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Wer sich setzt, wird sediert

Sonntagsschuss: Der Profifußball ist so reformfähig wie der Vatikan.

  • Von Christoph Ruf
  • Lesedauer: 4 Min.
Corona: Wer sich setzt, wird sediert

Und schon wieder ist ein Spieltag im Corona-Modus vorbei. Es spricht für sich, dass man sich heute kaum noch vorstellen kann, wie vehement noch im Frühjahr über die Privilegien der Branche diskutiert wurde. Die war mit einem Mal in so schlimme finanzielle Schieflage geraten, dass einzelne Klubs sofort pleite gegangen wären, wenn nicht der Staat (mit Kurzarbeitergeld und Krediten) oder die eigenen Ligaregularien ausgeholfen hätten.

Die Branche wiederum wusste schon damals genau, was die Stunde geschlagen hat. Demonstrative Einsicht war gefragt, gerunzelte Stirn und die Aussage, es könne so natürlich nicht mehr weitergehen. Mit Etats, die auf Pump finanziert werden, mit dem Fehlen jeder Gehaltsobergrenze, die dazu führt, dass die Nummer 14 im Kader eines Durchschnitts-Bundesligisten mehr verdient als die Kanzlerin. Mit der vermaledeiten - und hier rollten besonders viele Krokodilstränen - Distanz zum banalen Kurvenvolk, mit all den Exzessen vom goldenen Steak bis zum eingeflogenen Tätowierer.

»Wir haben verstanden«, hieß es allerorten. Und es war der erste strategische Fehler der kritischen Fanszene, dass sie zu gerne geglaubt hätte, dass diese Einsicht wenigstens diesmal vollzogen würde. Der zweite Fehler war noch fataler. Und auch er hatte mit gutem Willen zu tun: mit dem Glauben, dass der Profifußball zumindest in Teilen demokratisierbar ist.

Dabei ist es natürlich eigentlich ein durchsichtiges Manöver, aufkommende Wut dadurch zu kanalisieren, dass man den Kritiker an seinen Tisch bittet, um ihn dort möglichst lange Platz nehmen zu lassen. So macht es die Politik schon immer. Und so macht es der Fußball, seit modernere Managementtypen an den Schalthebeln sitzen, die wissen, dass man Fans und Mitglieder nicht mehr so behandeln kann wie in den Achtzigern.

Doch im Gegensatz zur Politik, die in biedere »Ausschüsse« delegiert, kommt bei diesen Gelegenheiten im Fußball die wesentlich schnittigere »Task Force« zu ihrem Recht. Ihre Funktion ist allerdings die gleiche. Zeitgewinn und die Sedierung der Kritiker ist oberstes Ziel. Die Taktik ist auch dieses Mal wieder aufgegangen. Als Anfang der Woche ihre Ergebnisse präsentiert wurden, gab es viel Wortgeklingel. Die Task Force, also eine Arbeitsgruppe, beschloss die Gründung einer weiteren Arbeitsgruppe. Diesmal zur Stärkung der wirtschaftlichen Stabilität. Auch wird es eine DFL-Kommission für Fandialog sowie Förderung des Frauenfußballs und der Geschlechtergerechtigkeit im Fußball geben. Nachhaltigkeit finden auch alle ganz toll. Mehr gab es nicht zu vermelden. Von all den Forderungen des von Hunderten Fangruppen getragenen Bündnisses »Unser Fußball« wurde nicht eine einzige erfüllt. Was, und das war vielleicht der dritte strategische Fehler der Fans, denen, die letztlich die Entscheidungen fällen, auch deshalb leicht gefallen sein dürfte, weil die Fans anstatt den Kern des oft auf Pump finanzierten Turbo-Kommerzes anzugreifen ein ziemlich ausuferndes Sammelsurium an Forderungen präsentiert hatten. Das enthielt so gut wie alle Aspekte, die das menschliche Leben schöner machen sollen und brach es auf den Stadionbesuch herunter. Was nur dazu führt, dass man in den kommenden Jahren viele Pressemitteilungen von Bundesligisten lesen wird, die die Einführung einer Sojawurst als »konsequente Umsetzung der in der Task Force erhobenen Fanforderungen« anpreisen.

Bevor man die Fans dafür kritisiert, dass sie in den wirklich wichtigen Fragen nichts erreicht haben - allen voran bei der Verteilung der Fernsehgelder, bei der sich ebenfalls kaum etwas ändert, muss man allerdings erst mal nüchtern feststellen, dass der Profifußball einmal mehr eine große Chance vertan hat, sich aus eigenem Antrieb reformfähig zu zeigen.

Wer glaubt, dass sich daran je etwas ändern wird, braucht jetzt wirklich sehr gute Argumente. Oder ist einfach die Angst zu groß, wirklich mal die Konsequenzen aus der ständig ins Leere laufenden Kritik zu ziehen? Und eines Tages einfach nicht mehr Teil einer gut geölten, immer funktionierenden Support-Maschine namens Fankurve zu sein, die freiwillig und gratis die Bilder liefert, die sich so gut vermarkten lassen.

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