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Sport als weltpolitische Strategie

Wie Katar mit Milliardeninvestitionen an seinem Aufstieg arbeitet.

  • Von Ronny Blaschke, Doha
  • Lesedauer: 6 Min.
»Blutgeld« nennen die Fans des FC Bayern das vielfältige Sponsoring durch Katar. Im Winter trainieren die Münchner immer in der Aspire Academy von Doha, jetzt spielen sie dort die Klub-WM.
»Blutgeld« nennen die Fans des FC Bayern das vielfältige Sponsoring durch Katar. Im Winter trainieren die Münchner immer in der Aspire Academy von Doha, jetzt spielen sie dort die Klub-WM.

Vor zwei Jahren fand das wichtigste Fußballturnier Asiens in den Vereinigten Arabischen Emiraten statt, in einer der wohlhabenden Öl-Monarchien am Persischen Golf. Fans des kleinen Nachbarn Katar durften nicht einreisen. Im Halbfinale warfen Zuschauer des Gastgebers Schuhe und Flaschen auf die Spieler Katars. Dennoch gewann Katar auch das Finale gegen Japan und wurde erstmals Asienmeister.

»Der Fußball ist ein Spiegel der Spannungen am Golf«, sagt Jassim Matar Kunji, früher Torhüter in der katarischen Liga und nun Journalist beim Fernsehsender Al Jazeera. »Es wurden Sponsorenverträge zwischen den Ländern gekündigt und Spielertransfers abgesagt.« Denn seit 2017 spitzte sich ein alter Konflikt zu: Saudi-Arabien verhängte eine wirtschaftliche Blockade über Katar. Die VAE, Bahrain und Ägypten schlossen sich an und setzten ihre Beziehungen mit Doha ebenfalls aus. Ihr Vorwurf: Katar würde Terrorgruppen unterstützen und pflege eine zu große Nähe zur Muslimbruderschaft und zum Iran. Saudi-Arabien stellte Lebensmittelimporte nach Katar ein. Durch die Unterbrechung wichtiger Reisewege wurden Familien getrennt. »Viele Katarer haben eine Invasion von Saudi-Arabien für möglich gehalten«, sagt Jassim Matar Kunji und nennt ein warnendes Beispiel. 1990 marschierte der übermächtige Irak in Kuwait ein, die USA mussten zur Befreiung anrücken.

In den kleineren Staaten setzte sich das Bewusstsein durch, dass sie bei einem vergleichbaren Angriff klar unterlegen wären. Die Armee Saudi-Arabiens zählt 200 000 Soldaten, die von Katar 12 000. Um diesen Unterschied auszugleichen, verfolgt Katar eine Strategie der Soft Power: mit milliardenschweren Investitionen in Kultur, Wissenschaft und Fußball, mit Großveranstaltungen, Vereinsbeteiligungen oder Sponsorenpartnerschaften bei Paris Saint-Germain oder beim FC Bayern München.

Die Austragung der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 ist der wichtigste Teil dieser Strategie. Doch auch die Klub-WM, die seit Anfang dieser Woche läuft, bietet dem Emirat mitten in der Pandemie eine wichtige Bühne. Champions-League-Sieger FC Bayern steigt am Montag mit dem Halbfinale gegen Afrikas Champions-League-Sieger Al Ahly SC aus Kairo in den Wettbewerb ein.

Es lohnt sich also, den sportlichen und damit auch politischen Aufstieg Katars zu betrachten. 1971, im Jahr der Unabhängigkeit von Großbritannien, hatte das Emirat nur 100 000 Einwohner, und stand noch lange unter dem militärischen Schutz Saudi-Arabiens. Doch Katar wollte sich aus der Umklammerung lösen und leitete ab Mitte der 90er Jahre eine Modernisierung ein. Der Emir ließ den Nachrichtensender Al Jazeera aufbauen und öffnete die Wirtschaft für ausländische Investoren. »Die Golfstaaten wollen neue Wirtschaftszweige entwickeln. Denn traditionelle Einnahmequellen Öl und Gas sind endlich«, weiß Sportwissenschaftler Mahfoud Amara von der Qatar Universität. »Der Sport dient als Strategie, um andere Sektoren wie Tourismus, Handel oder Transportwesen bekannter zu machen.«

Das katarische Herrscherhaus ließ eine der größten und modernsten Sportakademien der Welt bauen, die Aspire Cademy eröffnete 2005. Mittlerweile finden jährlich Dutzende namhafte Wettbewerbe in Doha statt. Weltweit Schlagzeilen machte die im Dezember 2010 mit der Vergabe der WM 2022. Kurz danach erwarb Katar die Mehrheit am Fußballklub Paris Saint-Germain. Zudem wurde Qatar Airways der erste Trikotsponsor des FC Barcelona. Katar steckte bis heute mehr als eine Milliarde Euro in den europäischen Fußball. In Europa ist die Kritik daran groß, doch in der arabischen Welt wächst der katarische Einfluss. »Das ärgert die langjährige Regionalmacht Saudi-Arabien«, sagt Simon Chadwick, Gründer des Zentrums der Eurasischen Sportindustrie: »Eine Agentur wollte nachweisen, wie ungeeignet Katar für die WM sei. Dann stellte sich heraus, dass die Kampagne von Saudi-Arabien finanziert wurde.«

In der Golfregion konkurriert Katar um Investoren, Touristen, Fachkräfte und Start-Ups vor allem mit Abu Dhabi und Dubai, den beiden einflussreichsten Kleinstaaten der VAE. Das größere Dubai setzt auf Einkaufszentren, Familienunterhaltung und Großereignisse wie die Expo 2021. Die staatliche Fluglinie Emirates ist als Sponsor in großen europäischen Ligen aktiv. Das kleinere Abu Dhabi legte 2008 nach und kaufte sich bei Manchester City ein. »Wir sehen in der Fußballindustrie eine massive Machtverschiebung nach Osten«, sagt Chadwick. Der Sport sei Ausgangspunkt für viele neue Handelsbeziehungen.

Das politische Misstrauen untereinander ist stets groß. Katar bezog Stellung während des Arabischen Frühlings 2011 und auch danach: für die Muslimbruderschaft in Ägypten, für islamische Kräfte in Tunesien, für die Rebellen in Libyen gegen Gaddafi und in Syrien gegen Assad. Saudi-Arabien rächte sich, auch im Fußball: Etwa mit dem Piratensender »BeoutQ«, der das Programm des katarischen Sportsenders »BeIN Sports« illegal abschöpft und selbst verbreitet. Diese Spirale der Feindseligkeiten hätte sich wohl weitergedreht, doch dann kam Corona. Der ohnehin niedrige Ölpreis brach ein, ausländische Investitionen gingen zurück, Touristen blieben fern. Anfang Januar beendete Saudi-Arabien schließlich nach dreieinhalb Jahren die Blockade gegen Katar. »Es ist ein fragiler Frieden«, sagt der Nahostexperte Kristian Ulrichsen, der ein Buch über die Golfkrise geschrieben hat. »Die Golfstaaten haben eingesehen, dass sie in dieser schwierigen Zeit auf eine Zusammenarbeit angewiesen sind.« Auch Riad und Dubai wollen von der WM 2022 profitieren. Wenn schon nicht mit Turnierspielen, dann mit Trainingscamps, Sponsorenevents oder der Beherbergung von Fans.

Keiner der Staaten am Persischen Golf wird demokratisch regiert, eine Gewaltenteilung existiert nicht. In der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen für das Jahr 2020 liegt Katar von 180 Staaten auf Rang 129. Wenzel Michalski von Human Rights Watch sieht es kritisch, dass Vereine aus demokratisch regierten Ländern wie der FC Bayern die katarische Politik mit ihren Partnerschaften aufwerten: »Wenn europäische Klubs auf den Profit schon nicht verzichten wollen, dann könnten sie den wenigen kritischen Aktivisten vor Ort mehr Interesse entgegenbringen.«

Im Zentrum der Debatte: die Arbeitsrechte. Die katarische Herrscherfamilie lässt zwar die 250 000 Staatsbürger am Wohlstand teilhaben. In Bildung, Gesundheitsversorgung und Jobvergabe genießen sie Privilegien, ihr Prokopfeinkommen ist eines der höchsten weltweit. Doch die rasante Entwicklung wurde von Hunderttausenden Gastarbeitern ermöglicht, aus Indien, Bangladesch oder Pakistan - fast ohne Rechte. Viele von ihnen erkrankten oder starben. Inzwischen wurde der Schutz der Arbeiter verbessert und ein Mindestlohn eingeführt, offiziell. Doch Menschenrechtler kritisieren, dass die Umsetzung der Reformen nur unzureichend kontrolliert wird.

Nur zehn Prozent der 2,5 Millionen Einwohner haben einen katarischen Pass. In keinem anderen Land ist der Anteil an Einwanderern so hoch. »Einige Geschäftsleute haben Bedenken, dass sich Katar durch die WM zu sehr öffnen könnte«, sagt Politikwissenschaftler Mehran Kamrava von der Georgetown Universität in Doha. Sie fürchten, dass Fußballfans Alkohol in der Öffentlichkeit trinken und Schwule ihre Sexualität nicht verbergen. 2018 ließ der Emir die Alkoholpreise durch Steuern massiv erhöhen, an der Qatar Universität ersetzte er Englisch als Hauptsprache durch Arabisch. Zugeständnisse an konservative Kreise, denn nur mit innerpolitischer Stabilität lässt sich außenpolitisch Soft Power betreiben.

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