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  • Corona und Wohngemeinschaften

»Wir leben ständig in der Grauzone«

Die Coronaregeln stellen Berliner Wohngemeinschaften vor besondere Hürden.

  • Von Mascha Malburg
  • Lesedauer: 5 Min.
Einfach mal mit der ganzen Familie frühstücken bedeutet für Menschen in alternativen Wohnverhältnissen schon einen Bruch der Coronaregeln.
Einfach mal mit der ganzen Familie frühstücken bedeutet für Menschen in alternativen Wohnverhältnissen schon einen Bruch der Coronaregeln.

Die verschärften Corona-Regeln machen den eigenen Haushalt zum wichtigsten Maßstab: Auf engeren Kontakt zu Leuten, die jenseits der eigenen vier Wände wohnen, sollen wir möglichst verzichten, wochenlang. Doch was ist, wenn die Bezugspersonen zwei Stockwerke tiefer oder gar außerhalb des Bezirks wohnen? Wenn Menschen, die sich lieben, und ihre Kinder in verschiedenen Haushalten leben? Zwei Beispiele aus Berlin zeigen, dass die Corona-Maßnahmen in Konstellationen jenseits der Vater-Mutter-Kind-Familie kaum einzuhalten sind.

»Unser Hausprojekt lebt ja eigentlich von der Gemeinschaft«, sagt Zara Witte. Anfang der Achtziger haben ihre Eltern sich mit anderen jungen Kreuzbergern zusammengetan, um aus der Anonymität der Berliner Wohnblöcke auszubrechen: Jahrelang werkelten sie an einem verfallenen Altbau am Landwehrkanal, schafften ein gemeinsames Zuhause. Hier gab es die berühmte Küche für alle, eine gemeinsame Kinderbetreuung, und einmal im Monat beschlossen die Bewohner*innen im Hausrat, wie es weitergeht.

In dieses Projekt ist Zara 1982 hineingeboren, nach einem kurzen Ausflug in konventionelle Wohnverhältnisse lebt sie seit 2015 wieder und gerne in der Gemeinschaft. Doch seit einigen Monaten sieht Zara die vertrauten Bewohner*innen nur noch hinter Masken im Treppenhaus. Von der nachbarschaftlichen Familie besucht sie allein ihre Eltern im Erdgeschoss. »Wir vereinsamen hier unten«, haben die schon im ersten Lockdown geklagt. Ihre Mama und ihr Papa seien dieses isolierte Leben echt nicht gewöhnt, kommentiert Zara und seufzt.

Aber auch ihr fällt es schwer, sich mit ihrer Mitbewohnerin Dilan in die eigenen zwei Zimmer zurückzuziehen. »Es bedrückt mich, nicht mehr mitzukriegen, was die anderen so treiben«, sagt Zara. Gerade in der letzten Zeit hatte sie sich eigentlich regelmäßig mit anderen jungen Nachbar*innen in den Gemeinschaftsräumen verabredet, um das Hausprojekt für ihre Generation neu zu definieren: »Wir haben uns gefragt: Was bedeutet Gemeinschaft für uns, wie wollen wir in Zukunft hier leben?«, erzählt Zara. »Corona hat diesen, mir sehr wichtigen, Prozess auf Eis gelegt.« Auch die Hausratsitzung ist inzwischen in einzelne E-Mails zerstückelt. Nur mit der Gartentruppe steht Zara noch regelmäßig auf Abstand im Innenhof, schneidet die Bäume zurecht oder fegt den Schnee von den Gehwegen. Es ist eine der wenigen Aufgaben, die noch wie in den Achtzigern in der Gruppe erledigt wird - egal ob nun Eiseskälte oder eine Pandemie herrscht.

Eine neue Aufgabe, mit der Zara Witte ihre Nachbar*innen nicht alleine lassen will, ist das Homeschooling. Über ihr ist vor wenigen Jahren eine geflüchtete Familie eingezogen, alle vier Kinder besuchen die umliegenden Schulen - und können schon besser Deutsch als ihre Eltern. Deswegen dürfen die Kleinen auch bei Zara und Dilan klopfen, wenn sie eine Aufgabe nicht verstehen. Auch eine Sozialarbeiterin im Haus hilft beim Distanzlernen. »Für uns war irgendwann klar: Die pauschale «ein Haushalt plus eins» Regel kann diese Familie schlicht nicht einhalten, sie brauchen unsere Unterstützung«, kommentiert Zara.

Keinen Kilometer weiter, in einer ähnlichen Kreuzberger Altbauwohnung, kämpft eine ganz andere Familie mit den verschärften Maßnahmen. Wren Brandt hat die zwei Kleinsten gerade ins Bett gebracht, das älteste Kind quatscht noch im Hintergrund des Videotelefonats. Weil das Familienmodell von Jugendamt und Jobcenter nicht anerkannt wird, soll Wrens echter Name nicht in der Zeitung stehen. Neben den drei Kindern leben hier nämlich noch fünf Elternteile, allerdings im Wechsel. »Nestmodell« heißt diese Konstellation, weil die Kinder in einer Wohnung bleiben, während die Eltern pendeln. »Rechtlich gesehen leben wir nicht erst seit Beginn der Coronakrise in einer Grauzone«, sagt Wren. Wren ist nicht-binär, was bedeutet, dass Wren sich weder ausschließlich männlich noch weiblich fühlt. Deswegen steht hier auch immer Wrens Name, und kein geschlechtsspezifisches Pronomen.

Als der erste Lockdown über die Familie hereinbrach, haben die Eltern das Nest erst mal in ein Haus nach Bayern verlegt, um dem Corona-Chaos in der Hauptstadt zu entfliehen. Wren musste eine Pause in der Ausbildung einlegen, um den Kindern beim Distanzlernen zu helfen. »Theoretisch ist unser Familienmodell ja ideal, um Homeoffice und Homeschooling zu stemmen. Aber praktisch alle Dienstpläne, Vorlesungen und Plenen zu koordinieren, war ein riesiger organisatorischer und kommunikativer Kraftakt.«

Noch schwerer als die Schule ließ sich aber der Kindergarten ersetzen: »Für mein dreijähriges Kind hatte gerade die Zeit begonnen, wo es sich auch am Nachmittag mit anderen Kindern zum Spielen verabredet«, erinnert sich Wren. Doch Anfang März riefen immer mehr Eltern aus dem Kinderladen an: »Gerade lieber nicht«, murmelten sie, »ihr habt zu viel Kontakt zu anderen.« Wren kann das verstehen. Traurig war es trotzdem. Als die zwei älteren Kinder an Weihnachten zu ihren Großeltern fahren, sieht Wrens biologisches Kind fast drei Wochen lang keine Gleichaltrigen.

Doch das Modell bietet im Lockdown auch Vorteile. Wenn Wren nach 5 Tagen wieder ins Nest der eigenen WG zieht, hat Wren genügend Kraft getankt, um sich intensiv mit den Kindern zu beschäftigen: »Ich bin dann einfach richtig da«, sagt Wren. Für andere Eltern, die mit ihren Kids seit Monaten zusammenhängen, sei das sicher nicht immer so einfach. Aber auch die Kinder schenken Wren viel Energie: »Bei denen passiert ja immer was, auch wenn die Welt draußen stehen bleibt«, lächelt Wren.

Nur in Wrens Singleleben passiert leider nicht sonderlich viel: Als Wren im Sommer eine neue Person kennengelernt hat, fühlten sich beide wie auf Glatteis: »Die war in einer offenen Beziehung und hatte Kinder, ich lebe mit etlichen Menschen, die wieder andere daten. Die Kontaktkette war endlos.« Obwohl Wren formell nicht gegen die Maßnahmen verstieß, fühlte Wren sich verunsichert - und auch ein bisschen neidisch auf die Paare im Umfeld: »Die haben die ganze Pandemie über coronakonform Sex und ich habe krasse Gewissensbisse, wenn ich jemand anderen umarme«, klagt Wren. Seit dem Herbst datet Wren kaum noch.

Dafür verbringt Wren jetzt noch einmal ganz viel Zeit mit dem Kleinsten: Manchmal bleiben die beiden bis mittags im Pyjama und genießen einfach ein langes Frühstück. Wenn Wren im März die Ausbildung fortsetzt, geht das nicht mehr. »Aber mein Kind versteht inzwischen, dass es dann morgens ein anderes Elternteil in den Kinderladen bringt, weil ich selbst arbeiten muss«, sagt Wren, »vor dem Lockdown war es dafür noch viel zu klein.« So gesehen sei die Pandemie dann doch irgendwie zu einem guten Zeitpunkt gekommen, lacht Wren.

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