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Ernst zu nehmender Popanz

Zur Kritik der jüngsten akademischen Initiative wider die »Cancel Culture«

Als das »Netzwerk Wissenschaftsfreiheit« in der vergangenen Woche an die Öffentlichkeit trat, bekam man das Gefühl eines Déjà-vu. Reflexhafte Ablehnung oder Zustimmung schlug den 70 Hochschullehrenden entgegen, die ihre Sorge um die Freiheit der Wissenschaft kundtaten: »Cancel Culture und Political Correctness haben die freie und kontroverse Debatte auch von Außenseiterpositionen vielerorts an den Universitäten zum Verschwinden gebracht«, heißt es in der Mitteilung für die Presse. Das kennt man nun wirklich schon.

Ebenso hatte sich im vergangenen Jahr auch der »Appell für freie Debattenräume« geäußert, mit ähnlichen Reaktionen. Der Eindruck einer Wiederaufführung ergibt sich auch daraus, dass das Personal teils dasselbe ist - wie etwa der Osteuropahistoriker Jörg Baberowski. Dass der mit seinem Engagement hauptsächlich strategische Interessen verfolgt, darf man unterstellen. Das legt jetzt ein Beitrag des Historikers Jan Plamper im »Merkur« nahe. Der in London lehrende Professor berichtet darin, wie Baberowski ihn 2019 seinerseits als Mitherausgeber einer Publikationsreihe zu »canceln« versucht hatte, nachdem Plamper seinem Berliner Kollegen in aktuell-politischen Fragen begründetes Kontra gab. Auch ein kursierendes Video, in dem Baberowski beim Abreißen der Wahlplakate einer trotzkistischen Studierendengruppe zu sehen ist - wobei der Hochschullehrer, der sich als Gewaltforscher bezeichnet, dem Filmenden Schläge »in die Fresse« androht -, lässt kaum auf ein freiheitliches Verständnis von universitärer Demokratie und Debatte schließen. Wie andere Rechte scheint er Wissenschaftsfreiheit mit Freiheit der Wissenschaftler von Kritik zu verwechseln - oder diesen Unterschied absichtlich zu verwischen.

Nicht nur ein Kampfbegriff

Ist aber jenes »Netzwerk Wissenschaftsfreiheit« deshalb nur ein neuerlicher Versuch einer neurechten Intervention? So einfach ist es nicht. Auch Linke wie Robert Pfaller und Vojin Saša Vukadinović sind in der Gruppe vertreten, deren Sprecherin, Sandra Kostner, sich - anders als Baberowski - einem robusten humanistischen Liberalismus zuordnen lässt. Wollte man das Anliegen mit einem bloßen Verweis auf die politische Tendenz diskreditieren, käme man nicht weit.

Ein ähnliches Problem stellt sich, wenn man die Diagnose als pure Einbildung oder als Kampfbegriff etikettiert. »Cancel Culture«, nur ein Schreckgespenst? In manchen Fällen mag das so sein, in anderen nicht. Und unabhängig davon ist das eine schwache Verteidigung, man bewegt sich dann auf der Ebene von Glauben und Leugnung. Das aber lässt sich, in unterschiedlich verteilten Rollen, gegenwärtig oft beobachten. Die neuen Glaubenskriege in vermeintlich säkularen Gesellschaften korrespondieren mit einer Krise der Öffentlichkeit und einem zunehmenden Irrationalismus. Das wirklich Auffällige an all diesen Debatten ist, dass sie nie über die wirklichen Strukturen sprechen, sondern nur oberflächliche Schuldfragen verhandeln. Die Leerstelle sind die materiellen gesellschaftlichen Bedingungen.

Wie aber kann man mit alarmistischen Schlagwörtern die Krise der universitären Öffentlichkeit debattieren, ohne mit einem Wort die epochalen Veränderungen der Hochschulen in jüngeren Jahrzehnten zu erwähnen? Die Verheerungen, die politisch angerichtet wurden, und deren Auswirkungen auf die Subjekte? Ist der sogenannte Bologna-Prozess und sind die Proteste dagegen schon vergessen?

Eine Randbemerkung ist, dass sich die Debatte in den humanities und weniger den sciences abspielt. Das lässt vermuten, dass es sich insbesondere um eine Krise der Geistes- und Sozialwissenschaften handelt, die durch die Modularisierung à la Bologna stärker erschüttert wurden. Gewiss nicht nur, aber eben auch in diesem Bereich wirken zudem die Agenden und Meta-Agenden von etwa 3000 privaten Institutionen und Stiftungen, die Forschung heute mitfinanzieren. Wieso schweigen Appelle zur Wissenschaftsfreiheit wie jener jüngste zu diesem Problem? »Aus dem Land der Dichter und Denker ist das Land der Drittmittellangstreckenläufer geworden«, hat Jagoda Marinić 2017 geschrieben. Die Frage nach Bedrohungen der Wissenschaftsfreiheit muss und kann nur konkret gestellt werden.

2020 kam eine Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung zu deutlichen Ergebnissen: 75 Prozent der befragten Hochschulangehörigen stimmen zu, dass die schöpferische Muße zur Forschung fehlt, 68 Prozent sehen den Zwang zum schnellen Publizieren als Problem, 71 Prozent die Anträge für Drittmittel und 36 Prozent sehen sich durch die Verwaltungen und Leitungen der Hochschulen gehemmt. Aber nur 13 Prozent problematisieren »Political Correctness« und nur sieben Prozent ethische Richtlinien. Das ist dann schon ein anderes Bild.

Die eigentliche Frage aber lautet, was sich hinter all jenen Schlagworten verbirgt, die wie das Drittmittelproblem ebenfalls in solchen Appellen fehlen: kompetenzorientierte Hochschule, Anwendungsorientierung, Spezialisierung, Effizienz, Optimierung und Wissensmanagement? Es ist so sehr Leitbild wie Allgemeinplatz, dass Hochschulen zunehmend wie Unternehmen geführt werden. Wie sollte man annehmen, das würde nicht auf den Menschenschlag wirken, den diese Institutionen züchten?

Die Hochschule neuen Typs produziert Subjekte eines neuen Typs. Sonderliche Gelehrte, die sich im Gegenstand versenken, sind von vorgestern; gefragt sind stromlinienförmige Wissensmanager. Kein Wunder: Vermittelt werden fast nur noch instrumentelle Fertigkeiten. Wenn die Hochschulen ihre Aufgabe in der Vermittlung von Kompetenzen sehen, die dann von den Objekten solch pädagogischen Komplettversagens nur noch angewendet werden sollen, ist für Neugier und Ambivalenz wenig Raum.

Das aber ist ein Unterschied ums Ganze: Die klassische Idee der Bildung wusste noch von Negativität; dass nämlich der erste Schritt zur individuellen Vervollkommnung darin besteht, den Nichtbesitz des Wissens ertragen zu können und müssen. Die Idee der Kompetenz ist hingegen nur positiv und additiv. Wissen ist zerlegt in Module, die man absolviert und seinem Portfolio hinzufügt. Man sollte sich nicht wundern, dass die Hybris des Bescheidwissens eine Folge dieses Formats von Wissensproduktion ist. So wie Reflexion nicht mehr das Vergegenwärtigen des Mangels, sondern oft eher das Vergewissern der eigenen Identität und Sprecherposition meint. Es geht nicht darum, ein moralisches Urteil über Subjekte zu fällen, sondern über die Umstände, die sie prägen.

Universität als Trainingslager

Lilli Gast, Psychologieprofessorin und ehemalige Vizepräsidentin der International Psychoanalytic University Berlin, argumentierte schon vor Jahren, dass durch die Quantifizierung und Anwendungsorientierung bei den Studierenden eine intrinsische durch eine extrinsische Motivation ersetzt wurde. An die Stelle einer Identifizierung mit dem Erkenntniswunsch sei die Identifizierung mit Erfolg und die Abwehr drohenden Scheiterns getreten. In Verbindung mit der brutalen Konkurrenz im akademischen Feld, die durch die undemokratischen Strukturen der Hochschulen und die geltenden Gesetze aufrechterhalten wird, ergibt sich eine Situation, in der der freie Diskurs der Universität - der freilich nie so frei war, wie behauptet wird - real dysfunktional geworden ist. In der »Universität als Trainingslager für Praxiskompetenz«, wie Gast es nennt, ist der Geist ausgetrieben worden.

Das aber darf nicht dazu führen, dem Ideal der Wissenschaftsfreiheit abzuschwören. Im Gegenteil sollte der Blick dafür geschärft werden, was dieses Ideal heute behindert: die Hochschule neoliberaler Prägung. Wofür, nebenher bemerkt, ein Blick auf die SDS-Denkschrift »Hochschule in der Demokratie« von 1960 nützlich sein könnte, um überhaupt eine Idee dafür zu bekommen, was nach wie vor verändert gehört - die Ausrichtung auf wirtschaftliche Zwecke, die Kommodifizierung von Bildung, die teils neofeudal anmutenden Abhängigkeiten, die mangelnde Mitbestimmung der Studierenden und des Mittelbaus, die prekäre Situation der wissenschaftlichen Mitarbeiter und die soziale Geschlossenheit der Institution.

Was aber sagt uns das nun für die Debatte um Wissenschaftsfreiheit und »Cancel Culture«? Man sollte diese nicht einfach abtun. Dass die permanente Bewerbungssituation, in der sich nahezu alle akademischen Subjekte befinden, zumindest künftig noch stärker den Impuls zeitigen könnte, sich weniger auf überzeugende Arbeit denn auf den Rufmord an der Konkurrenz zu konzentrieren, ist ja kein abwegiger Gedanke. Heute mag die Angst vor jener »Cancel Culture« noch eher ein Popanz sein - aber in diesem Sinne und vor diesem Hintergrund ein durchaus ernst zu nehmender.

Für linke Kritik ist es jedenfalls schädlich, das Krisenbewusstsein den Rechten zu überlassen, die die Krise nicht lösen, sondern ausbeuten wollen. Beharrlich wäre ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass die Bedrohung der Freiheit der Wissenschaft der neoliberalen Herrschaft entspringt. Man hat anwendungsorientierte Geistes- und Sozialwissenschaften gewollt, man hat sie bekommen - mit den entsprechenden Nebenwirkungen. Die »Departementalisierung des Geistes«, wie es Theodor W. Adorno nannte, fällt zusammen mit seiner Abschaffung. Diese Aussicht muss Linke alarmieren.

Für die Freiheit der Wissenschaft, die nicht nur ein erniedrigtes Anhängsel der Gewerbefreiheit ist, lohnt jeder Streit. Das aber im Licht einer wirklichen Kritik anzugehen, möchte man den Nicht-Rechten in jenem Netzwerk nachdrücklich nahelegen.

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