WM der Glücksgefühle

Schon dreimal Silber für die deutschen Ski-Asse in Cortina d’Ampezzo

  • Von Christoph Lother und Manuel Schwarz, Cortina d'Ampezzo
  • Lesedauer: 4 Min.

Als Andreas Sander im Sonnenschein der Dolomiten die nächste deutsche Sensations-Silbermedaille in die Höhe reckte, saß Kira Weidle schon im Auto auf dem Weg nach Hause. Den Husarenritt ihres Teamkollegen konnte die Skirennfahrerin am Sonntag aber auch von dort aus verfolgen. »Wahnsinn, absolut!«, sagte Sander, nachdem er nach Platz zwei in der WM-Abfahrt von Cortina d’Ampezzo wieder vom Podest gestiegen war. Genau an dieser Stelle hatte tags zuvor schon Weidle nach Rang zwei in der Frauen-Abfahrt gestanden - und vergangenen Donnerstag Romed Baumann nach Silber im Super-G.

Es war eine Wahnsinnswoche für den Deutschen Skiverband (DSV) bei den Titelkämpfen in Italien. Die dauern noch bis Sonntag, aber schon jetzt gehen die Superlative für dieses deutsche Wintermärchen aus. »Für uns ist das gleichzusetzen mit einer Goldmedaille«, sagte DSV-Alpinchef Wolfgang Maier nach Sanders famoser Fahrt auf der kniffeligen Vertigine-Strecke. »Für unser Team ist das ein absolutes Sensationsergebnis«, sagte Maier, dessen Equipe im Medaillenspiegel aktuell auf Platz drei hinter der Schweiz und Österreich liegt.

Nach Jahren der vergeblichen Podestjagd im Weltcup raste Sander ausgerechnet bei der Weltmeisterschaft in der Königsdisziplin auf das Treppchen. Dass er Gold um die Winzigkeit einer Hundertstelsekunde hinter dem Österreicher Vincent Kriechmayr verpasste, minderte die Euphorie und die Freude kein bisschen. »Das hätte ich mir nicht erträumen können. Das war ein perfekter Tag«, sagte der Ennepetaler, der den Schweizer Mitfavoriten Beat Feuz auf Platz drei verwies.

In 147 Weltcups, drei Olympia-Rennen und acht WM-Events hatte es Sander nie auf ein Podium geschafft. Drei fünfte Plätze - unter anderem in diesem Winter beim Super-G in Gröden und der Abfahrt in Kitzbühel - waren seine besten Resultate. Und nun gelang das Happy End von Cortina. »Ich wollte es unbedingt zeigen«, berichtete der 31-Jährige von seinem Gefühl am Start. Nach seinem neunten Platz im Super-G am Donnerstag habe er gehadert. Doch diesmal fand der Routinier den nötigen »Mix aus Konzentration und Lockerheit«, wie Teamkollege und Rückkehrer Thomas Dreßen analysierte.

Der 27-Jährige wurde bei seinem Comeback genau wie die anderen deutschen Starter in der Abfahrt abgehängt und landete nach einem Patzer im entscheidenden Streckenteil auf Platz 18 (+1,68). »Ich habe mir vorgenommen, das Beste zu probieren«, sagte er und erinnerte daran, dass der Sonntag erst sein elfter Skitag nach einer Hüft-OP im November und der folgenden Reha war. Baumann landete auf Rang 14 (+1,30) und erlitt bei einem Sturz im Zielbereich Schnittverletzungen an Mund und Nase. Dominik Schwaiger wurde 22. (+2,11).

Sander schrieb mit der ersten Medaille für die deutschen Herren in einer WM-Abfahrt seit Florian Eckerts Bronze vor 20 Jahren genau wie Weidle zuvor ein Kapitel Skigeschichte. Die Starnbergerin ist seit Samstag die erste deutsche Vizeweltmeisterin in der alpinen Königsdisziplin seit Katja Seizinger 1996. Hinter der Schweizerin Corinne Suter und vor Super-G-Weltmeisterin Lara Gut-Behrami (Schweiz) fuhr Weidle zum größten Erfolg ihrer Karriere. »Ein Traum«, sagte Maier. »Eine Hammerleistung«, »Weltklasse!«

Zielgenau hatte Weidle den ganzen Winter über auf den Saisonhöhepunkt hingearbeitet, war dabei aber nur zweimal Fünfte in Val d’Isère und Crans-Montana geworden. In Cortina trat die gebürtige Schwäbin von Tag zu Tag überzeugter auf - und wirkte letztlich selbst am wenigsten überrascht von ihrem Coup. Golden glänze ihr Silber fast schon, sagte sie einfach glücklich und zufrieden. »Sie ist als Persönlichkeit gereift«, lobte Bundestrainer Jürgen Graller, »sie ist schon ziemlich abgebrüht und fokussiert.«

Im Schatten, aber auch unterstützt von Viktoria Rebensburg war Weidle in den vergangenen Wintern vom Talent zur Topathletin herangewachsen. Nach dem Rücktritt der Riesenslalom-Olympiasiegerin und den Verletzungen anderer deutscher Speedspezialistinnen tingelte Weidle weitgehend allein durch die bisherige Saison. Doch gestört hat sie das offenbar nicht. Auch technisch habe sie sich verbessert, findet Graller. Und: Mit 24 Jahren ist sie für eine Abfahrerin noch jung, steht daher womöglich erst am Anfang einer großen Karriere.

Zu ihrer Bronzemedaille von der Junioren-WM 2017 ist jetzt jedenfalls bereits eine »Big Sister« dazugekommen, wie Weidle es ausdrückte. Und »es kommen noch ein paar Großereignisse«, sagte sie bereits mit Blick voraus, »nächstes Jahr Olympia, dann wieder eine WM«. Perspektivisch auch die Spiele 2026, die die alpinen Damen erneut nach Cortina führen - dorthin, wo das DSV-Team gerade seinen besten WM-Start seit den Heim-Titelkämpfen 1978 in Garmisch-Partenkirchen hingelegt hat. dpa

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