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Heldinnen von morgen

An Mädchenschulen in Afghanistan wird Rugby zunehmend populär.

  • Von Veronika Eschbacher, Kabul (Text und Fotos)
  • Lesedauer: 9 Min.
Auf der Mädchenschule im Norden Kabuls gibt es seit kurzem ein Frauenteam, das dreimal in der Woche 
trainiert.
Auf der Mädchenschule im Norden Kabuls gibt es seit kurzem ein Frauenteam, das dreimal in der Woche 
trainiert.

Mina Fedayi lächelt kurz verlegen. »Drei oder vier Mal habe ich das Bewusstsein verloren«, sagt die 18-jährige Afghanin. Die schmale, klein gewachsene Frau steht am Rand einer großen Rasenfläche inmitten des weitläufigen Geländes einer Mädchenschule im Norden Kabuls. Doch sie ist kaum zu halten. Ihr Rugby-Team spielt gerade.

Es ist nur ein Training, doch Fedayi ist genervt von den ganzen Fragen, die sie beantworten soll. Immer wieder läuft sie Richtung Spielgeschehen und treibt ihr Team mit Rufen und geballten Fäusten an. Und kehrt im Laufschritt zurück, sobald der Klang der schrillen Trillerpfeife des Trainers die kalte Winterluft schneidet und das Spiel kurz unterbricht.
Rugby ist die jüngste Sportart, die an Mädchenschulen in Afghanistan Einzug gehalten hat. Das zweite Jahr trainieren nun an vier Kabuler Schulen rund 200 junge Frauen jene Sportart, die nichts für Mutlose und Zimperliche ist. Viele der Spielerinnen waren schon vorher in Sportteams ihrer Schulen – und spielten Fußball, Volleyball oder Basketball. Gemein ist ihnen, dass sie Rugby neu und ziemlich aufregend finden.

Dabei hatten die Sportverantwortlichen in Afghanistan zuletzt auf Sportarten gesetzt, die weniger aufregend und kontaktlos sind, um nach Jahren der Flaute wieder mehr Frauen in die Teams zu bekommen: Tischtennis, Federball oder Volleyball. So sollen Kontroversen in der weiterhin sehr konservativen Gesellschaft vermieden werden. Es gibt wohl wenige Länder, in denen Mädchen und Frauen größere Hürden überwinden müssen, um Sport zu treiben. Viele gesellschaftliche Tabus stehen dem entgegen.

Glücksgefühle beim Training

Dreimal in der Woche packt Rugby-Spielerin Fedayi ihre Sportsachen noch im Dunkeln, um rechtzeitig gegen halb sieben Uhr morgens – noch vor Schulbeginn – auf dem Feld zu stehen. »Ich bin so glücklich, wenn ich trainieren kann«, erzählt sie. Die ganze Verantwortung für den Haushalt zu Hause liege bei ihr. »Aber egal wie müde ich bin, ich will immer trainieren«, sagt sie und sprintet erneut in Richtung Spielgeschehen.

Das Training ist durchaus fordernd: Ausdauer gepaart mit anspruchsvoller Technik. Die Sportlerinnen beginnen zu schnauben, wenn es ans sogenannte »Tackling« geht – wenn also die Ballträgerin der gegnerischen Mannschaft aufgehalten werden soll, indem sie mit den Armen umfasst wird. Bei einem erfolgreichen »Tackle« gehen beide Spielerinnen zu Boden. Das birgt unter anderem die Gefahr, dass der Kopf der Tacklerin zwischen Gegenspielerin und Boden gequetscht wird. Bei schlechtem Timing eines »Side Tackles« wiederum könnte der Fuß der Gegenspielerin unsanft im eigenen Gesicht landen.

Die Einführung von Frauen-Rugby in Afghanistan hat der Präsident der nationalen Rugby-Föderation, Haris Rahmani, vorangetrieben. Ihm sei es wichtig, dass es auch Frauenteams gebe. Dass Fedayi und ihre Teamkolleginnen sich mit Tackling, Try (eine Punktlandung, ähnlich wie ein Touchdown im American Football) oder Conversion (Schuss durch die Pfosten) auseinandersetzen können, ist aber keine Selbstverständlichkeit.

Druck von vielen Seiten

Viele der Erschwernisse für Sportlerinnen entstammen den gesellschaftlichen Normen. Manche Afghan*innen betrachten jeglichen Sport für Frauen als nicht angemessen. Bei anderen liegt die rote Linie bei Kontaktsportarten wie Kampfsport oder wenn der Sport nur im öffentlichen Raum ausgeführt werden kann, wie etwa Rennradfahren. Oft erlauben es die Eltern ihren Töchtern, werden aber von Brüdern, Onkeln oder Nachbarn unter Druck gesetzt, es ihnen wieder zu verbieten. Dahinter steht vor allem bei Mädchen und jungen Frauen die Angst, sie könnten beim Sport ihr Jungfernhäutchen verletzen. Wieder andere sehen in Frauensport insgesamt ein Symbol westlichen Imperialismus’, der die einheimische Kultur untergräbt.

Als einer der sichersten Orte für Sport gelten Mädchenschulen, die neben der normalen Sportstunde, in der oft nur auf dem Schulgelände spaziert wird, professionellere Teams betreiben. Die Schulen sind von dicken, hohen Mauern umgeben, die vor unerwünschten Blicken schützen. Nicht wenige Mädchen verschweigen daheim, wenn sie sich in eines der Teams – Fußball, Volleyball und Basketball sind am populärsten – einschreiben.

Sie würden einen zusätzlichen Englischkurs belegen, sagen sie dann oft, und stopfen ihre Sportsachen heimlich zwischen ihre Schulbücher. Spätestens wenn sie an Turnieren teilnehmen wollen, um etwa in die Nationalmannschaft aufgenommen zu werden, müssen sie aber mit der Wahrheit herausrücken. Als junge Frau der engmaschigen Kontrolle der Familie für ein paar Stunden zu entschwinden, ist unmöglich. Immer wieder wird über diese Turniere zudem in lokalen Medien berichtet. Häufig bekommen die Frauen und Mädchen zu hören, sie könnten nicht Sport treiben, da es »draußen« zu unsicher sei.

Anschläge an der Tagesordnung

In Afghanistan sind trotz laufender Friedensgespräche zwischen den aufständischen Taliban und der Kabuler Regierung weiter Anschläge, Gefechte und gezielte Tötungen alltäglich. Sportlerinnern und Sporteinrichtungen wurden in der Vergangenheit von Extremisten angegriffen, weil sie sich den gesellschaftlichen Standards widersetzen würden. Die Sicherheitslage – die zweifellos angespannt ist – wird oft aber auch als Vorwand verwendet, um die Aktivitäten von Frauen außerhalb des Hauses einzuschränken. Gleichzeitig werden Frauen in der Öffentlichkeit, wie in vielen anderen Ländern auch, verbal und sexuell belästigt. Für in der Öffentlichkeit Sport treibende Frauen gilt dies umso mehr.

Andere Hürden haben mit der Infrastruktur zu tun. Vor allem in den Provinzen fehlt es an geeigneten Orten oder Ausrüstung. Auch die Einrichtungen für Rugby sind bescheiden. In Fedayis Schule ist das Einzige, das an Rugby erinnert, der Ball. Gespielt wird auf dem Volleyballplatz. Immerhin – Trainingskleidung gab es von der nationalen Rugby-Föderation.

Jedes Mal, wenn Fedayi nun ihren pechschwarzen Trainingsanzug anzieht, erinnert sie sich daran, was sie vom Sport bisher gelernt hat: einen guten Umgang, Mut und viel Selbstvertrauen, wie sie erklärt. »Ich bin vielleicht klein, aber ich bin richtig schnell«, sagt sie. Sie plane, Journalismus zu studieren. Wettkämpfe zu gewinnen gefalle ihr, eine Karriere im Sport könne sie sich ebenso vorstellen. Viel wichtiger sei ihr aber, anderen Frauen ein Vorbild zu sein: für jene, die keinen Sport machen dürfen.

Ihr Mantra lautet deshalb: »Ich will anderen Frauen Selbstbewusstsein schenken.« Für sie selbst sei ihr Vater ihr größtes Vorbild, »weil er mich immer in allem unterstützt.« Ihr Vater ist so ein Beispiel für jene Männer in Afghanistan, die Sportlerinnen und ihre Erfolge – und weitergehend auch eine Veränderung und Öffnung der Gesellschaft – voll und ganz unterstützen. Fedayi will so lange mit dem Sport weitermachen, wie ihre Familie hinter ihr steht.

Anerkennung für Beharrlichkeit

Laut einer Analyse der Kabuler Denkfabrik »Afghanistan Analysts Network« zu Frauensport in Afghanistan macht sich Beharrlichkeit durchaus bezahlt: Jene Sportlerinnen, die ausharren und sich auszeichnen, würden als Vorbilder dienen, die für ihren Mut, ihre Stärke und körperlichen Fähigkeiten durchaus anerkannt würden. Dennoch sind Frauen im Sport – insgesamt gesehen – immer noch ein Randphänomen. Belastbare Zahlen sind in dem kriegszerrissenen 33-Millionen-Einwohner*innen-Land allerdings nicht zu erhalten.

Laut dem »Generaldirektorat für Leibeserziehung und Sport«, einer unabhängigen Regierungsorganisation, ist ihre Zahl in den vergangenen Jahren gesunken. Eine aktuelle Umfrage unter den nationalen Sportföderationen habe gezeigt, dass von allen bei den Verbänden registrierten Sportteams und Sportklubs im Land 98,5 Prozent der Mitglieder Männer seien – und somit lediglich 1,5 Prozent Frauen.

Dabei war nach der US-Invasion im Jahr 2001, die das Taliban-Regime zu Fall brachte, Frauensport relativ schnell von internationalen Geberländern gepusht worden. Frauen sollten durch Sport gestärkt und ihr Leben verbessert werden. Geschichten über die ersten Skateboard fahrenden Mädchen, Frauen-Radteams oder Taekwando-Kämpferinnen wurden von vielen Medien im Westen aufgegriffen und die Sport treibenden Frauen als Erfolg gefeiert.

Im Laufe der Zeit seien die Sportlerinnen, so analysiert »Afghanistan Analysts Network« weiter, zu einem Symbol des Wandels geworden, das für die Hoffnung auf eine egalitärere Gesellschaft mit größeren Chancen für Mädchen und Frauen stünde. Gleichzeitig folgten aber einige Skandale: Aus mehreren Frauen-Sportteams kamen teils spektakuläre Korruptionsvorwürfe. Offizielle sollen sich an den Fördertöpfen bedient oder versucht haben, aus gespendeter Ausrüstung Profit zu schlagen. An einer Entwicklung des Frauensports waren sie wenig interessiert.

Einen weiteren Tiefpunkt erreichte der Frauensport Ende 2018, als mehrere Spielerinnen des Frauen-Fußball-Nationalteams den Fußball-Chef Keramuddin Karim des sexuellen Missbrauchs und körperlicher Misshandlungen beschuldigten. Karim wurde wenig später vom Fußball-Weltverband Fifa lebenslang gesperrt. Der Fall wurde auch in afghanischen Medien breit diskutiert. Kolleginnen der Rugby-Spielerin Fedayi sagen, sie hätten danach in ihren Familien Probleme bekommen und seien aufgefordert worden, den Sport wieder sein zu lassen. Sie hätten viel mit ihren Familien reden müssen, um ihr Vertrauen zurückzugewinnen.

Ungewisse Zukunft

Aktuell sehen Offizielle, trotz schwieriger vergangener Jahre, den Frauensport wieder im Aufwind. Eine Sprecherin des afghanischen Olympischen Komitees sagt, dass die Zahl der Sportlerinnen zuletzt gestiegen sei. »Wir haben nun mehr Frauen in mehr Sportarten«, erklärt Benafsha Faizi. Das Olympische Komitee unterstütze Programme, um Talente zu finden, darunter Turniere an Schulen und Universitäten oder nationale Sportwettbewerbe.

Auch die Rugby-Föderation hielt im November 2020 erstmals ein Turnier zur Auswahl für die Frauen-Nationalmannschaft ab. Offiziell wurde noch nicht verkündet, wer ins Team aufgenommen wird – Fedayi, sagen die Nationaltrainer, sei aber eine der besten Spielerinnen gewesen. Wann das Training mit der Nationalmannschaft beginnen soll, ist allerdings wegen der Corona-Pandemie offen. Eine Profiliga für Frauen gibt es ohnehin nicht. Vielmehr solle erst das Rugby-Angebot in Mädchenschulen ausgeweitet werden, heißt es von der Rugby-Föderation.
Wie lange der Ausbau des Frauensports andauern wird und Mina Fedayi sich mit ihren Teamkolleginnen frühmorgens gegenseitig tackeln kann, ist ungewiss. Im Golfemirat Katar laufen seit September Verhandlungen zwischen der Regierung in Kabul und den aufständischen Taliban. Es geht um einen Friedensschluss nach 20 Jahren blutigen Konflikts und auch darum, wie das Leben in Afghanistan in Zukunft aussehen soll. Viele haben Angst, das Rad der Zeit könnte zurückgedreht werden und sich die Errungenschaften der vergangenen Jahre im Bereich Frauenrechte in Luft auflösen.

»Ich erwarte mir von den Verhandlungen, dass sie nicht die jungen Frauen und Sportlerinnen vergessen«, sagt Fedayi. Die Unterhändler der beiden Konfliktparteien sollten berücksichtigen, wie diese in den vergangenen Jahren gelebt hätten. Sollten die Islamisten tatsächlich an der Regierung beteiligt werden, sieht Rugby-Spielerin Fedayi allerdings schwarz. Ob sie glaube, dass sie dann weiter Sport machen könne? Sie schnalzt ablehnend mit der Zunge. »Nein«, sagt sie, und steht zum ersten Mal kurz still, bevor sie zurück auf ihre Position sprintet.

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