Für ein abschließendes Wort ist es noch zu früh

Mit dem Journalisten Gerd Walleiser im Zickzack durch die Zeiten - das Jahrhundertleben eines deutsch-deutschen Grenzgängers

  • Von Frank Schumann
  • Lesedauer: 8 Min.

Als das Luftschiff LZ 127 in 35 Tagen die Welt umrundete, passierte es auch die »Reichshauptstadt«. Haben Sie die Zigarre schweben gesehen?

Ja klar. Unser Lehrer hatte die Klasse dafür extra auf die Dachterrasse des Kaufhauses Jonass unweit des Bülow-Platzes geschleppt. Das Kredit-Warenhaus, ich glaube das erste in Deutschland überhaupt, war soeben eröffnet worden.

Da kommen Sie heute nicht mehr hinauf - es sei denn, Sie würden Mitglied des Private Member Clubs werden, des Soho Houses. Da brauchen Sie zwei Bürgen.

Das ist ja wie früher in der Partei.

Nur ein wenig exklusiver: Die nehmen nicht jeden.

Und der Monatsbeitrag ist vermutlich auch ein wenig höher.

Sie standen also Mitte August 1929 mit ihren Klassenkameraden auf dem Dach jenes Hauses in der Lothringer Straße, in das - nach der Vertreibung der jüdischen Eigentümer - schon bald die Reichsjugendführung unter Baldur von Schirach einziehen sollte. Nach dem Krieg hieß es »Haus der Einheit«, weil die Spitze der vereinigten Arbeiterpartei dort unterkam. Daran erinnern noch die Porträts des Kommunisten Wilhelm Pieck und des Sozialdemokraten Otto Grotewohl am Portal.

Später zogen dort das Institut für Marxismus-Leninismus und das Parteiarchiv ein.

Und nach der Wende stand das Haus fast anderthalb Jahrzehnte leer. Dann erwarb es eine deutsch-britische Investorengruppe, und seit 2012 ist es also Privatclub. Dort verkehren Leute wie Madonna, George Clooney und Brad Pitt.

Naja, daran war damals ganz gewiss nicht zu denken. Aber die Geschichte des Hauses bietet doch auch ein Abbild der großen Geschichte, nicht?

Sie wurden mit 18 Jahren Journalist. Gab es in der Familie Vorbilder. Oder ein Schlüsselerlebnis?

Mein Aufsatz über die Mai-Plakette, den ich als 13-Jähriger verfasst hatte, wurde vom Schuldirektor in der Aula vorgetragen. Darüber machte der Pedell - eine Art Hausmeister an unserem Gymnasium - meiner Mutter schriftlich Mitteilung. Ich nahm das als ein Zeichen des Himmels, obwohl ich wahrlich kein gläubiger Mensch bin. Mir gefiel das: auf Distanz bleiben und eine eigene Meinung haben, die man anderen mitteilt. Ohne missionarischen Eifer. Vielleicht war’s angeboren.

Inwiefern war das Erbgut?

Meine Vorfahren kommen aus der Schweiz, weshalb ich als Journalist das Pseudonym »Bruno Schweizer« benutzte. Drei Brüder aus dem Kanton Wallis folgten um 1750 dem Ruf des Großen Friedrich und wanderten in Preußen ein. Sie gehörten zu jenen Migranten, die das Oderbruch trockenlegten und kultivierten. Einer brachte es sogar bis zum Dorfschulzen von Posedin, das gehört heute zu Letschin. Der Nachfahre eines anderen, Franz Walleiser, wurde in Berlin Fotograf, hatte vier Kinder - eine Tochter wurde meine Mutter. Er arbeitete später für 50 Reichsmark in der Woche beim stadtbekannten Hofmaler Arthur Fischer. Der unterhielt in der Kaisergalerie Unter den Linden, einer 130 Meter langen Passage nach Pariser und Brüsseler Vorbild, einen Atelierbetrieb.

Als Maler war Großvater Franz Walleiser Autodidakt, aber er war ganz gut. Wenn er daheim - in seiner Freizeit und an den Wochenenden - in unserer Wohnung in der Greifswalder Straße 197 an der Staffelei stand, plauderte er mit mir über Gott und die Welt. Mehr über die Welt, denn über Gott. Er war schließlich gegen die Kirche, nannte sie Landplage. Er war ein überzeugter Republikaner und aufgeklärter Europäer. Als übrigens der Zeppelin über Berlin schwebte, war er mit Fischer gerade beim Maharadscha von Patiala in Indien, um diesen und dessen Familie zu porträtieren. Ich glaube, dass ich von ihm einiges mitbekommen habe.

Wie kam es aber, dass Sie nach dem Notabitur im März 1939 ausgerechnet beim »Völkischen Beobachter« anfingen? Ihr erster dort namentlich gezeichneter Beitrag würdigte den 50. Geburtstag des Pariser Eiffelturms.

Naja, ich war Mitarbeiter der »Unpolitischen Redaktion«. Die Abteilung hieß tatsächlich so, was ich jetzt keineswegs als Entschuldigung erwähne. Dass ich beim NSDAP-Organ gelandet war, verdankte ich meinem älteren Freund Fritz. Der hatte sein Medizinstudium abgebrochen, war rasch in der SA aufgestiegen und inzwischen stellvertretender Ressortleiter in der »Unpolitischen«.

Wie lange waren Sie dort?

Vom April bis November 1939. Mein Abteilungsleiter Waldemar Lentz übernahm damals den »Drahtlosen Dienst«. Unmittelbar nach Kriegsbeginn wurde die »Unpolitische« aufgelöst, da holte mich Lentz als »Schriftleiter in Ausbildung« zum DD. Dort arbeitete auch Günther Weisenborn - er und Lentz wiederum standen in Verbindung zu den Widerständlern Harro und Libertas Schulze-Boysen, was aber schon wieder eine andere Geschichte ist. Der »Drahtlose Dienst« war eine Abteilung im Großdeutschen Rundfunk, die Meldungen für den Hörfunk aufbereitete, welche aus dem »Propamin«, wie wir Goebbels Propagandaministerium nannten, über Ministerialrat Hans Fritzsche zu uns kamen.

Fritzsche, der in Nürnberg 1945/46 zu den zwei Dutzend Hauptangeklagten gehörte?

Eben dieser. Als ich beim »Drahtlosen Dienst« in der Berliner Mauerstraße, in einem Anbau des »Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda«, war, war der Krieg gegen Polen bereits beendet, was man auch am Mobiliar sah: An den meisten Schreibtischen stand »Radio Warszawa«.

Bevor Sie zur Wehrmacht eingezogen wurde, waren Sie 1941 noch für einige Monate bei der deutschsprachigen »Pariser Zeitung«.

Ja, dort feierte ich meinen 20. Geburtstag und war dem Krieg ganz entrückt. Danach kam ich zu einer Flakbatterie bei Wilhelmshaven und von dort nach Hoek van Holland, einer Kleinstadt am Rotterdamer Hafen. Obermaat Georg Stierle, Sozialdemokrat seit 1916 und, nach Aufenthalten in den Lagern Lichtenburg und Buchenwald, zur »Bewährung« an den Atlantikwall befohlen, nahm mich politisch an die Hand. Wir konspirierten und riskierten unser Leben. »Schorsch« traf ich später in Bonn wieder: Er saß von 1953 bis 1957 für die SPD im Bundestag. Durch ihn, aus Berichten von Bekannten, die an der Ostfront waren, und auch eigenen Beobachtungen in Berlin, wenn ich auf Urlaub war, formte sich ein antifaschistisches, antimilitaristisches Weltbild.

Sie waren in Kriegsgefangenschaft?

Nur wenige Wochen bei den Briten. Im Spätsommer ’45 war ich schon wieder in Berlin. Weisenborn, inzwischen Chefdramaturg am Schiller-Theater, vermittelte mir Gesprächspartner, die ich interviewte. Schließlich landete ich beim britisch lizensierten »Telegraf«, der erstmals am 22. März 1946 erschien. Da wurde ich Reporter, reiste - wovor die Kollegen zurückschreckten - in der sowjetischen Besatzungszone umher, schrieb über Kommunal- und Landtagswahlen und über die Beisetzung Gerhart Hauptmanns auf Hiddensee. Ich fiel auf. So kam es, dass Erich Brost mich im Frühjahr 1948 nach Bochum holte.

Wer war Erich Brost?

Ein umtriebiger Journalist, der mit den Briten aus der Emigration gekommen war und nun in der britischen Zone die »Westdeutsche Allgemeine Zeitung« gründete. Vorher war er in Berlin, wo ich ihn kennenlernte, als Kurt Schumachers Verbindungsmann zum Alliierten Kontrollrat tätig. Ich ging aber 1949 dann ins »Bundeshauptdorf«, nach Bonn, als Freier für Nachrichtenagenturen, Zeitungen und Zeitschriften, darunter für den in Hamburg erscheinenden »Pressedienst für undoktrinäre Politik«. Der wiederum stand dem Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE) nahe, wurde gleichsam dessen Organ, als die Partei 1953 in den Bundestag einzog und zwei Minister stellte. Der eine hieß Theodor Oberländer. Und der feuerte mich 1955. Das von ihm unterzeichnete Kündigungsschreiben besitze ich noch. »Der Umfang der beim ›Nachrichtendienst‹ anfallenden Arbeit erlaubt es nicht, neben der hauptamtlichen Kraft noch weitere Mitarbeiter zu beschäftigen.«

Nachrichtendienst?

Das Parteiblättchen hieß so. Aber - und das nennt man wohl Ironie der Geschichte - Oberländer wusste nicht, dass er in doppelter Hinsicht Richtiges geschrieben hatte. Im Vorjahr war ich in Leipzig zur Messe gewesen, wo es Kontakte gegeben hatte. Seit der deutschen Spaltung war ich Zeuge der politischen Entwicklungen in Bonn, die mir nicht passten. Ich wollte aktiv werden und die fortschreitende Westintegration mindestens aufzuhalten versuchen. Mir schwebte die Herausgabe einer grenzüberschreitenden, für die deutsche Einheit kämpfenden Publikation vor. Ich kannte den Bonner ADN-Korrespondenten Karl Wilhelm Gerst. »KWG« kannte sowohl Adenauer aus der Nazi-Zeit, weshalb der Kanzler schützend seine Hände über ihn breitete, als auch wichtige Leute im Osten. Jedenfalls traf ich mich in Leipzig mit einigen dieser Leute, die mir die Idee von der Postille ausredeten: Viel wichtiger für die Einheit wäre meine Arbeit in Bonn.

Vertriebenenminister Theodor Oberländer war unter anderem beim Bataillon »Nachtigall«, das in Lemberg an den Massenmorden an Juden gemeinsam mit den ukrainischen Nationalisten um Stepan Bandera beteiligt war. Nach dem Krieg gehörte er zur »Professorengruppe« der Organisation Gehlen ...

Ich weiß, ein Kriegsverbrecher. Nach dem Prozess in Berlin im April 1960, wo Oberländer in Abwesenheit wegen der Ermordung mehrerer Tausend Juden und Polen zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, musste er in Bonn seinen Hut nehmen. Das Landgericht Berlin hob übrigens 1993 das DDR-Urteil auf, weil »die Hauptverhandlung gesetzwidrig in Abwesenheit des Betroffenen geführt« worden sei.

Oberländer blieb auf freiem Fuß. Im Unterschied zu Ihnen.

Ich wurde am 26. November 1957 in Bonn verhaftet und nach einem Jahr Untersuchungshaft am 14. Januar 1959 in Köln wegen »landesverräterischer Beziehungen« zu zwei Jahren und zehn Monaten verurteilt, Auto, Radio und Fotoapparat sowie 11 000 DM wurden eingezogen. Und falls ich nach verbüßter Haft nicht in die »Zone« zurückkehren würde, sollte ich auch die Kosten des Verfahrens tragen. Am 7. Oktober 1960 feierte ich auf dem Berliner Alexanderplatz den elften Geburtstag der DDR mit meiner Frau, die ich während der Haftzeit geheiratet hatte.

Der Gerichtspräsident sprach bei der Urteilsverkündung vom »bisher größten Bonner Spionagefall«. Übertrieben?

Dabei dachte er wohl mehr an sich. Ich hatte im Gerichtssaal erklärt: »Meine Herren, Sie haben in dieser Verhandlung mehrmals gefragt, was meine illegale Tätigkeit mit der Wiedervereinigung zu tun habe. Als diese verspielt war, mussten meiner Ansicht nach wenigstens die Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten normalisiert werden.« Und dafür habe ich gearbeitet.

Nun sind Sie 100. Wie sieht Ihre Bilanz aus?

Für ein abschließendes Wort ist es für mich noch zu früh.

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