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Protest bei Räumung von Obdachlosencamp

Wegen des Kälteeinbruchs hat Berlin am Samstag ein großes Obdachlosencamp räumen lassen

  • Lesedauer: 3 Min.
Ein Transparent mit der Aufschrift
Ein Transparent mit der Aufschrift "Keine Räumung bei minus 10 Grad" hängt am Zaun eines Obdachlosencamps an der Rummelsburger Bucht.

Berlin. Wegen des Kälteeinbruchs versucht Berlin, so viele Obdachlose wie möglich von der Straße zu holen. Das Bezirksamt Lichtenberg teilte in der Nacht zum Samstag mit, 100 Obdachlosen in der Rummelsburger Bucht sei eine Notunterbringung in Unterkünften der Kältehilfe angeboten worden. Die Flächen entlang der Kynaststraße gelten als eines der größten Obdachlosencamps der Hauptstadt.

Durch die extreme Wetterlage mit sehr kalten Temperaturen und starkem Schneefall bestehe Lebensgefahr beim Übernachten im Freien, erklärte das Bezirksamt. Eine sichere Unterbringung sei notwendig. Unterstützt wurde der Umzug der Obdachlosen den Angaben zufolge von Einsatzkräften des DRK, der Feuerwehr, der Polizei, des Technischen Hilfswerkes und sozialer Träger vor Ort. Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) stellten Busse zum Transport der Menschen in die Unterkünfte bereit.

Die Räumung stieß allerdings auch auf Protest. Am Samstagmittag versammelten sich rund 40 Menschen an der Kynaststraße nahe dem Ostkreuz zu einer Spontandemonstration. Sie warfen dem Bezirk vor, mit der Aktion Obdachlose um ihre Habe und zusätzlich in Gefahr zu bringen. Bewohner hätten etwa nicht mehr ihre persönlichen Wertsachen aus dem Camp holen können, sagte die Anmelderin der Spontandemonstration. Sie kritisierte außerdem, dass zu wenig Übersetzer für die häufig nicht Deutsch sprechenden Obdachlosen vor Ort gewesen seien.

Auch die Grünen-Kreisvorsitzende von Berlin-Lichtenberg, Andrea Nakoinz, sagte, sie sehe zwar die guten Absichten, befürchte allerdings, dass die Räumung nicht die gewünschte Wirkung habe. Nur ein Teil der Menschen habe das Angebot angenommen, in die bereitgestellten Sammelunterkünfte zu gehen. Das Schicksal der Anderen sei nun noch problematischer.

Der Lichtenberger Sozialstadtrat Kevin Hönicke (SPD) wies die Vorwürfe zurück. Schon seit Freitag seien Sozialarbeiter und Übersetzer vor Ort gewesen, die den Menschen geholfen hätten. Auch hätten die Bewohner durchaus persönliche Dinge mitnehmen können.

Die Berliner Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales versicherte, wer in der Hauptstadt ein Bett brauche, bekomme auch eins. Wegen der zu erwartenden Wettersituation erweitere die Stadt ihre Angebote nochmals. So standen ab Samstagabend in einem Hostel in Friedrichshain 100 Plätze Tag und Nacht zur Verfügung. Auch in Reinickendorf sollte am Sonntag eine Einrichtung mit 100 Plätzen eröffnen.

In den bestehenden Einrichtungen der Kältehilfe stehen den Angaben zufolge aktuell 1.090 Notübernachtungsplätze zur Verfügung. Auch seien im Berliner Stadtgebiet fünf Busse mit Sozialarbeitern unterwegs, um Obdachlosen zu helfen.

Auch die brandenburgische Landeshauptstadt Potsdam wies am Samstag nochmal auf die bestehenden Angebote für wohnungslose Menschen hin. Erstmals werde dort in diesem Jahr auch eine ausschließliche Frauennotübernachtungsstelle angeboten.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) hatte bereits am Freitag vor weiteren Kältetoten gewarnt. Kommunen sollten jetzt zusätzliche Kälteschutzangebote rund um die Uhr öffnen, Bürgerinnen und Bürger auf Hilfsbedürftige achten. In diesem Winter seien deutschlandweit schon mindestens 17 Wohnungslose erfroren. epd/nd

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