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Das Töten selbst ist nicht genug

Timo Dorsch bietet eine politische Theorie des mexikanischen »Drogenkriegs«.

  • Von Florian Schmid
  • Lesedauer: 6 Min.

Die Meldung von 19 verbrannten Leichen im Norden Mexikos nahe der US-Grenze, brutale Morde, die vermutlich im Zusammenhang mit dem sogenannten Drogenkrieg stehen, wurde Ende Januar 2021 zwar von hiesigen Nachrichtenportalen aufgegriffen. Aber die knappe Nachricht ist auch schnell wieder vom Tisch. Mehr als 300 000 Menschen sind in den vergangenen 15 Jahren - seit der damalige Präsident Felipe Calderón den »Drogenkrieg« ausgerufen hatte - in Mexiko ermordet worden. Zum Vergleich: Etwa 400 000 Menschen ließen seit 2011 ihr Leben im Syrienkrieg. Und dabei wurden in jüngster Zeit in Mexiko mehr Tote gezählt als in den Jahren zuvor.

Wie ist diese entgrenzte und sich aktuell auch steigernde mörderische Gewalt zu erklären, die zwischen dem aktuell links regierten Staat, organisiertem Verbrechen und korrupten Beamten angesiedelt ist - und der offensichtlich kein Einhalt geboten werden kann? Immerhin ist Mexiko kein »failed State«, sondern eine parlamentarische Demokratie, Mitglied der G 20 und der OECD? Dass dennoch Teile der Staatlichkeit seit Jahren ebenso in die Drogengeschäfte wie in das Morden involviert sind, ist kein Geheimnis, sondern längst auch von anderen staatlichen Stellen anerkannter Teil des Problems. Nach den großen Militäroffensiven zu Beginn des »Drogenkrieges« übernahm die Armee zum Teil das Drogengeschäft und bildete eigene Kartellstrukturen aus. Einen wirklich lesenswerten Versuch einer Analyse dieses vielschichtigen Dilemmas unternimmt der Politikwissenschaftler Timo Dorsch in seinem Buch »Nekropolitik«, das »Neoliberalismus, Staat und organisiertes Verbrechen in Mexiko« unter diesem Vorzeichen in Bezug zueinander setzt.

Freihandel und Drogengeschäft

Der Ausdruck »Nekropolitik« stammt von dem postkolonialen Theoretiker Achille Mbembe, um den es unlängst eine Debatte wegen angeblich antisemitischer Tendenzen gab. der wiederum lehnt sich mit dem Konzept an Michel Foucault an: »Nekropolitik« sei als eine Art letzter Souveränitätsmacht zu verstehen, in der, so Mbembe, entschieden wird, »wer leben darf und wer sterben muss«. Die Nekropolitik wirkt vor allem in nachkolonialen Gesellschaften, wo historisch gesehen die gewalttätige Ausbeutung von Arbeitskraft schon immer zum Standard kapitalistischer Praxis gehörte - und heute mit der Logik neoliberaler Politik verschweißt wird. Wobei in Mexiko der Raum des Rechtsstaates - der dort zweifelsfrei existiert -, sich mit einem fortwährenden Ausnahmezustand überschneidet. Nekropolitik beschreibt so eine »Hybris«, eine Überlagerung von staatlichem Normal- und Ausnahmezustand, schreibt Dorsch. Gerade diese Überlagerung aber sei zur Kapitalakkumulation notwendig, um Geld wieder in den legalen Kreislauf globaler Wertschöpfungsketten einzuspeisen.

Es ist insofern kein Zufall, dass die Drogenkartelle in Mexiko genau zu dem Zeitpunkt massiv an Macht gewannen, als sich durch NAFTA zu einer Freihandelszone in Amerika und durch Deregulierungen des Finanzsystems neue Möglichkeiten der Geldwäsche ergaben. Ab etwa 2000 diversifizierten die Kartelle zudem ihre Einkommensquellen, indem sie nicht mehr nur Drogen produzieren und vermarkten, sondern auch in der Bergbau- und Avocado-Industrie verdienen - dort aber mit ebenso gewalttätigen und mörderischen Mitteln auf Märkte und Beschäftigungsverhältnisse einwirken wie im Narkotika-Geschäft.

Dorsch bettet diese »nekropolitische« Perspektive in eine Historie der mexikanischen Verhältnisse ein - ausgehend von einem Überblick über die sowohl gesellschafts- und wirtschaftspolitische Geschichte des Landes und auch die Geschichte des Drogengeschäfts im Land. Mexiko erlebte seine neoliberalen »Reformen« in den 1980er Jahren. Damit einher ging eine Fragmentierung der staatlichen Macht, die zuvor jahrzehntelang durch die Regierungspartei PRI (Partido de la Revolucion Instiucionalizada) monopolisiert war - auf Landes- sowie auf regionaler Ebene. Diese Fragmentierung bewirkte zwar durchaus eine Demokratisierung, indem auch andere Parteien die Regierung in Bundesstaaten oder ab dem Jahr 2000 auch den Präsidenten stellen konnten. Zugleich kam es aber auch zur Bildung neuer Eliten, die in einem komplexen Beziehungsgeflecht zwischen Staat und organisierter Kriminalität um den Erhalt oder Ausbau ihrer Einflusssphären kämpften. Dabei darf freilich nicht die Demokratisierung als Grund für die Gewaltspirale missverstanden werden. Es war vielmehr der oft auch mit Gewalt geführte Kampf um Partikularinteressen unterschiedlicher Fraktionen sowie das Fehlen einer Zivilgesellschaft, was der Nekropolitik den Boden bereitete.

»Die Nekropolitik ist die Fortführung des ökonomischen Normalbetriebs mit anderen Mitteln, indem das Recht ausgesetzt wird«, definiert Dorsch. Dabei werden die Körper zu Territorien des Krieges, quasi zu Produktionsmitteln, um den Geldfluss aus den Bereichen jener »Hybris« in die »normale«, rechtsstaatliche Welt der globalen Wertschöpfungsketten zu garantieren. Dabei werden die Lebenden durch die Bedrohung einer mörderischen Gewalt unterworfen - und dienen die Toten als Repräsentation der Herrschaft.

Das ist der Hintergrund für die entgrenzte und vielfach geradezu inszenierte Gewalt und Grausamkeit, die mit dem Morden einhergeht, für das regelmäßige Verstümmeln und Enthaupten von Leichen: In dieser ästhetisch betonten, theatralischen Form der Gewalt steckt ein kommunikatives Element. Auch das Verschwindenlassen von Menschen als aus den rechten Diktaturen Lateinamerikas bekannter Standard von Repression gehört zum symbolischen Repertoire dieses Modus von Herrschaftssicherung. Die geschäftsmäßige Tötung allein ist nicht genug; das Morden selbst wird zur Aufführung.

Damit einher geht ein Bild des »Narcos«, des in der organisierten Kriminalität »arbeitenden« Mannes, das nicht zuletzt durch Netflix-Serien zur global wirkmächtigen Pop-Figur stilisiert wurde. Etwa eine halbe Million Menschen, schätzt das mexikanische Verteidigungsministerium, leben in und von der Drogenindustrie. Dass die meisten dabei keineswegs dem Mythos des »Narcos« entsprechen, sondern als Teil eines stets mit Mord bedrohten Fußvolks der Kartelle ihr Dasein fristen, ist die Kehrseite jenes populärkulturellen Mythos.

In solchen Verhältnissen sind es vor allem die sozial Randständigen und Verunsicherten, die Gewalt nutzen, »um die eigene marginalisierte sozioökonomische Situation und die Unterwerfung unter Markt und Staat zu überwinden«, analysiert Dorsch. Die feministische Soziologin Veronica Gago spricht in diesem Zusammenhang von einer »neoliberalen Vernunft« der Akteure, die sich an die Bedingungen anpassen. Insofern ist die Nekropolitik nicht nur eine Reaktion auf die Bedingungen der Kapitalakkumulation in einem globalen Gefüge, sondern auch der Rahmenbedingung einer gelebten Wirklichkeit.

Wachtürme und Tempelritter

Wie das in der Praxis aussieht, zeigt Timo Dorsch anhand des zentralmexikanischen Bundesstaates Michoacan, der zu den Hotspots der Kartelle und Drogenkriminalität zählt. Dorsch, der selbst länger in Mexiko-Stadt gewohnt hat, bietet neben einer Übersicht der wichtigsten Kartelle, die sich im Zuge von Auseinandersetzungen auch immer wieder auflösen und neu gründen, eine mikropolitische Analyse der dortigen Ereignisse in den jüngeren Jahren. Mitunter liest sich das schlicht wie ein Krimi. Aber das ist auch deshalb sehr ergiebig, weil gerade in Michoacan mittlerweile die Widerstände gegen die Gewaltherrschaft wachsen.

So kam es im Bezirk Tancitaro 2013 zu einer bewaffneten Erhebung gegen die Drogenkartelle. Auslöser war eine Welle der Gewalt durch das Kartell der »Tempelritter«, die nach der Auflösung der »Familia Michoacana« die Herrschaft in dem Gebiet übernommen hatten. Das Militär reagierte überhaupt nicht auf die öffentlich zur Schau gestellte Gewalt, bei der laut Augenzeugenberichten teils zerstückelte Leichen in Ortschaften abgelegt wurden. Schließlich kam es zu bewaffneten Auseinandersetzungen, in deren Zuge Selbstverteidigungsgruppen an den Eingängen der Kleinstadt Barrikaden aus Sandsäcken errichteten und sogar steinerne Wachtürme bauten, »zweistöckig und mit Schießscharten versehen«. Bei teils erbitterten bewaffneten Kämpfen kamen auch zahlreiche »Tempelritter« ums Leben.

Aber auch in anderen Bezirken Michoacans kam es zu Landbesetzungen und Auseinandersetzungen »von unten« mit der organisierten Kriminalität - wobei die Staatlichkeit immer wieder wegschaute oder, wenn sie denn eingriff, eher die Bauern zu entwaffnen versuchte. Auch wenn es an einigen Punkten möglich ist, sich mit Solidarität gegen das organisierte Verbrechen, das staatliche Wegschauen und die damit verbundene Gewaltherrschaft zu wehren, bleibt die Nekropolitik in Mexiko bis auf weiteres wirkmächtig. Oder, wie Timo Dorsch es formuliert, »diese neue Form des Kapitalismus ist der dystopische postkoloniale Kampf unserer Tage«.

Timo Dorsch: »Nekropolitik. Neoliberalismus, Staat und organisiertes Verbrechen in Mexiko«, Mandelbaum-Verlag, 286 S., 19 €.

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