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Offene Kitas: Ja, aber!

Brandenburger Erzieher*innen fordern bessere Schutzkonzepte für Kitas, Covid-Tests und schnelle Impfungen

  • Von Ulrike Wagener
  • Lesedauer: 5 Min.

»Zwischen Weihnachten und Neujahr sind in unserem Träger zehn Erzieherinnen und Erzieher an Corona erkrankt«, erzählt die Potsdamer Erzieherin Jana Müller auf einer Pressekonferenz zur Situation in den Brandenburger Kindertageseinrichtungen am Dienstag. Wo sie sich angesteckt haben, wüssten sie nicht. Doch: Es habe zu der Zeit fünf erkältete Kinder gegeben. Positiv auf Corona getestet wurde letztlich ein Kind ohne Erkältungssymptome. Das Betriebsratsmitglied fordert Brandenburgs Landesregierung auf, mehr Corona-Schutz für die Erzieher*innen in Brandenburg zu leisten.

Mit ihr fordern das über 530 weitere Menschen (Stand Dienstagnachmittag), die seit Sonntag eine Onlinepetition von Verdi unterschrieben haben. »Regelbetrieb geht nur mit gesunden Erzieherinnen und Erziehern«, heißt es seitens der Gewerkschaft. »Wir fordern die Landesregierung auf, endlich zu handeln und sich der Diskussion mit den Erzieherinnen und Erziehern zu stellen«, sagt Frank Wolf. Ein Brief der Gewerkschaft an den Ministerpräsidenten Dietmar Woidke und die Bildungsministerin Britta Ernst (beide SPD) sei blieb bislang unbeantwortet geblieben, so der Verdi-Landesbezirksleiter Berlin-Brandenburg. Konkret fordern die Unterzeichner*innen der Petition eine regelmäßige Versorgung mit Schutzmasken, wöchentliche Corona-Schnelltests, das Angebot, schnellstmöglich geimpft zu werden, eine konsequente Festlegung systemrelevanter Berufsgruppen für einen Anspruch auf Kinderbetreuung, die Schaffung von technischen Voraussetzungen für Homeoffice sowie kurze Wege bei der Umsetzung beschlossener Maßnahmen.

Die Landesregierung »appelliert« an die Eltern, Kinder zu Hause zu betreuen. Nur in Regionen mit besonders hohen Infektionszahlen sollen die Kitas geschlossen bleiben, wie derzeit in den Landkreisen Oberspreewald-Lausitz und Ostprignitz-Ruppin. Derzeit seien die 1900 Kita-Einrichtungen in Brandenburg nahezu im Regelbetrieb geöffnet, bei einer Auslastung von 70 bis 90 Prozent, heißt es auf der Pressekonferenz. Dies entspreche in etwa der Auslastung vom vergangenen Januar. Das Brandenburger Bildungsministerium widerspricht diesen Angaben. Nach Auskunft der zuständigen Sozialdezernate der Landkreise und kreisfreien Städte betrage die Kita-Auslastung lediglich 45 bis 60 Prozent, so die Ministeriumssprecherin Ulrike Grönefeld. Dies entspreche ungefähr den Zahlen aus der Notbetreuung als die Kitas geschlossen waren. Auch die Teststrategie an den Kitas werde weitergeführt. Über die Testkapazitäten werde derzeit noch verhandelt.

Die Onlinepetition kritisiert indes, dass es weder eine Maskenpflicht noch flächendeckende Tests gebe. Auf der Homepage des Ministeriums heißt es: »Das Tragen von FFP2- oder FFP3-Masken als persönliche Schutzausrüstung durch pädagogische Fachkräfte ist grundsätzlich nicht notwendig.«

Dabei sind Erzieher*innen offenbar einem besonders hohen Risiko ausgesetzt, an Covid-19 zu erkranken. Eine Analyse der Arbeitsunfähigkeitsdaten von AOK-Mitgliedern durch das Wissenschaftliche Institut der Krankenversicherung (WIdO) kommt zu dem Schluss, dass Beschäftigte in der Betreuung und Erziehung von Kindern von März bis Oktober 2020 mehr als doppelt so oft im Zusammenhang mit Corona krankgeschrieben waren als der Durchschnitt der bei der AOK versicherten Beschäftigten, sie liegen demnach noch vor Gesundheitsberufen.

Diana Walluks, Erzieherin in Kremmen und Vorsitzende der Verdi-Landesfachgruppe Sozial-, Kinder- und Jugendhilfe, berichtet von einer hohen Angst vor Ansteckung unter den Erzieher*innen. Auch die uneinheitlichen Regelungen verunsicherten ihre Kolleg*innen.

Dieses Bild spiegelt sich auch in den über 250 Kommentaren zu der Petition wider, die es bereits am Dienstagnachmittag gab. »Wir als Erzieher haben auch Familien zu Hause, die wir schützen wollen. Ich gehe jedes Mal mit einem Gefühl der Angst nach Hause - heute dieses Virus mitzuschleppen und an meine Familie weiterzureichen«, schreibt eine unterzeichnende Person. Abstand halten zu den Kindern unter sechs Jahren sei nicht möglich, schreibt Unterzeichnerin Antje Graßhoff-Meyer: »Kinder zeigen keine Symptome und werden nicht getestet. Berichten zufolge von meinen Kolleginnen aus anderen Kitas unseres Trägers kommen Kinder, ohne getestet zu werden und beide Eltern sind infiziert.«

Seit Montag können sich Erzieher*innen in der Landeshauptstadt Potsdam zweimal wöchentlich einem Spucktest unterziehen. Nicht indes die - oft symptomlosen - Kinder. Warum das so ist, darauf kann Claudia Mühlmann von der VSB Kinder- und Jugendhilfe in Potsdam, wie sie sagt, »keine politisch korrekte Antwort« finden. Sie vermutet, dass dies finanzielle Gründe hat. Neben mehreren Schnelltests pro Woche müsse der Impfschutz für Erzieher*innen hohe Priorität haben. Die Gewerkschaft Verdi fordert, Erzieher*innen in der Priorisierung hochrücken zu lassen und neben medizinischen Berufen die höchste Priorität einzuräumen. Pflicht solle die Impfung allerdings nicht sein, so Gewerkschafter Wolf. Die eingangs erwähnte Potsdamer Erzieherin Jana Müller erklärt: »Offene Kitas ja, aber bitte erst die Erzieher*innen impfen.« Ihre Kollegin Claudia Mühlmann sieht hier noch Aufklärungsbedarf, in ihren Einrichtungen läge die Impfbereitschaft bei unter 50 Prozent.

In der aktuellen Situation soll es, geht es nach der Gewerkschaft und den anwesenden Erzieher*innen, keine Regelbetreuung geben. Es müsse klar geregelt werden, wer von einer Notbetreuung Gebrauch machen kann. »Was wir verhindern wollen, ist, dass sich die Kitaleitungen vor Ort mit den Eltern darüber auseinandersetzen müssen, ob sie systemrelevant sind oder nicht«, sagt Frank Wolf.

Die Situation sei auch für Eltern und Kinder herausfordernd. »Gespräche mit den Eltern fehlen«, erläutert Sylvia Papendorf, die Gesamtbetriebsratsvorsitzende der Volkssolidarität. Es sei schwierig, den Kindern zu erklären, dass sie sich auf dem Spielplatz nicht mit den anderen Gruppen vermischen sollten. »Aber die Kinder kommen mit den Situationen ganz gut klar«, so Papendorf.

Liane Sachse aus Ludwigsfelde wünscht sich generell, dass Entscheidungen der Regierung früher kommuniziert werden. »Auch Erzieher brauchen Planungssicherheit, auch sie haben Kinder und Familie«, so die Kitaleiterin.

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