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Affen sind auch nur normale Menschen

T.C. Boyles neuer Roman »Sprich mit mir« beschäftigt sich mit der Frage, was uns zum Individuum macht

  • Von Florian Schmid
  • Lesedauer: 5 Min.
Affe und Wissenschaft: Schimpanse Nim Chimpsky (1970). Namensparallelen zu noch lebenden Sprachwissenschaftlern möglich
Affe und Wissenschaft: Schimpanse Nim Chimpsky (1970). Namensparallelen zu noch lebenden Sprachwissenschaftlern möglich

Der in Kalifornien lebende T.C. Boyle ist mittlerweile schon 72 Jahre alt und produziert immer noch gut lesbare, gesellschaftspolitisch relevante und einigermaßen anspruchsvolle Unterhaltungsliteratur am Fließband. In den vergangenen 42 Jahren hat er - abgesehen von diversen Erzählbänden - 18, zum Teil sehr voluminöse, Romane geschrieben. 1988 erhielt der damals 40-Jährige für sein geniales popkulturelles amerikanisches Geschichtsepos »World’s End« den renommierten PEN/Faulkner-Preis.

Hatte sich Boyle, ein regelrechtes Bühnentier, das gerne und viel öffentlich liest, zu Beginn seiner schriftstellerischen Karriere vor allem mit der (Post)-68-Gegenkultur beschäftigt, widmet er sich inzwischen ganz unterschiedlichen Themen und Figuren, die aber immer von so etwas wie einem gegen den Strich gebürsteten Amerika erzählen. Das reicht von den Themen Migration und Umweltschutz über zahlreiche illustre Persönlichkeiten wie den Architekten Frank Lloyd-Wright und den Sexualforscher Alfred Kinsey bis hin zur LSD-Ikone Timothy Leary. Dabei konnte manchmal fast der Eindruck entstehen, als schreibe Boyle seine Romane mit einem Terminkalender für Jahrestage in der Hand, kamen sowohl das Buch über Kinsey kurz vor dessen 50. Todestag, als sich auch Hollywood des Themas annahm, und das über Frank Lloyd-Wright zu seinem 50. Todestag in die Buchhandlungen.

Boyles neuer Roman »Sprich mit mir«, der interessanterweise - wie schon seine zwei letzten Titel - wieder zuerst auf Deutsch erscheint, bevor er in den USA rauskommt, ist wie sein 2019 erschienenes Buch über den LSD-Guru Timothy Leary »Das Licht« am Rande des Universitätsmilieus angesiedelt, ohne ein wirklicher Campus-Roman zu sein. Es geht, wie auch schon in einigen anderen Büchern, um das Verhältnis von Mensch und Tier. Erzählt wird auf 350, wie immer äußerst süffig geschriebenen Seiten, von einem psychologischen Wissenschaftsprogramm in Kalifornien Ende der 1970er Jahre. In diesem wird der Schimpanse Sam vom jungen Psychologieprofessor Guy Schermerhorn und diversen Assistentinnen betreut, um seine Sprachkompetenzen zu erforschen. Der in einem Farmhaus mit Menschen zusammenwohnende Schimpanse erlernt im Lauf der Zeit mehr als 100 Elemente einer Zeichensprache, mit denen er sich verständlich machen und sogar eine minimale Konversation führen kann, um soziale Bedürfnisse zu äußern.

Eine der studentischen Hilfskräfte, die Sam betreuen, ist die 20-jährige Aimee Villard. Sie wird zur engsten Bezugsperson des Tieres, das in Kleidung herumläuft, gerne Cola trinkt, Cheeseburger isst, fernsieht und abends auch mal ein Glas Wein mittrinkt oder an einem Joint zieht. Die in dem Farmhaus lebende Wissenschaftsgemeinde wird zu so etwas wie Sams Familie, der wie ein Kleinkind betreut und umsorgt wird. Bis irgendwann die Forschungsgelder gekürzt werden, weil sich der akademische Wind in Sachen Sprachforschung mit Schimpansen dreht und die universitätseigene Farm zu einem Konferenzgebäude umgebaut werden soll. Damit aber nicht genug, denn Sams Eigentümer, ein autoritärer Widerling namens Donald Moncrief, ebenfalls Professor der Psychologie, will den Schimpansen zurückhaben, um ihn als Zuchttier zu verwenden. Also wird Sam betäubt und ins winterliche Iowa verfrachtet, wo er fortan in einem Käfig vor sich hinvegetiert. Bis Aimee sich dorthin aufmacht, ihren Schützling schließlich sogar spektakulär entführt und mit ihm nach Arizona fährt, wo sie mit Sam in einem Trailerpark lebt.

Das alles erzählt T.C. Boyle in gewohnt ausladender, informativer und unterhaltsamer Prosa, detailreich und äußerst lebendig. Da gibt es Eifersüchteleien zwischen den Wissenschaftlern im Farmhaus, natürlich auch sexuelle Begierden, immer wieder macht der Schimpanse Probleme und beißt auch mal eine Mitarbeiterin, was sofort die Universitätsleitung und Anwälte auf den Plan ruft. Aber, und das ist etwas Besonderes, T.C. Boyle erzählt einen Teil dieses Romans auch aus der Perspektive Sams, der in einfachen Begriffen kombiniert und über seine Bedürfnisse räsoniert. Ein wenig liest sich das so, wie man sich die Gedankengänge eines Vierjährigen vorstellt. Der Clou dabei ist aber, dass der Leser sich ein Stück weit in den Schimpansen hineinversetzen kann und es sogar muss. Dadurch wird Sam zur Person, genauso wie für die Wissenschaftler. Wobei diese Vermenschlichung Sams zum Glück nicht ins Kitschige abgleitet.

Motivisch erinnert das alles sehr an die Geschichte des weltbekannten weiblichen Schimpansen Washoe, die in den 1970er Jahren zur Hochzeit einer derartigen Forschung in den USA von dem Wissenschaftsehepaar Gardner betreut wurde und über die gleichen Fähigkeiten wie Boyles fiktionaler Tiercharakter Sam verfügte.

Auch Washoe wurde irgendwann an einen Psychologen weitergereicht, der wie Moncrief in der Fiktion zahlreiche Tiere hielt und sie mit Elektroschocks disziplinierte. Und es gab einen studentischen Betreuer namens Roger Fouts, der Washoe nachreiste wie im Roman Aimee.

Das Ende der realen Geschichte ist aber fast spannender als Boyles Fiktion. Denn der mittlerweile promovierte Psychologe Roger Fouts lebte zum Schluss mit vier Schimpansen, verarmte dabei, klapperte Supermärkte für nicht verkäufliche Lebensmittel ab und wurde aber irgendwann von Hollywood sozusagen erlöst, als man ihn 1984 für die Dreharbeiten des Blockbuster-Tarzan-Films »Greystorke« als Affenspezialisten anheuerte und er genug Geld verdiente, um sich und seine Schimpansen durchzubringen.

Insofern stellt sich natürlich die Frage, warum T.C. Boyle aus dem treu sorgenden, promovierten Wissenschaftler eine im Buch immer wieder als äußerst attraktiv beschriebene Frau ohne akademischen Titel gemacht hat, die sich mit einer kaum hinterfragten oder inhaltlich erklärten Hingabe dieser Sorge- oder Carearbeit widmet, so dass dieser Roman zu einer eigenwilligen Mutter-Kind-Geschichte wird. Da hätte der kalifornische Counterculture-Schriftsteller, der zuletzt als Trump-Kritiker auch gerne vom deutschen Fernsehen interviewt wurde, doch für diesen - ansonsten toll erzählten Roman - einen etwas weniger altbacken wirkenden Umgang mit dem Thema Gender finden können .

T.C. Boyle: »Sprich mit mir«, Hanser-Verlag, geb., 352 S., 25 €.

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