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Weltgeist mit Einweckglas

HASSLIEBE: Velten Schäfer philosophiert über den Impfstoff des Winfried Stöcker

  • Von Velten Schäfer
  • Lesedauer: 3 Min.

Empirisch betrachtet - als Summe gedanklicher Äußerungen der ans Internet angeschlossenen Menschheit - tut sich der Weltgeist heute in sozialen Medien kund. Und daran gemessen muss man selbst ihm inzwischen eine gewisse Coronamüdigkeit attestieren: Offenkundig bewegt sich der Trend vom pandemiebezogenen Bashing in Richtung Winter- und Haustierbilder.

Im Sinne der idealistischen Philosophie hingegen, die im Weltgeist die Totalität des historischen Prozesses erblickt, der letztlich die Welt ihrem Sinn zuführen werde, hat der Besagte in Sachen Covid jetzt nachgelegt. Gerade erst hatte das progressive Lager die Frage nach dem Beitrag von Corona zum Sieg der Vernunft in der Geschichte mit dem Verweis auf jene - laut »Süddeutsche« - »preußische Türkin« beantworten können, die mit ihrem Partner das mRNA-basierte Überlebenselixier einer Nation erschuf, die sich im Prozess ihrer Errettung in zeitgemäßer Diversität neu erfinden könne - da schickt der Weltgeist einen gewissen Winfried Stöcker um die Ecke.

Bei diesem Herrn handelt es sich um einen im wahrsten Sinn des Schmähworts alten weißen Mann, in dem nun aber womöglich derjenige Aspekt des denkbaren Weltsinnbeitrags der Seuche steckt, der vom Biontech-Paar nicht zu haben ist: die Perspektive einer solidarischen Immunisierung. Den simplen, billigen, wirksamen, von Tiefkühlketten unabhängigen und schnell in en masse zu produzierenden Covid-Impfstoff, den der patentstrotzende Labormedizinprofessor und Pharmamilliardär im Ruhestand auf eigene Faust entwickelt sowie erfolgreich an sich, seiner Familie und einigen Kollegen erprobt haben will, den würde er patentfrei der Menschheit übergeben. Einfach so, weil er es könne.

»Man nehme dreimal 15 Mikrogramm rekombinante RBD der S1-Untereinheit (Arg319-Phe541) für eine Person. Als Adjuvans Alhydrogel von InvivoGen. Ordentlich durchschütteln und davon 200 Mikroliter mit der Tuberkulinspritze aufziehen. In eine größere Spritze 10 Milliliter Kochsalz aufziehen und die 200 Mikroliter dazugeben, mischen«: Der Pandemiekompetenz der linken Bubble stellt Stöcker mit diesem Rezept drei Fragen. Ist dieses Rezept nur wildes »Geschwurbel«? Ist Stöckers Mutmaßung, es werde nun deswegen gegen ihn wegen illegaler Tests prozessiert, weil die Lobbys Angst haben, »dass mein Impfstoff mit ihren neu patentierten Substanzen konkurrieren« und »Umsätze von Hunderten Milliarden« gefährden könne, eine Verschwörungstheorie? Und würde man sich mit einer Substanz impfen lassen, deren Erfinder wiederholt mit üblen rassistischen und sexistischen Zoten aufgefallen ist?

Ob es daran liegt, dass Stöckers Anwalt Wolfgang Kubicki heißt oder daran, dass der laut »Spiegel« informierte Christian Drosten öffentlich den Daumen noch nicht senkt: In seiner empirischen Erscheinung ist der Weltgeist bisher seltsam still in der Causa des Impfschwurblers mit dem Einweckglas. Doch während man auf diesseitigen Hohn noch wartet, lacht sich der Weltgeist als philosophisches Prinzip ins Fäustchen: Wenn seine Jünger einst noch in Napoleons Truppen die List der Geschichte auf dem Weg zur Vernunft erkennen konnten, warum sollte sich diese List nun nicht ein einem zornigen alten Mann manifestieren? Womöglich könnte, wenn Stöcker erhört wird, am Ende alles gut werden - sogar er selbst: Breite Anerkennung soll bei alternden männlichen Egomanen ja Wunder wirken.

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