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Was nach der Räumung bleibt

HEISSE ZEITEN - DIE KLIMAKolumne: Für Clara Thompson hat der Protest gegen die Rodung des Dannenröder Waldes den Kampf für eine Mobilitätswende gestärkt.

  • Von Clara Thompson
  • Lesedauer: 4 Min.
Dannenröder Forst: Was nach der Räumung bleibt

Wir haben 2021 und wir haben vor kurzem einen gesunden Mischwald in einem Trinkwasserschutzgebiet an die Autobahn 49 verloren. Wir befinden uns in einer Zeit des Waldsterbens, der Hitzesommer und der Dürrejahre. Die Klimakrise ist heute schon Realität. Und trotzdem haben die schwarz-grüne Landesregierung Hessens und Bundesminister Andreas Scheuer diese Schneise in eine der wenigen noch intakten Mischwälder in Deutschland geschlagen.

Viele Menschen haben uns danach gefragt: Seht ihr euren Protest als Erfolg? Natürlich ist er einerseits ein Erfolg. Mehr als ein Jahr haben wir für den Dannenröder Wald und gegen die unsinnige A 49 gekämpft. Wir haben Bäume besetzt, Bündnisse gegründet, Pläne für Aktionen geschmiedet, einen riesigen Aufschrei erzeugt. Wir haben uns mit dem Endgegner, der deutschen Automobilindustrie, angelegt.

Innerhalb von nur einem Jahr haben wir nach dem Hambacher Forst Waldbesetzungen endgültig mainstreamfähig gemacht, den Diskurs bezüglich der Legitimität neuer Straßenbauprojekte verschoben und einen Kristallisationspunkt der Klimagerechtigkeitsbewegung geschaffen. Nicht zu vergessen ist die ganze Arbeit von lokalen Anwohner*innen seit 40 Jahren gegen die A 49. Darauf aufbauen zu können, macht uns stark.

Und gleichzeitig haben viele keine Lust, unsere Geschichte im Danni als Erfolg zu verkaufen. Wir haben nämlich alle verloren. Wir haben alle einen gesunden Wald verloren, weil keine Politiker*in das Rückgrat hatte, dagegen aufzustehen. Wir haben Aktivist*innen, die ausgebrannt und traumatisiert sind. Es erinnert ein bisschen an das, was Tadzio Müller vor einer Woche in seiner Klimakolumne beschrieb: Alle bisherigen Strategien der Klimabewegung sind gescheitert - so gehen wir mit Fridays for Future seit Jahren unermüdlich auf die Straße und haben realpolitisch de facto kaum etwas bewirkt.

Auch wenn es deprimierend ist, ist es wichtig, sich daran zu erinnern, dass Bewegungen selten sofort erfolgreich sind. Wir konnten den Wald nicht retten, aber das heißt nicht, dass der Protest umsonst war. Im Danni konnten wir mit eigenen Augen erleben, was Ökozid bedeutet. Wir alle haben die Ohnmacht im Angesicht der Staatsmacht gefühlt, die auf Biegen und Brechen diesen Wald zerstören wollte. Wir alle haben die zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit erlebt, die unter die Haut geht.

Ich glaube, dass sich die Regierenden wirklich keinen Gefallen damit getan haben, uns und unsere Forderungen in den letzten Jahren so zu ignorieren. Denn sie haben vielen Menschen noch so viel mehr genommen: die letzte Hoffnung darauf, dass die Verantwortlichen das tun, was richtig ist, dass die Verantwortlichen das Pariser Klimaabkommen höher werten als einen Straßenbauvertrag. Jetzt wissen viel mehr Menschen als vorher: Die Veränderung liegt an uns.

Und diese Erfahrung kann uns keiner mehr nehmen. Das Wissen, dass unsere Regierung keinen Klimaschutz betreibt, sondern strukturellen Anti-Umweltschutz. Es gibt Rechte und Gesetze, die echten Klimaschutz bewirken können, aber sie werden nicht genutzt, weil die Kapitalinteressen der Konzerne als wichtiger gewertet werden.

Und das bleibt von der Räumung des Dannenröder Waldes: Wir haben jetzt die Zeit, uns für 2021 neu aufzustellen. Wir können mehr darüber erfahren, wie dieses Auto-System funktioniert, und aus der Geschichte der Umweltbewegungen lernen. Wir haben Zeit, Bündnisse zu schmieden und uns nach dem Prinzip der Zellteilung auf klimaschädliche Projekte in ganz Deutschland aufzuteilen. Für die Zukunft brauchen wir den Mut, unsere Strategien zu überdenken. Den Mut, Neues auszuprobieren.

Wir werden wahrscheinlich noch so oft Bäume beschützen, uns verzweifelt an sie klammern und noch viele Niederlagen erleiden müssen. Aber je öfter wir verlieren, desto stärker kommen wir zurück. Und wenn wir 2021 den Protest neu aufrollen, ist es gar nicht mal so unrealistisch, dass sich Bürgermeister*innen zweimal überlegen, ob sie dem Bau einer Autobahn zustimmen, da sie ansonsten fest mit dem Protest der Anwohner*innen und lokalen FFF-Ortsgruppe rechnen müssen, die sich zwischen ihre Umwelt und die Zerstörung stellen werden.

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