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  • Gedenken und Proteste in Dresden zum 13. Februar

Opfermythen vorm Striplokal

Lauter Protest gegen Nazikundgebung am 13. Februar in Dresden

  • Von Hendrik Lasch
  • Lesedauer: 3 Min.

Das »Angels« in Dresden ist normalerweise ein Ort für etwas anrüchige, nächtliche Vergnügungen: ein Striplokal unter den Bahngleisen, die zum Hauptbahnhof führen. Rote Lettern an der Fassade werben für »Tabledance«. Derzeit ist die Nachtbar geschlossen. Trotzdem herrschte am Samstag auf dem Vorplatz einiges Gedränge. Er wurde Neonazis als Ort für eine Kundgebung zugewiesen, zu der diese am Jahrestag der Bombenangriffe vom 13. und 14. Februar 1945 aus der Bundesrepublik und dem Ausland anreisten.

Sie propagierten auf Transparenten vor und über dem Lokal eine Sicht auf die Geschichte, die weit mehr als nur anrüchig ist. Ein anmarschierender Trupp hängte ein Plakat zunächst über das Geländer oberhalb der Bar, auf dem die Luftangriffe als »Bombenholocaust« bezeichnet werden. Das sei »ekelhafte Nazipropaganda«, rief der Sprecher einer Gegenkundgebung auf der anderen Straßenseite ins Mikrofon und bezeichnete es als »Armutszeugnis« für die zahlreich anwesenden Polizisten, dass sie die Aktion nicht unterbinden. Offenbar fruchtete der Appell. Als die Nazis von der Kleinstpartei »III. Weg« das Transparent am Rand der Kundgebung erneut entrollen wollten, verhinderten das die Beamten. Es dürfe »aus Gründen der Gefahrenabwehr« nicht gezeigt werden, teilte die Polizeidirektion Dresden später mit.

Das Scharmützel um das Plakat zeigte, dass auch an diesem 13. Februar um das Gedenken in Dresden gerungen wurde. Nazis missbrauchen es seit Jahren, um deutsche Kriegsschuld und die industrielle Vernichtung der Juden und anderer Opfergruppen in der NS-Diktatur zu relativieren. Zeitweise gehörte der entsprechende Aufmarsch zu den größten Events der Szene in Europa mit Tausenden Teilnehmern. Auch diesmal reisten neben Vertretern von NPD, III. Weg und Kameradschaften auch Gesinnungsgefährten aus der Slowakei und Tschechien an.

Gleichzeitig veränderte Corona die Lage grundlegend. In zurückliegenden Jahren hatten Initiativen um das Bündnis »Dresden nazifrei« die Naziaufmärsche mit Blockaden zu unterbinden versucht; die Folge war ein Katz-und-Maus-Spiel auch mit Ordnungsbehörden und der Polizei, die beide Lager zu trennen versuchten. Diesmal ließ die sächsische Corona-Verordnung ohnehin nur stationäre Kundgebungen mit immerhin bis zu 1000 Teilnehmern zu. Die Zahl wurde auf beiden Seiten nicht ganz ausgeschöpft. Beide Lager standen sich am Hauptbahnhof in Sicht- und Hörweite gegenüber, getrennt nur von der Trasse der Straßenbahn.

Während auf der einen Seite düstere Musik von Richard Wagner über den Platz hallte und geschichtsrevisionistische Thesen verbreitet wurden, hielt man sich auf der anderen zu Sambaklängen tanzend warm. In die Länge zog sich die Veranstaltung durch anfänglichen Widerwillen der Rechten, ausreichende Abstände einzuhalten, sowie die Unfähigkeit, genügend Ordner zu finden. Nach anderthalb Stunden war sie dennoch vorbei.

Später fand an mehreren Plätzen der Stadt eine Pandemievariante der Menschenkette statt, die zuletzt als bürgerliche Form des Protests gegen rechten Aufmärsche etabliert worden war. Dabei reichten sich Menschen die Hände und schlossen einen symbolischen Ring um das Stadtzentrum. Weil derlei momentan nicht möglich ist, wurden mit Einbruch der Dunkelheit Fotos auf prominente Gebäude projiziert, die Bürger in entsprechender Pose zeigten. Rund 1200 davon wurden nach Angaben der Stadt eingereicht und waren auf Synagoge, Rathaus, Frauen- und Kreuzkirche zu sehen.

Bei einer kleinen Gedenkveranstaltung sagte Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU), Dresden habe »einen Weg gefunden«, mit dem »Umdeuten« der Geschichte durch Neonazis umzugehen. Es sei »heute und hier klar, dass Dresden eine weltoffene Stadt ist«. FDP-Oberbürgermeister Dirk Hilbert verwahrte sich dagegen, dass »Erinnerungen verfälscht, Gedenken vereinnahmt und Fakten geleugnet« würden: »Lassen wir der Umdeutung keinen Raum!« Einige Stunden später pflegte indes die sächsische AfD am gleichen Ort mit einer Kranzniederlegung den Dresdner Opfermythos. Zu den Beteiligten gehörte der Bundestagsabgeordnete und Richter Jens Maier, der einst ein Ende des vermeintlichen »Schuldkults« gefordert hatte. Immerhin: Auch diese Veranstaltung stieß auf lautstarken Protest.

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