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  • Corona und soziale Folgen

Köche zu Busfahrern

Zwei Millionen Menschen haben vor der Pandemie im Gastgewerbe gearbeitet. Nun sind Restaurants schon seit Monaten zu. Und was ist mit den Beschäftigten?

  • Von Eva Roth
  • Lesedauer: 5 Min.
Kellnerwettlauf in Genf vor der Pandemie – inzwischen möchten etliche Beschäftigte hierzulande in andere Branchen abbiegen.
Kellnerwettlauf in Genf vor der Pandemie – inzwischen möchten etliche Beschäftigte hierzulande in andere Branchen abbiegen.

In Brandenburg entsteht zurzeit eine Tesla-Fabrik für Elektroautos. Um das Projekt kümmern sich Politiker mit großem Einsatz, die Landesregierung hat dafür eine eigene Taskforce eingerichtet. Mit so viel Aufmerksamkeit kann das Gastgewerbe nicht unbedingt rechnen: »Wenn ein Tesla-Manager mit dem Finger schnippt, sind Politiker sofort zur Stelle. Wenn im Brandenburger Gastgewerbe fast 100|000 Beschäftigte seit Monaten nur von Kurzarbeitergeld leben müssen, zucken viele nur mit den Schultern«, sagt Sebastian Riesner von der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG).

Im Ausnahmezustand

Das Gastgewerbe ist seit fast einem Jahr im Ausnahmezustand: Betriebsschließungen im Frühjahr, Abstandsgebote im Sommer, und seit 2. November sind Restaurants und Cafes wieder dicht und Hotelzimmer leer, weil die Häuser keine Touristen beherbergen dürfen. Das soll bis zum 7. März im Wesentlichen so bleiben, haben Bund und Länder diese Woche beschlossen. In der Branche waren vor der Pandemie rund zwei Millionen Menschen erwerbstätig. Und nun? Welche Folgen hat der monatelange Lockdown für die Beschäftigen?

Ausbildung findet nur rudimentär statt, sagt der NGG-Referatsleiter fürs Gastgewerbe Christoph Schink, der selbst Koch gelernt hat. Wie soll das auch gehen - Köche und Kellnerinnen ausbilden, wenn Küche und Gaststätte zu sind? Es gibt zwar gute Ideen, betont Thomas Lengfelder, der früher als Kellner gearbeitet hat und jetzt Chef des Berliner Arbeitgeberverbands Dehoga ist. In Berlin habe etwa ein Restaurant einen Abholservice eingerichtet und biete ein Ausbildungsmenü, das von Azubis kalkuliert und gekocht wird. Aber insgesamt sei es schwer, die Leute derzeit praktisch auszubilden. In der Hauptstadt hätten eigentlich im Frühjahr rund 1000 Azubis anfangen sollen, tatsächlich waren es nur etwa 250, ergänzt Sebastian Riesner, der früher Koch war und nun NGG-Geschäftsführer der Region Berlin-Brandenburg ist.

Geringfügig Beschäftigte haben noch mehr als früher zu spüren bekommen, was prekäre Arbeit bedeutet: Im Frühjahr wurden Zehntausende entlassen, im Sommer und Herbst viele wieder eingestellt und dann wieder entlassen. Anspruch auf Kurzarbeitergeld haben sie nicht.

Auch regulär Angestellten haben Unternehmen gekündigt, die Arbeitslosenmeldungen aus dem Gastgewerbe sind in der Pandemie so stark gestiegen wie in keiner anderen Branche.

Bei der Kurzarbeit ist das Gastgewerbe ebenfalls »einsamer Spitzenreiter«, formuliert das Ifo-Institut und schätzt, dass in diesem Januar 56 Prozent der sozialversicherungspflichtig Erwerbstätigen in Kurzarbeit waren, das sind rund 564|000 Männer und Frauen. Damit schrumpfen die ohnehin niedrigen Einkünfte der Menschen - im Gastgewerbe wird Facharbeit ein Drittel geringer vergütet als im gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt. Eine ledige Kellnerin, die in Vollzeit zum Mindestlohn arbeitet, kommt laut NGG nach sieben Monaten, wenn das Kurzarbeitergeld auf 80 Prozent des Nettoeinkommens steigt, gerade einmal auf 971 Euro im Monat.

Die meisten sind inzwischen seit mindestens sieben Monaten in Kurzarbeit, sagt NGG-Fachmann Schink »ndwoche«. »Für viele wird es mittlerweile finanziell eng.« Besonders schlimm sei es für diejenigen, die halb im informellen Sektor arbeiten, also beispielsweise eine reguläre Teilzeitstelle haben - und die andere Hälfte ihrer Arbeitszeit der Betrieb bar bezahlt, ohne Steuern und Sozialabgaben abzuführen. Das ist illegal, »begegnet einem aber immer wieder«, sagt Schink. Auch Trinkgeld - für viele ein wichtiger Bestandteil des Einkommens - spielt beim Kurzarbeitergeld keine Rolle.

Proteste und Gerangel

Manche in der Branche müssen Kredite aufnehmen, um über die Runden zu kommen, sagt Silke Kettner, NGG-Chefin von Hamburg. Dort hat die Gewerkschaft im November mit Beschäftigten eine Protestaktion organisiert. Danach gab es Gespräche mit Landespolitikern, doch die sagten: Wir sind nicht die richtigen Adressaten, erzählt Kettner. »Die Beschäftigten brauchen aber Hilfe.« Man könne ihnen jetzt nicht mit einem Bund-Länder-Kompetenzgerangel kommen. »Die Leute hören, dass die Demokratie hochgehalten wird. Aber wenn es darauf ankommt, finden sie niemand, der etwas für sie tut. Das schadet dem Vertrauen in unser System.«

Im Gastgewerbe arbeiten zwar sehr viele Menschen, es hat aber nur einen relativ geringen Anteil am Bruttoinlandsprodukt. Womöglich deswegen wird ihm und seinen Beschäftigten weniger politische Aufmerksamkeit geschenkt als Industriezweigen wie dem Autobau. »Wir sehen, dass zurzeit bundesweit mit dem Gastgewerbe eine ganze Branche den Bach runter geht. Das kommt in der Politik viel zu kurz«, sagt der Berliner NGG-Chef Riesner. »Viele Beschäftigte kommen mit dem Kurzarbeitergeld nicht mehr über die Runden. Hier muss die Politik etwas tun. Wir dürfen die Leute nicht alleine lassen und möglicherweise Coronaleugnern und rechten Demagogen überlassen.«

Die NGG fordert zusammen mit der Gewerkschaft Verdi insbesondere ein Mindestkurzarbeitergeld von 1200 Euro bei einer Vollzeitstelle.

Das würde vielleicht eine Absetzbewegung abschwächen, die die NGG derzeit beobachtet: Etliche Beschäftigte suchen sich nach monatelangem Lockdown und finanzieller Not in anderen Branchen einen Job. »Ich frage immer wieder Betriebsräte aus dem ganzen Bundesgebiet, ob es bei ihnen Beschäftigte gibt, die selbst gekündigt haben. Die Hälfte sagt: ja«, erzählt Schink.

Warten aufs Essen

Auch Riesner sieht eine »starke Tendenz«, aus dem Gastgewerbe abzuwandern. Aus einem Hotel wurde ihm berichtet, dass gleich mehrere Beschäftige, die in der Küche gearbeitet haben, jetzt zu Bus- und Straßenbahnfahrern umschulen. Auch in der Pflege, im Einzelhandel und im öffentlichen Dienst werden Arbeitskräfte gesucht. In Hamburg wurden Menschen in Impfzentren vermittelt. »Das ist nur befristet, aber wer aus der Branche raus ist, wird nicht wieder kommen«, prophezeit Silke Kettner.

Wenn dann im kommenden Frühjahr oder Sommer die Restaurants wieder öffnen, werden sich Gäste wundern, dass sie auf das Essen eine Stunde warten müssen, weil es an Personal fehlt, vermutet Riesner. Eigentlich eine gute Voraussetzung, um höhere Gehälter in der Niedriglohnbranche durchzusetzen. Doch Gewerkschafter erwarten, dass Unternehmen versuchen werden, im In- und Ausland Menschen zu finden, die für wenig Geld arbeiten müssen. Natürlich ginge es auch anders. Etwa, wenn die Politik die Tarifbindung statt Niedriglöhne unterstützt, sagt Schink. »Und wenn wir mehr Mitglieder haben, setzen wir auch mehr durch. Dann kostet die Pizza vielleicht ein Euro mehr - und die Gäste können zeigen, dass sie Niedriglöhne nicht nur theoretisch verwerflich finden.«

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