateinamerika und der Karibik decken. Die meisten Entwicklungsländer werden - sei es aus Kapazitäts- oder aus außenpolitischen Gründen - aber auch hier leer ausgehen.

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