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Gemeinsam einsam

»Neues aus der Welt« mit Helena Zengel - und Tom Hanks.

  • Von Christin Odoj
  • Lesedauer: 5 Min.
Nachrichtenvorleser Kyle Kidd (Tom Hanks) und das Waisenkind Johanna (Helena Zengel) auf der Reise zu sich selbst.
Nachrichtenvorleser Kyle Kidd (Tom Hanks) und das Waisenkind Johanna (Helena Zengel) auf der Reise zu sich selbst.

Es ist knapp einen Monat her, da stürmten wilde, irre Krieger das Kapitol in Washington D.C. und wollten sich wiederholen, was man ihnen scheinbar genommen hatte. Ihr Präsident, Donald Trump, verlor die Wahl. Jetzt war der Moment gekommen, für den so lange unverschämt gelogen und gezündelt wurde. Scheiß auf Recht und Gesetz, wer die Zukunft, so wie sie vor einem steht, nicht will, der reißt halt alles ein, was geht. Hauptsache Untergang. Von der Spaltung der US-amerikanischen Gesellschaft war bis dahin viel erzählt worden. Die Analyse ist längst vollbracht, was fehlt, ist Heilung. Und immerhin gibt es noch die Sehnsucht, sie irgendwann zu finden. Zynismus steht derweil daneben und sieht zu, wie alles abfackelt, der Reiz daran ist klar, es fühlt sich warm an. Vielleicht, und das ist die steile These des Films »Neues aus der Welt« des irischen Regisseurs Paul Greengrass, sind es gute Geschichten, die uns wieder zusammenbringen.

Der Bürgerkriegsveteran Kyle Kidd (Tom Hanks) ist Medium für diese guten Geschichten. Einst Drucker aus San Antonio, dann eingezogen in die dritte Infanterie in Texas, reist er fünf Jahre nach dem Sieg der Nordstaaten durch ein Land im Chaos. Die Gesetze machen Hunger, Geld und Rachsucht. Kidd liest in jedem noch so winzigen texanischen Kaff aus Zeitungen vor, regional und überregional, die Leute bezahlen dafür zehn Cent Eintritt. Die Geschichten handeln von der Meningitis, die schon 97 Leute in der Region dahingerafft hat, von untergegangenen Fähren auf dem Red River, aber auch von der Eisenbahn, die das Land verbinden und den Fortschritt bringen soll. Die Menge jubelt. Und er verliest die Aufforderung des Präsidenten Ulysses S. Grant, endlich die Verfassungszusätze zur Abschaffung der Sklaverei umzusetzen. Was die Leute hier vom ehemaligen Yankee-General halten, ist klar, einer ruft: »Texas first«. Spätestens jetzt, da ist der Film 20 Minuten alt, wird auch dem Begriffsstutzigsten klar, was uns Greengrass sagen will. Es war ihm wichtig, bei der Adaption des Drehbuchs, das auf dem gleichnamigen Roman von Paulette Jiles basiert, die Verbindungen zum Heute deutlich zu machen, sagt er. Hätte er es lieber gelassen.

Greengrass, der eher für die besseren Actionfilme wie die Bourne-Trilogie und politische Filme (»Flug 93«, »22. Juli«) bekannt ist, inszeniert mit »Neues aus der Welt« seinen ersten Western, dem Genre, das sich seit jeher am besten für Sehnsüchte nach der geheilten Nation eignet. Greengrass arbeitet mit typischen Topoi, mit fantastischen Landschaftspanoramen, zwielichtigen Gesetzlosen, viel Gewalt, die am stärksten wirkt, wenn sie sich nicht körperlich manifestiert, und ganz wenig Hoffnung. Bis einer kommt, der davon erzählt, dass es auch den Arbeitern in Pennsylvania dreckig geht, dass sie für den Profit anderer verkauft werden, genauso wie die armen Schweine in Texas. Kyle Kidd ist nicht nur Vorleser, er erzählt Geschichten, er will Rezipienten erschaffen, Zuhörer, Versteher.

Warum bisher noch mit keinem Wort von Helena Zengel die Rede war, dem Berliner Kind, das für seine Rolle in diesem Film für den Golden Globe und wahrscheinlich noch mehr nominiert ist? Vielleicht ist genau das das größte Problem des Films. Auf Kidds Reise durch Texas begegnet ihm ein Mädchen, es ist völlig auf sich gestellt, seit der indigene Stamm der Kiowa, der sie aufzog, ausgerottet wurde. Johanna, so stellt sich heraus, ist Kind deutscher Einwanderer, die wiederum von den Kiowa ermordet wurden, und nun zweifache Waise. Johanna oder Zikade, so ihr Kiowa-Name, spricht kein Wort Englisch, was der Beziehung zwischen ihr und Kidd ein berührendes Bemühen um Verstehen und Verstandenwerden abverlangt. Die weißen Siedler pressen sie, sobald sie aus ihrem indigenen Kontext gerissen wird, in ihre Denk- und Lebensweise, ziehen ihr Siedlerkleider an, bringen ihr bei, mit dem Löffel zu essen, beim Essen zu schweigen, statt zu singen, was dem Kind logischerweise die fragile Identität raubt. Das alles wird in einzelnen kurzen Szenen abgehandelt, dabei wäre Johannas Perspektive die spannendere Geschichte gewesen. Der prägnanteste Satz des Filmes heißt: »Siedler töteten Indianer für ihr Land, Indianer töteten Siedler, weil sie bestohlen wurden.« Genau hier hätte es viel zu sagen gegeben. So sehen wir eine genretypische Erzählung vom guten Menschen aus San Antonio, den auch die schlimmsten Umstände nicht zum Tier machen. Der für seine Überzeugungen Leid auf sich nimmt und auch mal einen Haufen unterjochter Arbeiterknechte vor ihrem Herren dazu aufstachelt, zu rebellieren und dazu eine Rede schwingt, die Bill Pullman in »Independence Day« als US-Präsident, vor einer Menge Düsenjets stehend, nicht besser hätte halten können.

Der Fokus des Films liegt zu jeder Zeit auf Kyle Kidd und seiner Reise durch ein gebrochenes Land. Helena Zengel gibt, mit den wenigen Mitteln, die ihr bleiben, wenn ihr die Sprache genommen wird, einen außergewöhnlich intensiven Charakter. Das gelang ihr schon in »Systemsprenger«, dem Film, in dem sie die höchst fragile Benni spielt, ein Kind im Ausnahmezustand. In ihren Schreien, wenn sie gegen ihren Willen wieder irgendwo hingezerrt wird und ihren meist in die Ferne schweifenden Blicken, wenn sie kurze Momente der Ruhe erlebt, liegt der ganze Schmerz dieses Kindes, das nahezu rastlos auf der Suche nach Halt und Geborgenheit ist und genau deshalb so viel Empathie bei Kyle Kidd auslöst, der ähnliches durchmacht. Tom Hanks und Helena Zengel funktionieren grandios als Vater-Tochter-Duo, was wahrscheinlich zum großen Teil Zengels Verdienst ist, die in einem Interview zugab, vorher noch nie etwas von Tom Hanks gehört zu haben.

»Neues aus der Welt«, der zu Weihnachten 2020 noch schnell in die US-Kinos gequetscht wurde, wohl um im Oscar-Rennen noch Beachtung zu finden - und der im Rest der pandemischen Welt auf Netflix läuft -, zeigt eine Gesellschaft im Werden, aus vielen verschiedenen Traumata soll eine Nation der Geheilten entstehen. Das ist bis heute nicht gelungen. Warum auch. Das System, das diese krassen Ungleichheiten produziert, ist immer noch das gleiche, nur jetzt mit Pfirsichduschbad und Casting-Shows.

»Neues aus der Welt«: USA 2020. Regie: Paul Greengrass. Mit: Helena Zengel, Tom Hanks, Elizabeth Marvel. 119 Minuten. Auf Netflix

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