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Schnee von gestern

»Wenn der Schnee schmilzt, sieht man, wo die Kacke liegt.« Recht hatte er, der alte Rudi Assauer. Diese von ihm in Dortmund, Bremen, Glasgow, Gelsenkirchen und was weiß ich in welchen noch von ihm während seiner Fußballer- und Managerkarriere durchstreiften Städten gemachte Beobachtung trifft auch auf Berlin zu. Wo es selten schneit. Und dennoch, kaum dass Frau Holle erste Flocken ausgeschüttelt hat, stürmen Kinder mit Eltern und Hunden im Schlepptau den Friedrichshain, Mont Klamott und die Müggelberge. Um mehr auf Grasbüschel denn auf feinem, weißen Eiskristallteppich dem Rodeln zu frönen. Ein Gaudi trotzdem. Wenn auch nur für wenige Stunden. Bis Matsch, Pfützen, Dreck und Merde die Großstadt zurückerobern. Für dieses Wochenende prophezeien die Meteorologen indes gar für Spree-Athen einen massiven Wintereinbruch, mit bis zu 20 Zentimetern Schnee und 20 Grad Minus, Extremwetter wie 1978, das trotz Mauer Ost- und Westberlin, trotz Eisernen Vorhangs die Bundesrepublik und die DDR gleichermaßen im Würgegriff hatte. Kluge Großeltern haben dessen ungeachtet für 2021 vorgesorgt, coronabedingt via Internet Schlitten mit Rädern gekauft. Die sind zwar teurer, können aber die Freude der Enkelkinder verlängern. Und wenn der Klimawandel wie bisher fortschreitet, dürften sie auch noch Urenkel und Ururenkel über ein nicht mehr selbst erlebbares, nur noch aus Märchenbüchern und Märchenfilmen bekanntes Vergnügen hinwegtrösten.

Übrigens, die Redewendung »Schnee vom vergangenen Jahr« soll vom französischen mittelalterlichen Balladendichter Francois Villon stammen, der in »Mais ou sont les neiges d’antan?« (Aber wo ist der Schnee von früher?) auf vergangene, vergessene Ereignisse und Personen anspielte. Diese Zeitung jedenfalls hofft, ihre Leser nie mit Schnee von gestern zu langweilen. ves

Foto: imago images/Jens Schicke

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