+++ Virologin: Lockerungen bei Inzidenz von knapp unter 50 wären »fatal« +++

Der Newsblog zur Coronakrise - Freitag, 05. Februar 2021: +++ Giffey: Noch im Februar Lockerung bei Schulen und Kitas möglich +++ Familienverband fordert 300 Euro Kinderbonus +++ Von der Leyen: Versäumnisse bei Impfstoff-Beschaffung +++

  • Lesedauer: 8 Min.

Berlin. Die Virologin Melanie Brinkmann hat diskutierte Lockerungen der Corona-Einschränkungen bei einer Inzidenz von knapp unter 50 als »fatal« bezeichnet. »Die Zahlen würden sofort wieder steigen. So eine Mittelinzidenz bedeutet letztlich eine Art Dauer-Lockdown, aus dem man nur zwischendurch mal kurz auftauchen und nach Luft schnappen kann«, sagte die Wissenschaftlerin vom Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung dem »Spiegel«. Aus Sicht der Virologin könnten niemals genügend Menschen geimpft werden, »bevor die Mutanten durchschlagen«. Dieser Wettlauf sei längst verloren. »Alles andere entspringt Wunschdenken, genährt von falschen Versprechungen einiger Politiker. Der Impfstoff ist zwar da, die Produktion läuft, aber es wird dauern, bis alle ihn bekommen. Das Impfen wird uns erst aus der Pandemie befreien, wenn sie weltweit abflaut. Corona wird uns 2022 noch beschäftigen - wahrscheinlich darüber hinaus«, sagte Brinkmann.

Bereits im Herbst habe die Politik zu spät reagiert, so Brinkmann, jetzt tue sie mit Blick auf die mutierten Varianten das Gleiche. »Wir alle wollen aus diesem verdammten Lockdown raus - aber die Kanzlerin hat am Dienstag leider verkündet, dass die 50er-Inzidenz weiterhin als Richtschnur dienen soll. Mit diesem Kurs haben wir keine Chance.« Brinkmann warb erneut für die »No Covid«-Strategie, die sie und weitere renommierte Wissenschaftler verschiedener Fachbereiche vorgeschlagen hatten. Dazu gehört laut der Virologin: »Eine konsequent durchgesetzte Kontaktvermeidungsstrategie, um die Zahlen sehr schnell zu senken. Damit ließe sich die 7-Tage-Inzidenz zügig unter 10 drücken. Die Gesundheitsämter könnten wirklich wieder Infektionsketten nachverfolgen, und wir alle bekämen unser Leben zurück. Zumindest ein Leben, so ähnlich wie im Sommer 2020. Dieses Larifari des «Hier ein bisschen Homeoffice, dort ein improvisiertes Hygienekonzept», das muss aufhören.«

+++ Von der Leyen: Versäumnisse bei Impfstoff-Beschaffung +++

Brüssel. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat Versäumnisse bei der Beschaffung von Corona-Impfstoffen auf europäischer Ebene eingestanden. Die EU habe unterschätzt, welche Komplikationen bei der Herstellung solcher Impfstoffe auftreten können, sagte von der Leyen in einem Interview der »Süddeutschen Zeitung« und anderer europäischer Medien. Mit Blick auf Kritik, die EU habe zu zögerlich bestellt, sagte sie: »Natürlich: Ein Land kann ein Schnellboot sein. Und die EU ist mehr ein Tanker.« Die deutsche Kommissionspräsidentin sagte weiter: »Wir haben uns sehr stark auf die Frage fokussiert, ob es ein Vakzin geben wird, also die Entwicklung.« Aus heutiger Sicht hätte man »stärker parallel über die Herausforderungen der Massenproduktion nachdenken müssen«. Die CDU-Politikerin fügte hinzu: »Wir hätten den Menschen erklären sollen, dass es vorangeht, aber langsam, und dass es bei diesen komplett neuen Verfahren Probleme und Verzögerungen geben wird. Doch wir haben unterschätzt, welche Komplikationen auftreten können.«

Die Kommission hat für die 27 EU-Mitgliedstaaten bei insgesamt sechs Herstellern bis zu 2,3 Milliarden Impfdosen geordert. Derzeit liefern die Unternehmen jedoch weniger als erhofft oder versprochen. Inzwischen, so von der Leyen, gelte jedoch: »Die Richtung stimmt bei den Lieferzahlen.« Sie betonte zudem, dass alle 27 Regierungen in die Verhandlungen mit den Pharmakonzernen eng eingebunden gewesen seien.

+++ Giffey: Noch im Februar Lockerung bei Schulen und Kitas möglich +++

Berlin. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) spricht sich für Lockerungen der Corona-Beschränkungen für Schulen und Kindertagesstätten noch im Februar aus. Mit Blick auf sinkende Infektionszahlen sagte die SPD-Politikerin am Freitag im RBB-Inforadio: »Wenn es weiter in diesem positiven Sinne geht, dann finde ich schon, dass auch im Februar noch zumindest eine schrittweise Lockerung passieren sollte.« Giffey sprach sich für einen bundesweit einheitlichen Stufenplan aus, den sie mit den Jugend- und Familienministerien der Bundesländer bereits vereinbart habe.

Man müsse den Eltern eine Perspektive geben und auch die Situation der Kinder und Jugendlichen einbeziehen, sagte Giffey: »Denn Kinderschutz ist auch Gesundheitsschutz.«

+++ Familienverband fordert 300 Euro Kinderbonus +++

Passau. Der Deutsche Familienverband fordert eine Verdopplung des von der Bundesregierung geplanten Kinderbonus auf 300 Euro. Es sei schwer einzusehen, warum im Gegensatz zur ersten Welle der Corona-Pandemie im Frühjahr vergangenen Jahres nur 150 Euro gezahlt werden sollen, kritisierte der Präsident des Deutschen Familienverbandes, Klaus Zeh, in der »Passauer Neuen Presse«. »300 Euro wären auch dieses Mal angemessen«, sagte Zeh und schlug vor, dass die Bundesländer die vom Bund geplante Zahlung entsprechend aufstocken. »Es bedarf meines Erachtens eines starken Zeichens der Länder, denn Familienleistungen und Bildung sind deren Sache«, sagte Zeh. Zudem erhoffe er sich von den Bund-Länder-Beratungen in der nächsten Woche, »dass mit klaren Regeln ein Signal ausgesendet wird, ab wann eine Öffnung von Kitas und Schulen möglich sein könnte«.

+++ Ramelow kündigt Corona-Stufenplan an +++

Erfurt. Die Thüringer Landesregierung arbeitet nach Angaben von Ministerpräsident Bodo Ramelow an einem Corona-Stufenplan. Er soll voraussichtlich in der kommenden Woche vom Kabinett verabschiedet und danach dem Landtag vorgelegt werden, sagte Ramelow der Deutschen Presse-Agentur in Erfurt. »Das wird ein Fahrplan, und wir können dann verlässlicher sagen, was in den kommenden Wochen möglich ist.« Thüringen orientiere sich bei diesem Vorgehen an den Ländern Schleswig-Holstein und Niedersachsen, die bereits Stufenpläne vorgestellt haben, sagte der Linken-Politiker. »Und mir wäre es am liebsten, wenn wir so etwas bundesweit hätten.« Er wolle sich dafür in der nächsten Ministerpräsidentenkonferenz mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am 10. Februar aussprechen. »Ich möchte einen verbindlichen Fahrplan für Deutschland.«

In Thüringen gehe es zunächst darum, festzulegen, welche Lockerungen abhängig von der Infektionsentwicklung, ihrer Dynamik und der Belastbarkeit des Gesundheitssystems möglich seien - oder auch nicht, so der Regierungschef. Festlegungen zu den Stufen mit bestimmten Sieben-Tages-Inzidenzwerten gebe es noch nicht. »Wir schaffen erst den Rahmen.« Ramelow kann sich vorstellen, dass bei einem bestimmten Infektionswert die Kommunen selbst entscheiden können, welche Lockerungen möglich sind. »Umgekehrt könnten bei bestimmten Werten landesweite Vorgaben gelten«, sagte der Chef der rot-rot-grünen Minderheitsregierung.

+++ RKI: Corona-Varianten dominieren noch nicht - trotzdem Sorge +++

Berlin. Bislang dominieren die ansteckenderen Corona-Varianten nach Einschätzung des Robert Koch-Instituts noch nicht das Infektionsgeschehen in Deutschland - sie dürften sich aber weiter ausbreiten. Der Anteil der vor allem in Großbritannien grassierenden Variante B.1.1.7 liege bei etwas weniger als sechs Prozent, sagte der Präsident des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler, am Freitag in Berlin. In 13 der 16 Bundesländern sei sie inzwischen nachgewiesen.

»Die Situation ist noch lange nicht unter Kontrolle«, sagte Wieler. Insgesamt gebe es drei besorgniserregende Varianten in Deutschland. »Sie dominieren das Geschehen noch nicht.« Ihr Anteil dürfte sich aber weiter erhöhen. Insgesamt sei das Virus gefährlicher geworden. »Das Virus ist noch nicht müde, im Gegenteil, es hat gerade nochmal einen Boost bekommen.«

+++ 12.908 Corona-Neuinfektionen gemeldet +++

Berlin. Die deutschen Gesundheitsämter haben dem Robert Koch-Institut (RKI) 12.908 Corona-Neuinfektionen binnen eines Tages gemeldet. Außerdem wurden 855 neue Todesfälle innerhalb von 24 Stunden verzeichnet, wie aus Zahlen des RKI vom Freitag hervorgeht. Vor genau einer Woche hatte das RKI 14.022 Neuinfektionen und 839 neue Todesfälle binnen 24 Stunden verzeichnet. Die Zahl der binnen sieben Tagen gemeldeten Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner (Sieben-Tage-Inzidenz) lag laut RKI am Freitagmorgen bei 79,9. Ihr bisheriger Höchststand war am 22. Dezember mit 197,6 erreicht worden. Die meisten Bundesländer verzeichnen laut RKI weiterhin sinkende Sieben-Tages-Inzidenzen. Die Gesamtzahl der Menschen, die an oder unter Beteiligung einer nachgewiesenen Infektion mit Sars-CoV-2 gestorben sind, stieg auf 60.597. Der bundesweite Sieben-Tage-R-Wert lag laut RKI-Lagebericht vom Donnerstagabend bei 0,89 (Vortag 0,83). Das bedeutet, dass 100 Infizierte rechnerisch 89 weitere Menschen anstecken. Der Wert bildet jeweils das Infektionsgeschehen vor 8 bis 16 Tagen ab. Liegt er für längere Zeit unter 1, flaut das Infektionsgeschehen ab.

+++ Schrittweises Ende des Corona-Lockdowns in Israel +++

Jerusalem. Der Corona-Lockdown in Israel wird bis Sonntagmorgen verlängert, anschließend sollen trotz anhaltend hoher Infektionszahlen graduell Lockerungen eingeleitet werden. Dies teilte das Büro von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu in der Nacht auf Freitag nach einer stundenlangen Kabinettssitzung mit. Von Sonntag an soll in einem ersten Schritt unter anderem das Verbot aufgehoben werden, sich weiter als einen Kilometer von seiner Wohnung zu entfernen. Netanjahu rief die Bevölkerung auf, sich an die weiter geltenden Einschränkungen zu halten und sich impfen zu lassen. Der harte Lockdown - der insgesamt dritte in dem Neun-Millionen-Einwohner-Land - wäre ohne Verlängerung am Freitagmorgen ausgelaufen. Verhängt worden war er am 8. Januar. Trotz dieser Maßnahme und einer großen Impfkampagne verharrten die Infektionsfälle und die Zahl der Schwerkranken auf einem sehr hohen Niveau. Das Gesundheitssystem liegt nahe der Belastungsgrenze.

Wie das Gesundheitsministerium am späten Donnerstagabend mitteilte, wurde die Zahl von 5000 Corona-Todesfällen überstiegen. Am 31. Dezember stand der Wert bei 3388 Toten. Dies bedeutet, dass fast ein Drittel der Todesfälle seit Jahresbeginn verzeichnet wurde. Für Mittwoch wurden 7439 Neuinfektionen binnen 24 Stunden registriert. Durch den zweiten Lockdown im Herbst hatte diese Zahl von mehr als 9000 auf nur noch wenige hundert gesenkt werden können. Als Schwelle für eine Verschärfung der Corona-Maßnahmen war im Dezember die Zahl von 2500 Neuinfektionen pro Tag gesetzt worden. Die Regierung macht für die hohen Infektionszahlen vor allem eine Coronavirus-Mutation verantwortlich, vielfach wurden aber auch Lockdown-Regeln nicht befolgt und durchgesetzt. In Israel wird am 23. März gewählt. Agenturen/nd

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