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  • Antifaschistisches Theater

Die Kulturschaffenden auf die Straße und in die Politik bringen

Wie viel Weimar in unseren politischen Verhältnissen steckt: Das Berliner Literaturforum im Brechthaus hat der Tradition des antifaschistischen Theaters ein zweitägiges Symposium gewidmet

  • Von Tom Wohlfarth
  • Lesedauer: 5 Min.

Die Vorstellung einer autonomen, von gesellschaftlichen Verhältnissen unabhängigen Kunst wird spätestens dann obsolet, wenn die Gesellschaft als Ganze unter Druck gerät. So etwa in der Spätzeit der Weimarer Republik, als immer mehr Kulturschaffende es als Notwendigkeit für die Kunst ansahen, der Bedrohung des Faschismus entgegenzuwirken - allen voran zwei der Begründer des politischen Theaters im 20. Jahrhundert, Erwin Piscator und Bertolt Brecht.

Angesichts der Frage, wie viel Weimar auch in unseren politischen Verhältnissen steckt, hat das Berliner Literaturforum im Brechthaus der Tradition des antifaschistischen Theaters nun ein zweitägiges Symposium gewidmet. Ein Anlass dafür war die Uraufführung des Stücks »Schwarzer Block« von Kevin Rittberger am Berliner Maxim-Gorki-Theater vergangenen Herbst. Die Inszenierung von Regisseur Sebastian Nübling machte es sich zur Aufgabe, die 100-jährige Geschichte des militanten linken Widerstands gegen faschistische und rechte Repression auf die Bühne zu bringen, wurde allerdings selbst von sympathisierenden Rezensenten vor allem als willkommene Einladung zum Widerspruch verstanden.

Die Tagung wollte die in der Stückrezeption eher zurückhaltend bewertete Frage nach der politischen Positionierung von Kunst wieder aufnehmen, wie die Organisatorin Tina Turnheim betonte: »Antifaschismus ist kein Thema, sondern eine Haltung und eine Praxis«, stellte sie klar und verwies auf eine zunehmend notwendige Politisierung des Kunst- und Theaterbetriebs seit dem Erstarken rechtsextremer Bewegungen in den vergangenen Jahren, die etwa zur Gründung des Vereins »Die Vielen« für Toleranz und Weltoffenheit führte.

Im ersten Panel sollte es vor allem um die Anfänge des antifaschistischen Theaters gehen. Der Kulturwissenschaftler Hermann Haarmann umriss die Entstehung des politischen Theater im prekären Umfeld der Weimarer Republik und berichtete vom Versuch Erwin Piscators, im sowjetischen Exil ein antifaschistisches Theater der deutschen Emigranten zu begründen. Das Projekt war aufgrund antisemitischer Denunziationen im Zuge der stalinistischen Säuberungen allerdings nicht von langer Dauer. So sah das Dilemma dieser Zeit aus: Die wichtigste antifaschistische Macht in Europa, die Sowjetunion, war selbst dem Antisemitismus verfallen.

Der Theatermacher Alexander Karschnia schloss hier an die Frage an, wie die politischen Theaterleute der Zeit überhaupt ihren Gegner zu fassen kriegen konnten. Habe doch die besondere Herausforderung des Faschismus in seiner völligen Traditionslosigkeit bestanden, der radikalen Negation des Bestehenden. Der Antifaschismus Brechts dagegen sei stets auf der Suche nach einer Tradition gewesen. In ähnlicher Weise könnten und müssten sich heute alle Künstler in der Tradition der Exilierten, wie etwa Brecht oder Piscator, verstehen.

Die Universalisierung des politischen Theaters betonte auch der Theaterwissenschaftler Nikolaus Müller-Schöll, indem er auf Heiner Müllers Anspruch verwies, »nicht politisches Theater zu machen, sondern politisch Theater zu machen«. Dasselbe müsste für ein antifaschistisches Theater gelten. So gesehen habe es auch das antifaschistische Theater Brechts »niemals gegeben. Oder anders: Es hat seine Zukunft immer noch vor sich«.

In diesem Sinne stellte Müller-Schöll der aus der NS-Zeit übernommenen »Propagandamaschine« und »autoritären Fixierung« des gegenwärtigen Theaterbetriebs ein »unmögliches Theater der Potenzialität« entgegen. Das bedeutet zum Beispiel auch so etwas wie das Gorki-Theater, das das bildungsbürgerlich-hermetische Stadttheater öffne und Menschen eine Stimme gebe, die »in dieser Gesellschaft überhaupt erstmal ankommen können müssen«, wie Müller-Schöll vielleicht einen unfreiwilligen Hauch zu gönnerhaft formulierte. Es sei ihm dann nämlich auch ganz egal, wenn die künstlerische Qualität noch zu wünschen übrig lasse.

Dieses Argument wollte die Gorki-Dramaturgin Rebecca Ajnwojner freilich nicht gelten lassen. Autor Rittberger und Regisseur Nübling etwa seien etabliert genug, dass man an sie keine Sondermaßstäbe anlegen und die Kritik an ihrer Inszenierung durchaus ernst nehmen müsse. Interessant sei aber auch, dass der Standardvorwurf ans politische Theater, es wende sich letztlich doch nur an die bereits Überzeugten, gerade für »Schwarzer Block« nicht zutreffe. Denn die vom Stück aufgeworfene Frage der Gewalt werde auch in der Linken durchaus kontrovers debattiert. Zu kurz gekommen sei im Stück allerdings die Einsicht, dass die Antifa sich nicht auf den Straßenkampf beschränke, sondern zu einem großen Teil auch Diskussionskultur und Sorgearbeit umfasse.

Am folgenden Abend konnte Kevin Rittberger zugestehen, dass dieser Aspekt seines Textes wohl aus inszenatorischen Gründen nicht mehr Raum auf der Bühne bekommen habe. Diese Lücke ein wenig schließen wollte das zweite Panel, in dem neben Rittberger auch Nele Kraushaar vom Aktionskunstkollektiv Peng! sowie die Autor*in Hengameh Yaghoobifarah zugeschaltet wurden, deren Roman »Ministerium der Träume« ein queer-migrantisches Antifa-Milieu aus Familienperspektive schildert.

Bedenkenswert war Kraushaars Plädoyer, den Antifaschismus wieder mehr als Antikapitalismus zu verstehen und beim Kampf gegen Rechtsextremismus vor allem dessen systemische Voraussetzungen in den Blick zu nehmen. Wer »vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen«, wurde des Öfteren Max Horkheimer zitiert.

Eine solche Perspektive wird freilich erschwert, wenn die neue Rechte heute vor allem auf Kulturkampf und Identitätspolitik setzt und so auch die Aufmerksamkeit der Linken von sozioökonomischen Fragen ablenkt, bemerkte im dritten und letzten Panel der Künstler Leon Kahane. Überhaupt war ihm die Begriffsarbeit oftmals zu unpräzise. Der Begriff »Antifaschismus« etwa sei gerade im Osten durch seine ideologisch ausgehöhlte Anwendung in der DDR immer noch belastet. Sein Nutzen hänge zudem davon ab, was genau man unter Faschismus versteht.

Während die rechten Kulturkämpfer versuchen, das Theater zu erobern, arbeitet der Kurator und Gründer von »Die Vielen«, Holger Bergmann, daran, die Kulturschaffenden auf die Straße und in die Politik zu bringen, um sich dort nicht nur künstlerisch für Antifaschismus und Weltoffenheit einzusetzen. Damit war freilich die spezifische Frage nach dem »antifaschistischen Theater«, die sich die Tagung gestellt hatte, einigermaßen entrückt. Oder wie der Dramaturg des themasetzenden Gorki-Stücks »Schwarzer Block«, Ludwig Haugk, in einer Videobotschaft meinte: Er könne auch nicht sagen, ob die Inszenierung antifaschistisches Theater gewesen sei.

Immerhin ist die Intendantin vom Schauspiel Dortmund, Julia Wissert, gerade dabei, ihr »wilhelminisches« Stadttheater basisdemokratisch und feministisch umzubauen. Das könnte aber »eventuell etwas länger dauern«. Hoffentlich nicht zu lange, denn einig waren sich am Ende alle, dass antifaschistische Praxis nie nur vom Status quo ausgehen könne, sondern gesamtgesellschaftlich neue Verhältnisse anstreben müsse.

Die Veranstaltung ist online nachzusehen unter https://lfbrecht.de/mediathek/

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