Wälder wirtschaftlichen Interessen geopfert

Indigene in Französisch-Guyana unterstützen Klage der Kayapo gegen Brasiliens Präsidenten Bolsonaro

  • Von Ralf Klingsieck, Paris
  • Lesedauer: 3 Min.

»Wir, die Angehörigen des Volkes der Palikur im französischen Überseedepartement Guyana, nehmen starken Anteil am Schicksal unserer Landsleute jenseits der Grenze und wünschen ihnen Erfolg für ihre juristische Initiative.« Gemeint ist die Grenze zu Brasilien und die Aussage stammt von der französischen Sprecherin der Indigenen Claudette Lebonté in einem Gastbeitrag in der Zeitung »Le Monde«. Lebonté ist Mitglied des Indigenenkomitees von Guyana und des Koordinierungsrates der Indigenen des Amazonasbeckens.

Die Solidarisierung gilt der Ankündigung von Raoni, dem Häuptling der Kayapo im Amazonas-Regenwald, den brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zu verklagen. Raoni begründet die Klage wegen »Verbrechen gegen die Menschlichkeit« mit Bolsonaros zynischer Politik gegenüber den Indigenen seines Landes, denen er den natürlichen Lebensraum und damit ihre Existenzgrundlage nimmt, indem er immer größere Flächen des Regenwalds freigibt zum Abholzen und Umwandeln in Acker für intensive Landwirtschaft. Damit ignoriere Bolsonaro auch die für die ganze Menschheit so wichtige Rolle des Amazonas für das Klima und den Sauerstoffhaushalt der Erde.

Die gegenwärtige Corona-Epidemie trifft die Indigenen besonders stark. Dabei müssten sie besonders geschützt werden, da ihr Immunsystem besonders anfällig ist für Seuchen. Tatsächlich jedoch gibt es für sie viel weniger Ärzte, Medikamente, Sauerstoff oder Betten in Krankenhäusern und auf Intensivstationen als für andere Teile der Bevölkerung.

Lebonté nahm in ihrem Beitrag nicht nur Brasilien ins Visier: »Wir müssen aber leider sagen, dass auch die Politik Frankreichs uns gegenüber nicht über jede Kritik erhaben ist und bei weitem nicht dem entspricht, was man von der selbst ernannten ›Heimat der Menschenrechte‹ erwarten sollte.« Die Indigenen Guyanas sähen sich hilflos den Ungerechtigkeiten der staatlichen Behörden ausgeliefert. Der Rat der Indigenen sollte zwar seinem Status nach »in allen sie betreffenden Fragen dem Staat beratend zur Seite stehen«, doch tatsächlich würden sie praktisch nie konsultiert und alles über ihren Kopf entschieden, beklagt Claudette Lebonté.

»Dabei ist eine solche Konsultation ein von der UNO anerkanntes internationales Recht.« Nicht selten würden die Indigenen bewusst übergangen und vor vollendete Tatsachen gestellt, wenn die Behörden befürchten, dass die unmittelbar Betroffenen Vorbehalte gegenüber staatlichen Vorhaben äußern könnten. Das sei gegenwärtig wieder einmal der Fall bei der Impfkampagne gegen das Covid-19-Virus: Das Vorgehen werde ausgehandelt zwischen der Präfektur als Repräsentantin des Staates, der Regionalen Gesundheitsdirektion ARS und den örtlichen Körperschaften. Doch niemand komme auf die Idee, die Indigenen zu fragen, was sie von der Krankheit und der Impfung halten und welche Sorgen oder Vorbehalte sie vielleicht haben. Ganz zu schweigen von ihren Klagen über die medizinische Unterversorgung der Indigenengebiete im Innern Guyanas im Vergleich zum stärker entwickelten Landesteil entlang der Küste.

Als weiteres Beispiel für die ambivalente Haltung des Staates führt Claudette Lebonté das Goldminen-Projekt »Goldener Berg« an. Das wurde zwar 2019 von der Regierung auf Druck der Umweltverbände gestoppt, doch inzwischen hat ein Gericht den Staat dazu verurteilt, die russischen und kanadischen Investoren vertragsgemäß schürfen zu lassen. Die Pariser Regierung tue verdächtig wenig, um gegen dieses haarsträubende Urteil Einspruch einzulegen. Welche verheerenden Folgen für die Artenvielfalt und für die Gesundheit der Indigenen durch solche Projekte drohen, zeigen die zahlreichen Schürfungen illegaler Goldsucher in den Tiefen des Regenwalds: Durch die eingesetzten Säuren wird das Wasser der Bäche nachhaltig belastet oder gar vergiftet. »Die Regierung setzt zwar seit 2008 im Rahmen der Aktion «Arpie» Armee und Gendarmerie ein im Kampf gegen die illegalen Goldgräber, aber so halbherzig, dass das Problem seitdem nicht zurückgedrängt werden konnte, sondern nur eine Verschlimmerung abgewendet wurde«, stellt Claudette Labonté verbittert fest.

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