Das Ohr zur Welt

Ohne iPhones und die Clubhouse-App gäbe es keine Freiheit, meint Andreas Koristka

  • Von Andreas Koristka
  • Lesedauer: 3 Min.

Wenn es die Pandemielage zulässt, werden die echten Probleme des Landes selbstverständlich hinter verschlossenen Türen verhandelt. Nicht umsonst kann man im Promirestaurant »Borchardt« einen separaten Bereich anmieten. Dorthin kann man sich zurückziehen, wenn man nicht dabei beobachtet werden will, wie man mit 13 Champagne Brut im Kopf seinem Lieblingshauptstadtjournalisten streng vertraulich mitteilt, dass die Kanzlerin neulich in der Kabinettssitzung ihre eigenen Popel gefressen hat. Wochen später lassen sich dann im »Spiegel« Sätze lesen wie »Es ist früher Vormittag in Berlin. Im Kanzleramt kaut Angela Merkel vor dem versammelten Kabinett auf ihrem achten Popel. Leise summt sie zur Melodie, die aus dem Radio im Hintergrund tönt - Pink Floyds ›Green Is The Colour‹.«

Aber leider lässt es die Pandemielage nun mal nicht zu. Dieses verdammte Corona hat alles zerstört, wofür guter Journalismus in Deutschland stand. Dachte man zumindest. Aber die Clubhouse-App hat nun eine Gesprächssituation zurückgebracht, die wir schmerzlich vermissten. Wir, das sind die iPhone-Besitzer, die die Berichterstattung am Leben halten. Denn nur mit einem iPhone lässt sich Clubhouse nutzen. Für einige Leute mag solch ein Apple-Produkt eine teure Spielerei sein. Für uns ist es eines der wichtigsten Arbeitsgeräte, das wir immer dabei haben müssen. Ein Gehirnchirurg würde schließlich auch nicht ohne seine superscharfen Spezialskalpelle zur Arbeit gehen.

Ohne iPhones wäre niemals publik geworden, dass Bodo Ramelow in den Corona-Konferenzen gern mal Candy Crush spielt. (Läuft das eigentlich auch auf Android-Geräten?). Und über den Aufreger, dass Ramelow die beste Kanzlerin seit Erfindung der Passivkonstruktionen gerne mal »Merkelchen« nennt, wäre wohl ohne iPhones nirgends berichtet worden wäre. Tausende Kommentarspalten wären einfach weiß geblieben, und auch an dieser Stelle hier, die so angenehm sanft von lateinischen Buchstaben bedeckt ist, stünde nichts.

Dem einfachen Mann und der einfachen Frau mag nicht immer alles verständlich sein. Mein Schwiegervater hielt mir neulich die »Siegener Zeitung« unter die Nase und fragte mich aufgebracht, was dieses »Gendern« ist. Er habe schon seine Frau, die Birgit, gefragt, und die wisse es auch nicht. Man kann von Leuten wie meinen Schwiegereltern nicht erwarten zu verstehen, worüber wir Meinungsmacher mittels unserer iPhones im Internet diskutieren. Aber als ich Bernhard erklärte, dass »gendern« bedeutet, dass Claus Kleber die Zuschauerinnen und Zuschauer des »Heute-Journals« seit Kurzem mit »Meine Damen und Herren« ansprechen muss, leuchtete ihm die Brisanz der Sache natürlich ein.

Auch wenn Sie, liebe Leserin und lieber Leser, nicht genau wissen, was manche Begriffe in diesem Text bedeuten, wenn Sie gar überhaupt keinen blassen Schimmer haben, was Clubhouse, iPhones oder ein Ramelow sind - das ist nicht schlimm. Ich selbst weiß auch vieles nicht. Ich habe zum Beispiel keine Ahnung, was ein Variometer ist oder ein Kurskreisel. Dennoch bin ich schon oft problemlos nach Spanien geflogen. Ihre Aufgabe ist es also lediglich, diesen Text einfach wegzulesen.

Und das ist gut so. Es wäre ja noch schöner, wenn Sie sich, um hier mitlesen zu können, ein iPhone für (warten Sie mal kurz, ich werde eigens für Sie Siri nach dem Preis fragen) 1558,65 Euro kaufen müssten. Das ist eine Summe, die sich nicht jeder leisten kann. Gott sei Dank haben wir aber sehr viele Journalisten und Politiker, die bereit sind, diese Kosten für Sie zu tragen. So können wir weiter über unsere Politiker berichten und dafür sorgen, dass diese nicht die Bindung zu den Menschen verlieren.

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